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Bernd F. Schulte

England war nicht besser - nur erfolgreicher!

Niall Fergusons Ansichten zur Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges.


Fischer und der "lange Krieg".

Es geht im wesentlichen um die Fragen des Kriegsausbruch 1914. Die einen wollen Fischer "weiterentwickeln", die anderen ihn widerlegen. Uns interessiert hier der reale Ertrag des Fergusons-Buches und weniger publikumswirksame Überblicke.- Der Schüler Pogge von Strandmanns/Oxford schildert die Wirkung des Fischer-Werkes "Griff nach der Weltmacht" als dadurch charakterisiert, daß "die deutschen Kriegsziele im Ersten Weltkrieg ... sich kaum von jenen unterschieden" hätten, "die Hitler im Zweiten verfolgte". Damit sei die These vom "Betriebsunfall" deutscher Geschichte mit Hitler widerlegt. Fischer sei im Folgenden, von ihm angeregten jüngeren Historikern gefolgt, indem er "Deutschlands expansionistische Außenpolitik zur Innenpolitik in Beziehung" gesetzt habe. Weiter wird daran gezweifelt, ob es "einen [deutschen] Kriegsplan" gegeben habe,

"der auf den Dezember 1912 zurückging und sich auf die Überzeugung gründete, bei einem Eroberungskrieg gegen Rußland und Frankreich könne die Neutralität Großbritanniens sichergestellt werden?"

Also, Krieg zurückgehend auf eine Politik des "kalkulierten Risikos" oder um "ein Kolonialreich in Afrika zu erlangen", und das alles bei einer wie auch immer gearteten Neutralität Englands? Ferguson stellt demgegenüber die Frage:

"War Großbritannien im Jahre 1914 wirklich mit einer derartigen Bedrohung seiner Sicherheit konfrontiert, daß es notwendig war, Millionen von kaum ausgebildeten Rekruten über den Kanal und noch weiter fortzuschicken, um Deutschland und seine Verbündeten zu zermürben?"(S.31)

Angesichts dieser Fragestellung könnten wir fragen: wäre es dann mit besser vorbereiteten Soldaten "erlaubt" gewesen? - Ferguson sucht die Antwort darauf über "kontrafaktische Szenarien", die zeigen sollen, "wie sich die Ereignisse hätten entwickeln können, wenn die Umstände auf die eine oder andere Art anders gewesen wären" (S.33).

Der Zukunftskrieg.

Das Bild vom "Krieg der Zukunft" wird immer wieder von konservativen Historikern gezeichnet, als hätten die 1914 Verantwortlichen den langen Krieg für wahrscheinlicher gehalten. - Was natürlich bedeuten soll: angesichts dieser Erwartung konnten die deutschen Entscheidungsträger gar nicht einen derartigen Krieg auslösen! - Was die Existenz einer "moralischen" Politik voraussetzte (S.40f.). Dazu wird in jüngster Zeit immer wieder die letzte Reichtagsrede des älteren Moltke bemüht, die durch das Reichsarchivwerk spätestens 1930 betont, dem Zweck dienen soll, für Deutschland zu beweisen, dort sei in der militärischen Führung die Erwartung leitend gewesen, der nächste europäische Konflikt werde ein langer Krieg sein (S.41).

