Bernd F. Schulte
Stasi-Agent als Berater* bei Audi!
AUDI, VW und die DDR, 1983-1990.
Der DDR-Automobilhistoriker, Dr. Peter Kirchberg (alias I[nformeller]M[itarbeiter] "Stuck") ist spätestens seit der Wende in Ingolstadt als AUDI-Spezialist gut angeschrieben. Wie konnte es dazu kommen? Bereits in den 80iger Jahren plante der Dresdener Automobilhistoriker, im Westen Anschluss zu finden. Dazu benutzte er systematisch seine guten Beziehungen zu dem damaligen VW-Firmenarchivar, vergalt dies diesem jedoch, indem er das Telefonverzeichnis von VW für das M[inisterium]f[ür]S[aatssicherheit] ("Operative Dienststelle" Dresden) kopierte.
Doch das war den Wolfsburgern, denn hinter dem Firmenhistoriker Dr. Bernd Wiersch stand der damalige Vorstandsvorsitzende, mehr oder weniger egal. Beiden ging es um die Auto Union Akten in Dresden, und an diese hofften sie über Kirchberg heranzukommen. Als das Jubiläum "100 Jahre Automobil"(1986) heranrückte, plante auch "AUDI NSU AUTO UNION" in Ingolstadt, das Feld nicht Mercedes allein zu überlassen. Dazu wurde der Verfasser als Produzent eines "Audi Traditionsfilmes" angeheuert. Diesem war klar, dass es - ohne archivalisch gesicherte Basis - zu keinem annehmbaren Ergebnis käme. Aus diesem Grund versuchte er über die "Verkehrshochschule Dresden" (und Herrn Kirchberg dort) die Restakten der Auto Union (1930-1945) im Dresdener Hauptstaatsarchiv einzusehen.
Das Angebot der Verkehrshochschule "Friedrich List", und deren Forschungsdirektor (IM "Manfred"), fiel sehr entgegenkommend aus. Als der Vertrag am 2.10.1984 geschlossen werden sollte, "schnappte" dieser jedoch "ab". Am Tag zuvor lag Dr. Wierschs (VW/Wolfsburg) "Verbot", jeglicher Abmachung mit dem Verfasser, in Dresden auf dem Tisch. An dieser Entwicklung hatte der IM "Stuck" (Dr.P.Kirchberg) entscheidenden Anteil. Dessen Kontakt zu seinem Freund Wiersch, dessen Einwirkung auf das Staatsarchiv Dresden, die Staatliche Archivverwaltung der DDR in Potsdam und das Mfs führten dazu, dass der wissenschaftliche Leumund des Verfassers, durch "üble Nachrede", derart beschädigt wurde, dass das Projekt des Verfassers gegen ein parallel von VW vorgelegtes, ausgetauscht wurde. Dies, zumal aus Ingolstadt - von der "Audi NSU Auto Union GmbH" (heute: Audi AG), der Auftraggeberin des Verfassers, parallel der gleiche Vorstoß unternommen worden war. Hieran anschließend setzte, mit dem VW-Vertrag für die Verkehrshochschule Dresden, der inneramtliche Aufstieg des IM "Stuck" zu höheren Weihen ein.
Den Hintergrund dafür bildete, abseits jeglicher Moral, der Kampf zwischen dem VW-Vorstandsvorsitzenden Dr. Carl H. Hahn (Wolfsburg) und dem Audi-Vorstandsvorsitzenden Dr. Wolfgang R.Habbel (Ingolstadt). Dessen Pressechef hatte nämlich den Fehler begangen, Habbel in München zum "Manager des Jahres" küren zu lassen, dabei jedoch vergessen, dass dies Hahn noch nicht gewesen war. So wurde, kurzer Hand, der Ingolstädter Pressemann im Juli1985 entfernt und auf Habbel folgte, mehr oder weniger anschließend, der neue Vorstand Ferdinand Piech. Dass diese Verwerfungen, für die Bemühungen des Verfassers "jenseits der Mauer", zu - für diesen - äußerst gefährlichen Bewegungen des Mfs führten, mag Kirchberg - aber erstaunlicherweise auch Hahn und Habbel - gleichgültig gewesen sein.
Am 10. September 2004 weiht nun Audi das neue "Horch-Museum" in Zwickau ein. Ob unter Beteiligung des IM "Stuck" - wäre interessant zu erfahren.
*) Audi legt Wert darauf (so mir vom VDA mitgeteilt), dass Herr Kirchberg nicht "Museumsleiter" in Ingolstadt ist. Wieso mir dies von dessen Vorgesetztem Herrn Franck im August, während unserer Unterredung zum Thema am Starnberger See, nicht deutlich gemacht wurde, erkenne ich nicht. "Operative Dienststelle" steht für die TH-Dresden /Verkehrshochschule Dresden.
