Das Buch zum Ende der DDR.

Große Politik und "kleine" (Industrie-)Interessen.


Die Geschichte des Zusammenbruchs der DDR, unter dem Druck von westdeutscher Industrie und Politik, wird hier thematisiert.



Ehemaliger Vorstand und ehemaliger IM,
Foto: www.100jahreauto.de

Dass in diesem Zusammenhang die Rolle der Volkswagen AG - via deren Ostgeschäft mit dem östlichen deutschen Staat - entscheidende Bedeutung zukam, wird am Bespiel des Pkw-Projektes "Student" für den neuen DDR-"Volks"-Wagen entwickelt. Dieses Handelsgeschäft stand gleichzeitig in enger Interdependenz mit der bundesdeutschen Außenpolitik und bildete eine Voraussetzung für die Politik des "den Kommunismus unter Bedrohung halten", wie dies der frühere Flickmanager von Brauchitsch ausdrückte, durch das MfS der DDR angezapft. Wie eingehend der ostdeutsche Geheimdienst über die Vorstellungen und Absichten der westdeutschen Industriemanager orientiert war, unterstreicht die Tatsache, dass sich z.B. vier Vertrauensleute des MfS im Vorstand der Volkswagen AG befanden. So finden die Ansichten der Volkswagenführung unter Carl Hahn, in den Gesprächen und Verhandlungen mit der DDR-Wirtschaftsführung ihren detaillierten Niederschlag in den Protokollen des Ministeriums für Staatssicherheit.

Wie intensiv sich die Bemühungen des Volkswagen Konzerns um die Entwicklung der Geschäftsbeziehungen zur DDR-Wirtschaft entwickelten, wird gleichzeitig deutlich durch Vorgänge auf der elementaren Ebene eines Filmprojektes für die Audi AG. Da dieses Ausdruck des Ingolstädter Bestrebens um Selbständigkeit neben Wolfsburg war, und sich naturgemäß mit den Wurzeln der Auto Union AG (1930-1945) in Sachsen beschäftigen musste, kam es zur Nagelprobe im Machtkampf zwischen dem Audi-Vorstand Wolfgang R. Habbel (wie dessen Öffentlichkeitsarbeitschef Detmar Grosse Leege) und Carl H. Hahn. Im Zusammenspiel mit MfS und DDR-Staatsführung (G.Mittag/Beil, IM Kircherg) wehrte Wolfsburg diesen Vorstoß Ingolstadts ab und nahm dabei in Kauf, dass westdeutsche Vertreter der Audi-Bestrebungen in Gefahr gerieten.

Darüber hinaus spielte Wolfsburg mit Vertretern des MfS in Dresden in dem Bestreben zusammen, die Geschichte des Auto Union Konzerns (in Sonderheit der Unterfirma DKW) zentral weiterhin in der Wolfsburger Abeilung Archiv-Geschichte-Museum zu platzieren. Entscheidend für Entwicklungen in Richtung auf einen "Handelsvertrag" mit der DDR (November 1984) war jedoch der aufwendige Versuch, ein VW-Modell als DDR-"Volks"-Wagen zu verkaufen. Die Finanzierung dieses Projektes scheiterte bereits im Ansatz an der Unfähigkeit der DDR-Wirtschaft, qualitativ genügende Rumpfmotoren, im Wege der Refinanzierung, an Wolfsburg zu liefern. Dennoch blieb aber Volkswagen dabei, dieses Geschäft durchzuführen und dies mit dem Ziel, die DDR sich finanziell zu verpflichten. Damit bestand in Zukunft - so die Erwartung dieses "Volkswagen-Plans" - die Chance, die DDR in finanzielle Abhängigkeit von der Bundesrepublik zu manövrieren und damit ein Abschwimmen dieses "cornerstone" von RGW und Warschauer Pakt nach Westen zu bewirken.

Parallel verfiel die Zustimmung des Volkes der DDR zu deren Staat zunehmend. Die hochbrisanten Quellen aus den Archiven des Ministeriums für Staatssicherheit zeigen, die immer aggressiver werdende Stimmung der arbeitenden Bevölkerung, angesichts des mit Händen zu greifenden Missmanagements an Haupt und Gliedern der DDR-Wirtschaft. So wird, neben einer Innenansicht des Volkswagen-Konzerns, gleichzeitig an den strukturellen Problemen der DDR erkennbar, wie aussichtsreich der Plan war, die DDR-Industrie zum Zulieferer von Volkswagen zu machen und damit bereit, diese finanziell in die Hände des Westens zu manövrieren (Strauß-Kredit/1983).

Von all diesem findet sich natürlich in den gegenwärtigen "Jubel- und Siegesfeiern" nichts.

Dr. Bernd F. Schulte



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