Neuerdings werden die Ergebnisse meines Buches zur deutschen Armee* allseits betont. So etwa die zurückgebliebene deutsche Taktik vor dem Ersten Weltkrieg. Dazu wird das Werk des Polen Bloch wieder einmal hervorgeholt und so getan, als ob dieses in der Zeit in allen Köpfen gewesen sei. Ein Werk, das heute signifikanterweise in kaum einer deutschen Bibliothek zu finden ist (S.43). Daß allerdings Fergusons Ansatz, mit größerer Aufmerksamkeit die englischen Informationsgrundlagen vor 1914 verfolgt, muß den Hinweis ertragen, daß wichtige englische Quellen, wie zum Beispiel jene der englischen Spionage-Auslandsabteilung, unzugänglich sind. Demnach allgemein ein Ungleichgewicht vor allem der komparatistischen Deutung vorausgesetzt werden muß, da bislang vorwiegend nur die deutschen Akten umfassend offengelegt wurden (S.46). Die englischen Sorgen vor einer deutschen Invasion waren übertrieben (S.48). Die Bedeutung des politisch-aggressiven Kleinbürgertums in Deutschland - im Gegensatz zum Bildungsbürgertum - weist der Brite unter Abwehr von Kontinuitätstendenzen hin zu Hitler zurück. Wehrverein, Alldeutscher Verband und Kriegervereine "hatten in gleichem Maße in den Universitäten, wie den Kirchen, ihre Wurzeln". Geopolitik und Einkreisungsidee, Schopenhauer und Rassetheorien, kurz, der "Krieg als Kulturfaktor"(S.53), waren zweifellos Hintergrund deutscher politisch-strategischer Aggressivität. Ferguson behauptet, der sogenannte "radikale Nationalismus" sei nicht neu gewesen (S.54). Zweifellos ist zu berücksichtigen, daß die "Ähnlichkeiten" dieses "radikalen Nationalismus" in Deutschland mit dem "Chauvinismus" der anderen europäischen Länder "größer" gewesen sind, "als die Unterschiede" (S.57).

Losschlagen statt Abwarten.

Jedenfalls ist zu sehen, daß der angelsächsische Historiker mit seinem Hinweis auf die im Grundsatz "deutschfeindliche Politik" Greys einen wesentlichen Punkt der Vorweltkriegsdiplomatie berührt. Allerdings etwas unselektiert wertet Ferguson Zeugnisse verschiedensten Quellenwertes (Kessler, Shaw, Russel, Lichnowsky) als gleichrangig (S.58f). Wenn er, in Anlehnung an Geiss versucht, die Bedeutung des Kriegsgrundes "Balkan" herunterzustimmen, zeigt das nur, wie wenig detailliert er sich auf die tatsächlich zentralen Fragen und Weichenstellungen der Vorweltkriegsgeschichte einlassen will (S.60). In seiner Kritik der einseitigen Betonung innenpolitischer Faktoren im Rahmen der aggressiven Reichspolitik, in Wunsch, Idee und Ziel nach außen (E.Kehr), ist Ferguson sicherlich zu folgen, läßt doch diese historiographische Richtung, neben einer Fülle von Detailuntersuchungen sämtlicher Facetten des politisch-sozialen Spektrums der Reichsinnenpolitik, grundsätzliche Ergebnisse für die großen Fragen der Zeitepoche vermissen. Mit Recht weist Ferguson darauf hin, daß "die Übereinstimmung zwischen deutschen Politikern, Generälen, Agrariern und Industriellen keineswegs so umfassend gewesen sei, "wie es manchmal behauptet" werde (S.63).

Jedenfalls aus "oberflächlichen" Gründen heraus einen Krieg zu entfesseln, war nicht das Ziel der deutschen Reichsleitung vor Bülow, und danach (S.64). Daß es trotz Revolutionsfurcht, wirtschaftlichem Wachstum und zunehmender Demokratisierung, wie verbreiteter Unlust am Kriege, dennoch zu einem Kriegsentschluß kam, läßt auf breit angelegte psychologische Vorbereitungen von Gesellschaft, Parteiensystem, Reichstag wie militärisch-industriellem Komplex schließen. Dies ist eine Frage, welche den Briten nicht zu interessieren scheint. Denn er meint, "die Europäer marschierten damals nicht auf den Krieg zu, sondern wandten sich vom Militarismus ab". Aber hat Ferguson noch nicht erkannt, daß es um die Meinung des Volkes in der Geschichte selten geht - gerade dann, wenn es zum Sterben auf die Schlachtfelder geht? - Der englische Forscher kommt nicht umhin, die "eindeutig aggressiven Ziele" des Reichsbankpräsidenten Rudolf Havenstein am Vorabend des Krieges zu erwähnen (S.67). Allerdings übersieht er, daß zum Beispiel das bedeutende deutsche Werftenpotential erst für den Flottenbau künstlich aufgebaut wurde. Auf die "pazifistische" Londoner City verließ sich übrigens die deutsche Politik zu lang. Und schließlich setzte sich bis zum 21.Juni bereits selbst bei Wilhelm II. der Gedanke durch,

"ob es nicht besser sein werde, jetzt gegen Rußland und Frankreich loszuschlagen, statt abzuwarten" (Hervorh.v.m., B.S.).