Der Beitrag bietet einen Ausschnitt/Auszug aus dem in Kürze erscheinenden Buch: Bernd F.Schulte, China begann an der Elbe. Der VW-Konzern und die DDR, 1983-1990" (Arbeitstitel/erscheint: 2004).
1. Dokument.
(Auszug aus: Bernd F. Schulte, China begann an der Elbe, erscheint in Kürze)
[...] Am 11. Oktober traf Kirchberg im "Waldmax" in Dresden erneut seinen Kontaktmann zur Operativen Diensteinheit des Mfs. Um 14.30 Uhr wurde vom IMS "Stuck" ein Bericht zu den Fragen vorgelegt:
"was ist das für eine Person, wie geht es weiter, welche Aufgaben fallen auf IM an[?]"
Festgehalten wurde:
"Treff wurde planmäßig durchgeführt. Der Bericht zu Dr[.] Schulte hatte d[er]. IM. fertiggestellt, er wurde durchgesprochen und noch weidlich ergänzt. Dieser Bericht dient als Grundlage für die Erarbeitung einer Info an die Abt[eilung] XV zu Schulte. Gleichzeitig wird dieser Bericht durch Nutzung von IM des Ref[erates] II auf sachliche Richtigkeit überprüft >Info...von Ref[erat] II. Bericht des IM d[es]. Ref[erat] II ergab sachliche Richtigkeit. Es ist aber zu beachten, dass der IM Kontakte berichtet und schriftstellerische Umschreibungen vermeidet. > wird ... IM im nächsten Treff ausgeweitet".
Als "neuer Auftrag und Verhaltenslinie" wurde formuliert:
"Wertung des Vorhabens ... VW, was kommt auf IM ["Stuck"] zu[?]" Treffbericht, 11.10.1984, Bl. 21f.)
2. Dokument.
(Auszug aus: Bernd F. Schulte, China begann an der Elbe, erscheint in Kürze)
"Wie die Untersuchung bisher gezeigt hat, läuft ein zentraler Faden innerhalb der Verkehrhochschule durch die Hände Dr. Kirchbergs. Dieser war Informeller Mitarbeiter der "Operativen Dienststelle" des Mfs/Dresden und berichtete auftragsgemäß über die Hintergründe meines Gesprächs mit der Verkehrshochschule. Kirchberg fasste, anlässlich eines informellen "Treffs" mit seinem Führungsoffizier, am 4.September, zusammen:
"Anfang Juni erfuhr ich vom Direktor für
Forschung, Dr. Herkner, daß eine Anfrage eines Hamburger Wissenschaftlers, Dr. Schulte,
nach Forschungsleistungen zur Geschichte der Auto Union vorlag. Ich habe die Möglichkeit
solcher immaterieller Exportleistungen grundsätzlich bejaht. Entsprechend wurde vom Dr.
Herkner die Anfrage dann auch beantwortet. Wenige Zeit nach dieser - für Dr. Schulte
möglicherweise unerwartet - positiven Antwort ging in der Hochschule eine weitere ähnlich
gelagerte Anfrage der Auto Union, Ingolstadt, ein. Unterzeichner dieses mir ebenfalls
über Dr. Herkner zur Kenntnis gebrachten Briefes war ein gewisser [Herr Höland]
[...]"
Auf Anforderung habe ich mögliche Themen für anzufertigende Studien genannt und in der
Ausführung spezifiziert. Auf dieses Angebot ist bisher Dr. Schulte positiv eingegangen.
[...] Dr. Schulte wird in nächster Zeit die Hochschule besuchen, um den Vertrag
auszuhandeln. Die von mir formulierten Themenvorschläge orientieren sich am Charakter
einer gezielten und sachkundig vorgenommenen Materialsammlung.
Soweit der Sachverhalt, nun zur Bedeutung dieser Vorhaben. Die
Aktivität der Unternehmen des Automobilbaus ist bestimmt durch den 100. Jahrestag des
Kraftfahrzeugs und zu 1986. Nach mir bekannten Urteilen westdeutscher
Fachjournalisten droht dieses Jubiläum zu einer einzigen Daimler-Benz Propaganda
zu werden. Aus diesem Grund bemühen sich auch andere Unternehmen um den Nachweis
wichtiger Traditionslinien im eigenen Konzernverband. BMW hat bereits jetzt eine
ganze Buchserie zur eigenen Geschichte herausgebracht und auch die Auto Union plant
Öffentlichkeitsaktivitäten, mit denen sie noch vor Daimler-Benz aufkreuzen will.
Das erklärt
1. den Termindruck
2. die zeitlich begrenzte Dauer eines möglichen Geschäftes mit uns
3. die Bereitschaft oder die Möglichkeit, solche Leistungen gut bis sehr gut zu bezahlen.
