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Editorial


Die Ursprünge des Ersten Weltkrieges werden immer wieder in Deutschland übergangen; dies seit Fritz Fischer, mit einem Paukenschlag, 1961 das Konstrukt der Nach-1945-Epoche (des zu großen Teilen nur mitverantwortlichen Deutschen Reich) zerstörte. So kam es dazu, dass in den Folgejahren – zwischen 1974 und 2004 – ein Fortschritt in der Diskussion um den Ausbruch des Ersten Weltkrieges nur mühsam vorankam. Und wenn inzwischen neue Beiträge aus deutscher Sicht formuliert werden, dann überkompliziert, verklausuliert apologethisch, und in Theoreme verpackt oder in abseitigen Revieren jagend.

Die großen Fragen der Geschichte negieren deutsche Wissenschaft, wie die deutsche politische Führungselite. Ein wenig ehrenhaftes, Sich-Um-die-Dinge-Herumdrücken regiert allenthalben. Es ist ja viel ertragreicher, als „Handelsstaat“ zu profitieren, anstatt sich als „Kriegerstaat“ an den Haupt- und Staatsaktionen der Bündnispartner zu beteiligen. Das war ein erfolgsträchtiges Rezept, als der halbsouveräne deutsche Reststaat sich immer dann auf Zahlungen herausredete, wenn in der jüngsten Geschichtsepoche Energie- und Weltanschauungskriege ausgetragen wurden.

Doch für jeglichen staatlichen Fortbestand weit gefährlicher war die systematisch in der Bundesrepublik gezüchtete, alles Unbequeme in den internationalen Beziehungen negierende, Grundhaltung der Gesellschaft. Die Rolle der bewaffneten Macht wurde stets aus ungerechtfertigter Opposition betrachtet. Skandale strukturierten zuförderst das Bild der Armee in Deutschland. Dass in einem sozialen Verbund, der zunächst als Erwerbsgemeinschaft für monetäre Erfolge galt, Leitvorstellungen von Bestand nicht entwickelt werden konnten, überrascht nicht. Probleme wurden in erster Linie nicht gesehen, verschoben, oder ungelöst „mit Geld zugeschüttet“.

So befindet sich ein innerlich geschwächtes Deutschland, das äußerlich auf einem Höhepunkt seiner Geschichte zu stehen scheint, in der Gefahr, zwischen den selbstgewählten Mühlsteinen der europäischen Einigung und der amerikanischen Freundschaft zermahlen zu werden. Denn ähnlich wie das Kaiserreich mit der Torheit, durch die Engländer unbemerkt, eine Waffe gegen die Überlegenheit Großbritanniens in der Welt schmieden zu können, ins Abseits geriet, begibt sich die Bundesrepublik (mit Europa) auf die abschüssige Strasse, eine neue „Weltmacht Europa“ neben die USA zu stellen. Dass beide Male eine Antwort erfolgen mußte, erlebten und erleben wir mit dem Ersten Weltkrieg, und gerade mit dem Finanz- und Währungskrieg um Euro und EU.

Es erweist sich, dass die „alten Hefte“ von 1914 nicht weit tragen. Das hätte seit 1945 an sich bereits bekannt sein müssen. Aber die Erinnerung an diese Erkenntnis schwand. Das Konzept der Rathenau, Bethmann Hollweg und Wilhelm II. von 1914 führt uns erneut in Turbulenzen. Das Studium der deutsch-amerikanischen Beziehungen zwischen 1914 und 1917, wie zwischen 1937 und 1941 würde uns weiter geführt haben. Internationale Politik ist eben kein politikwissenschaftliches Oberseminar, sondern dreht sich ausschließlich um Interessen. Und dass die deutschen und die amerikanischen parallel laufen sollten, wird uns gerade demonstriert.

 

Hamburg, den 31.8.2011.

Bernd F. Schulte

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