Daß nur noch über den Zeitpunkt der Kriegsauslösung und nicht grundsätzlich das "Ob-Überhaupt" eines Krieges seit längerem diskutiert wurde, ist damit belegt. Daß Havenstein am 18.Juni bereits die Direktoren der acht größten deutschen Banken aufgefordert hatte, ihre Goldreserven zu erhöhen, zeigt zudem, daß in Berlin eine bedeutende Krise - wenn nicht die entscheidende - vorhergesehen wurde.

Ausschlaggebender Faktor: England.

Ferguson regt die Frage an: Wer brauchte 1914 den Krieg? England sei nach Paul M.Kennedy eine "im Abstieg befindliche Macht" gewesen (S.68). Deutschland habe sich "unaufhaltsam im Aufstieg" befunden. Die Konfrontation zwischen beiden sehe Kennedy quasi als unvermeidlich. Auch bezeichnete Bethmann Hollweg England 1910 als den

"entscheidenden Rivalen Deutschlands in den Fragen der expansiven Wirtschaftspolitik" (S.71).

Aber Handelsrivalität als den Vorboten des Krieges lehnt der Brite ab. Allerdings, während England Menschen exportiert, habe sich Deutschland vom Emigrationsland zum Aspiranten europäischer Hegemonie gewandelt.- Dafür wurde aber dann jeder Einzelne benötigt und der "Kampf um Lebensraum" führte direkt zum europäischen Konflikt (S.72f.). Meint Ferguson das? Der Angelsachse relativiert andererseits die von deutschen Historikern überbetonte diplomatische Leistung Bismarcks Ende der siebziger Jahre. Da der Gegensatz England-Rußland/Frankreich weit bedeutender gewesen sei, als dies zumeist gesehen werde (S.74). Jedenfalls haben nicht nur England und Frankreich, sondern auch Rußland und Deutschland vor 1914 im weltpolitischen Maßstab geplant. So war ein englisch-russischer Krieg 1894 leicht möglich (S.75). Die englisch-belgischen Beziehungen über dem Kongo gleichzeitig angespannt. Es fällt hier bereits die Militanz Edward Greys auf. Gleichgewichtsdiplomatie oder Imperialismus? Der Brite stellt die Sicht einer modernistischen Forschungstradition der 70iger Jahre in Frage. Schon der Blick von außen auf Europa macht seine Sicht fruchtbar. Die europazentrische Nabelschau wird damit relativiert.- Scharf tritt der Fehler Bismarcks in seiner willkürlichen Wende gegen Rußland hervor. Damit provozierte der Kanzler die letztlich entscheidende Wende Rußlands zu Frankreich. Das Grundmuster der "Lagersituation" europäischer Vorweltkriegspolitik datiert damit aus den späten siebziger Jahren des 19.Jahrhunderts (S.77). Frankreich baute Rußland schließlich bis 1914 gegen Deutschland wirtschaftlich und militärisch auf. Ferguson betont:

"Nicht Deutschland, sondern Rußland war vor 1914 das Reich mit der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaft" (S.78).