Hierbei ist davon auszugehen, daß die Auto Union in den 30er Jahren der bedeutendste
und größte Konkurrent von Daimler-Benz war. Besonders zeigte sich das im Rennsport. Das
große Interesse an dessen Aufbereitung zeigte sich bereits erwähnten Brief des[Herrn
Höland...]. Ich kann ergänzend dazu mitteilen, daß nach Erscheinen des Buches
"Grand Prix Report der Auto Union" ganze darin verarbeitete und zitierte
Aktenbände von einem großen Unternehmen der westdeutschen Automobilindustrie beim
Staatsarchiv in Dresden zur Verfilmung in Auftrag gegeben worden sind. (VW)[handschr.]
An dieser Stelle muß auf einen wichtigen Sachverhalt hingewiesen werden. Wenn sie auch
zweifellos Möglichkeiten selbständiger Aktivitäten hat und diese auch
eigenverantwortlich finanziell absichern kann, so darf doch die Einflußmöglichkeit
der Zentrale nicht unterschätzt werden. Das gewinnt in unserem Zusammenhang insofern
an Bedeutung, als gegenwärtig eines der bedeutendsten industriellen
Investitionsvorhaben der DDR in Zusammenarbeit mit dem VW-Konzern vorbereitet wird,
das Golf-Motoren Werk...[dahinter stände der Vorstand Dr. Hahn].
Hier werden also zweifellos persönliche Ambitionen geweckt werden, so daß der
gesamte auf Langfristigkeit angelegte Forschungsauftrag hierdurch mit beeinflußt werden
könnte. An diesem Punkte berührt das gesamte Projekt die 'große Politik' und
sollte auch unter diesem Aspekt sorgfältig durchdacht und vor allem abgestimmt werden,
weil es letzten Endes eine gewisse flankierende Maßnahme zur industriellen Aktivität
dargestellt.
Herr Dr. Schulte hat in diesem Rahmen nach meinem Dafürhalten nur die Funktion des
Vorreiters, der sich erforderlich machte, weil sich [handschr.] die DDR bisher den
Anliegen von privaten Leuten gegenüber wesentlich eher geneigt zeigte als denen von
Unternehmen, jedenfalls auf dem Gebiet der Geschichtsforschung. Bei Ablehnung der
Kooperation durch die Hochschule wäre Dr. Schulte lediglich auf eigene Archivforschungen
ausgewichen. Er hat bereits nach eigenen Bemerkungen in seinen Briefen die
Nutzungsgenehmigung dafür in der Tasche. Allerdings gilt diese anderen Themen. In
Verbindung mit der Mikroverfilmung ganzer Akten wäre da durchaus bald eine eigene
tragfähige Grundlage zu schaffen" [handschr.: "Für HfV: ca. 5 Jahre [-]
ca. 250.000 DM"] (Bericht Dr. Peter Kircherg (alias "Stuck") an Stasi
Zentrale Dresden, 4.9.1984, Bl. 16f.) (Hervorh.v.m., B.S.).
Dies war die Stellungnahme Kirchbergs, bevor es zu dem entscheidenden Gespräch in Dresden kam. Die, wie dieser ausführte, so überraschend positive Antwort der Verkehrshochschule datierte vom 8. Juni 1984. An eben diesem Tag sprach Herr Höland von Audi, im Auftrag des Vorstandsvorsitzenden Dr. Wolfgang R. Habbel, mit Herrn Kirchberg über meinen Film und registrierte dessen Bereitschaft zu einem Gespräch. Am 6. Juni hatte Wiersch von einer großen Aktionen (Archivmaterial) von Audi gesprochen. Seit dem 19. Januar wusste Dr. Ulmer (Chef in nuce der Traditionsgesellschaft, der Auto Union GmbH) von meinen Plänen (Tagebuch Schulte 1984). Nahezu postwendend war die Intervention aus Ingolstadt erfolgt - und dies, ohne mir auch nur eine Andeutung zu machen. Leicht konnte eintreten, denn von Dresden wurde ich als "Bundeswehrspion" beim Mfs denunziert, dass ich in den DDR-Gefängnissen verschwunden wäre. Das wurde mir von Mfs Mitarbeitern bestätigt. Wiersch war, von Wolfsburg aus, durchaus ähnlich vorgegangen. Ich wurde als Hochstapler hingestellt. Zusätzlich wurden die Kontakte mit Dresden nun von VW intensiviert. Liefen diese doch seit Jahren von VW, über Dieter Jokisch, Steuerbeamter in Korbach, zu Kirchberg in Dresden. Jedenfalls verhehlte dieser keineswegs, gegenüber seinem Führungsoffizier, seine geringe Sympathie für mein Unterfangen und nutzte erneut staatspolitisch hochgewichtige Gegengründe, wie das "Golf-Motorenwerk" mit VW, und dessen Bedeutung für die DDR-Volkswirtschaft. Damit war die gesamte Breite der Probleme umschrieben, die mein Vordringen in die inneren Bezüge der DDR aufwarf."