Daß England diese Entwicklung 1888 noch nicht begriffen hatte, bestätigt nur Holsteins Zurückhaltung bei Verhandlungen über ein deutsch-englisches Bündnis. Doch letztlich, so der Forscher aus Oxford, soll der Niedergang der deutsch-englischen Beziehungen (S.80) zum Krieg geführt haben. Der britische Historiker will nicht sehen, daß die "Macht in der Macht", England, und das aufstrebende Deutschland, nicht "zusammenarbeiten" konnten. Daß Zufälle ein deutsch-englisches Agreement verhindert hätten, sagt nichts über dessen Grundpositionen und Chancen aus. Dieses Muster greift zu kurz (S.81). Letztlich - und das wird mit Fergusons Darstellung deutlich - war die kontinentale Fixierung Bismarcks wie Holsteins dafür verantwortlich, daß es nicht zu einer deutsch-englischen weltpolitisch motivierten Zusammenarbeit kam. Auf deutscher Seite Eckardstein, der in seiner anti-England Orientierung wenig wendige Bülow, und der Fehler Chamberlains auf englischer Seite, trugen dazu bei, daß der deutsch-englische Ausgleich erneut nicht zustande kam. Dennoch, deutsch-englische Kolonialbeziehungen gab es. Übereinstimmende Sichten ebenfalls. Die Bagdadbahnplanungen führten gleichfalls nicht zum Bruch. Doch der Blick in die rechte deutsche und englische Presse offenbart ein anderes Bild. Samoakrise, Venezuela, Türkei und Burenkrieg machten der Politik auf beiden Seiten das Leben schwer (S.87). Zudem der unvergorene Englandhaß Wilhelms II. , dessen Kontinental-Liga-Pläne und schließlich Marokko, ließen - wie bereits erwähnt - England auf die Seite Frankreichs, und darauf Rußlands, treten.

Gegen das Agreement mit Deutschland - so der Angelsachse - habe nicht die Stärke, sondern die Schwäche Deutschlands gesprochen. Völlig unzureichend erscheint die Begründung, gerade die Erkenntnis, Deutschland sei schwach, habe den portugisischen Ausgleich mit dem Reich obsolet werden lassen. Das wäre die Bestätigung, daß nicht Deutschland, sondern England für das Scheitern der Vorweltkriegsdiplomatie verantwortlich zeichne. Von Deutschland sei keine Bedrohung für das englische Empire ausgegangen. Er glaubt, über dem weltpolitischen Aspekt die Bedeutung Deutschlands vom Tisch wischen zu können. Doch entscheidend war für die Machtstellung Großbritanniens in der Welt, die Behauptung seiner Suprematie zur See. Entsprechend dem Kalkül Tirpitz´ in der Nordsee.- Die Zurückverlegung des englischen Flottenaufmarsches dorthin ist die Bestätigung dieses Factums. Im November 1901 habe London erkannt, so der angelsächsische Historiker, Deutschland sei schwächer als Rußland oder Frankreich. Eine Behauptung, die ein Blick auf vier Jahre Weltkrieg widerlegt. Als Bestätigung für diese "Wahl" versteht Ferguson die 1. Marokkokrise. Die Entente habe Frankreich bestätigt und "automatisch" England näher an Rußland herangeführt. Wieso Großbritannien für diese Mächte - und die USA - plädierte, und gegen Deutschland, vermag er selbst nicht zu erklären. Der Navalist versucht, indem er behauptet, Frankreich, Rußland und die USA hätten zu den "starken Mächten" gezählt, und deshalb habe England mit diesen, und nicht mit Deutschland den Ausgleich gesucht, die Schwäche seines Gedankens zu überspielen (S.91). Dabei die Bedeutung Greys herauszustreichen, erscheint zwar "en détail" interessant, bedeutet jedoch "en bloc" nichts. Daß die Bereitschaft zum Krieg nach persönlichen Schicksalsschlägen zunehme, mag von Bedeutung sein. Grey jedenfalls verlor seine Frau 1906. Bethmann Hollweg im Mai 1914 (S.94). Beide waren Partner in der Kriegskrise dieses Jahres. Grey bestätigte sein politisches "Glaubensbekenntnis" schon bevor er Außenminister wurde, im Oktober 1905. Danach war er bestrebt,

"alles in [s]meiner Kraft stehende [zu] tun, um dagegen [sich Deutschland zu[zu]wenden] anzukämpfen".

Der Premierminister seit 1908, Asquith, soll diese Politik gedeckt haben. Jedenfalls nach 1905 schätzte der englische Geheimdienst unter Lord Robertson "Deutschland" als "eine weit ernsthaftere militärische Bedrohung" denn Rußland ein, was Ferguson einige Seiten später selbst anführt. Grey bot wiederholt in den folgenden Jahren seinen Rücktritt dann an, wenn es um einen Ausgleich mit Deutschland ging; zum Beispiel als Ausweg aus gescheiterter Einkreisungspolitik (S.98). Die Planungen für den Krieg mit Deutschland - so Ferguson - hätten bereits vor 1905 begonnen. Erst im September dieses Jahres habe London beschlossen, eine "Expeditionsstreitmacht" zu entsenden. Interessant erscheint, daß stets damit gerechnet wurde, Deutschland werde die Neutralität Belgiens brechen. Das war vor 1914 Allgemeingut der Publizistik. Die Überraschung des britischen Kabinetts im August 1914 erscheint damit in einem anderen Licht. Schon im Dezember 1905 hatten sich erste Vertreter der englischen und französischen Armee getroffen, um derartige Schritte (BEF) zu erörtern. Entsprechend seiner Zielstellung drohte Grey am 9.Januar 1906 dem deutschen Botschafter mit dem englischen Eingreifen, falls es zu einem deutsch-französischen Krieg um Marokko kommen sollte (S.101). Ferguson zeigt, die englischen Militärs hatten bereits Anfang 1906 "bewaffnete Zusammenstöße mit Deutschland als unvermeidlich" betrachtet. Sollte diese Haltung Greys in Deutschland unbekannt geblieben sein? Alle Antworten dazu werfen ein kritisches Licht auf die deutschen Realitäten. Kurz nach dem Scheitern des "Büchsel-Plans" in der deutschen Führungsspitze lehnte auch die englische Admiralität ein im deutschen Admiralstab erwartetes Vorgehen der Grand Fleet in die westliche Ostsee ab (S.102). Grey erscheint als entscheidender Schmied des französisch-englischen Kriegsbündnisses. Wenn das so war - und der englische Außenminister den Krieg mit Deutschland wünschte - dann war der "steife Rücken der Franzosen" die erste Voraussetzung für das Zustandekommen einer Ausgangsposition für den Entscheidungskampf.

"Krisenkonferenzen".

Daß nicht nur in Deutschland, sondern auch in Großbritannien, "Krisenkonferenzen" stattfanden, bildet einen wesentlichen zusätzlichen Ertrag des Ferguson-Buches **. Am 23.3.1909 wurde vom CID die "Kontinentalstrategie" abgesegnet (S.103). Jedenfalls liegen die entscheidenden Konferenzen um Krieg und Frieden in London und Paris nah beieinander - wie der britische Historiker angibt. Wenn die Engländer am 27.8.1911

"den Kurs in Richtung auf eine militärische Konfrontation zwischen Großbritannien und Deutschland festlegten",

dann ist das nichts weniger als verständlich, denn die 2.Marokkokrise war Auslöser und Anlaß für derartige Vorbereitungen - analog zu 1905. - Das trifft - zunächst "en gros" für den Kriegsrat vom 8.12.1912 zu - und erst recht "en détail" für das was zuvor und darauf folgend eintrat! Jedenfalls war eine der Denkschriften des britischen Generalstabes Auslöser der Haltung Greys und Haldanes Anfang Dezember 1912. Wie weitsichtig britische Generäle argumentierten, offenbart die Stellungnahme des britischen Generalstabschefs Henry Wilson,

"der voraussagte, der Krieg würde durch einen Zusammenstoß zwischen der deutschen Angriffsspitze von 40 Divisionen, die zwischen Maubeuge und Verdun durchstoßen werde, und einer französischen Streitmacht von höchstens 39 Divisionen entschieden werden, so daß es recht wahrscheinlich sei, daß unsere [englischen] sechs Divisionen den ausschlaggebenden Faktor darstellen werden" (S.103).

So siegte - wie in Berlin und Kiel - auch in London die Armee.- Daß selbst in London, parallel zum sogenannten Kriegsrat vom 8.12.1912 in einer weiteren "Krisenkonferenz" am 6.12.1912 über die Neutralität Belgiens und Hollands gerechtet wurde, führt Ferguson in großer Breite vor (S.104ff.). Er spricht offen aus:

"Hätte Deutschland nicht im Jahre 1914 die belgische Neutralität verletzt, dann würde Großbritannien dies getan haben".

Und daß englische "Krisenkonferenzen" stärker "entscheidungsbetont" als deutsche gewesen sein sollen, kann schon deshalb nicht bestätigt werden, weil der Brite sich ausschließlich auf den Kriegsrat vom 8.12.1912 bezieht (S.106). Jedenfalls erscheint, vor dem Hintergrund der aggressiven englischen Absichten im Sommer 1911, die Politik Kiderlen-Wächters (und damit Bethmann Hollwegs) als nicht so sinnlos wie bisher dargelegt (S.107). Davon habe sich die deutsche Politik vor Kriegsausbruch 1914 wohltuend friedlich abgehoben, so Ferguson. Und wohlvorbereitet durch Meerengen-, Bagdadbahn- oder Kolonialpolitik schien in London ein Krieg kaum zu erwarten. So äußerte Lord Rothschild im März 1914 zu Fürst Lichnowsky, es gebe

"soweit er die Lage beurteilen könne und Bescheid wisse, keinem Grund für Kriegsängste, und es seien keinerlei Verwicklungen zu erwarten" [Hervorh.v.m., B.S.].

Daß der angelsächsische Historiker mit seiner These, die Agreement- und Flottenverhandlungen zwischen Dezember 1907 und Februar 1912 hätten keinerlei Bedeutung, in einer Einbahnstraße steckt, liegt auf der Hand (S.109). Daß es die Frage der englischen Neutralität war, welche die Verhandlungen scheitern ließ, weist in die Richtung, daß London die Absichten Berlins durchaus durchschaute. Schließlich war Grey unnachgiebiger als Bethmann Hollweg. Daß der englische Außenminister durchaus adäquat dachte, zeigt Ferguson durchaus (S.111-13). Auch liegt der Brite mit seiner Unterschätzung Deutschlands falsch, bestätigen das doch Committee of Imperial Defence und Foreign Office zwischen 1908 und 1911. So erkennt das CID die deutsche Gefahr umfassend am 15.8.1911. Ferguson rettet sich nicht, wenn er von "weiteren Übertreibungen" spricht. Stattdessen ist sein Zitat von Geheimdienstberichten ohne Beweiskraft, da allseits bekannt ist, wie gering der Wahrheitsgehalt derartiger Dossiers allgemein eingeschätzt wird (S.114f.). Gerade aber die Behauptung des Briten bleibt zu erwägen, "daß Großbritannien mit Frankreich und Rußland verbündet bliebe", habe "es notwendig" gemacht, "den Deutschen monströse Pläne für die Beherrschung Europas zu unterstellen". Natürlich weist er zurück, Englands "Außenpolitik und die militärische Planung... hätten unausweichlich zum Kriege geführt" (S.115) [Hervorh.v.m., B.S.]. So sei zum Beispiel während der "Krisenkonferenz" vom August 1911 auch Widerspruch gegen ein Engagement britischer Truppen auf dem Kontinent ernst genommen worden. Ja, sogar die Folgen dieser Konferenz werden durch Ferguson abgeschwächt. Zwischen September und November 1911 seien militärische Absprachen mit Frankreich "auf Eis gelegt" worden (S.117).

Eine schwere Niederlage Greys bahnte sich an. Der englische Außenminister ging daraufhin im November 1911 sogar so weit, das Kabinett zu belügen. Denn Absprachen mit Frankreich bestanden. Ob schriftlich oder nicht, ist nicht von Belang. Praktisch war die Landung, und das Operieren englischer Truppen in Nordfrankreich, vorbereitet. Grey hielt alles bis in den Juni 1914 offen (S.118). Offiziell hat der englische Außenminister Deutschland wiederholt vor einem Angriff auf Frankreich gewarnt. Doch die Bündnisse Englands waren eher informell gehalten, denn definitiv. Das blieb auch der deutschen Seite nicht verborgen. Damit war der "Köder" für Bethmann Hollweg ausgelegt, der die Hoffnung des Reichskanzlers auf eine - wie auch immer geartete - Neutralität Großbritanniens bis zum letzten Moment nährte, und letztlich Bethmann Hollweg zu seinem riskanten Spiel in der Julikrise 1914 veranlaßte (S.119). So gelangt Ferguson zu dem Schluß, die "Mischung von diplomatischen und strategischen Verpflichtungen [Englands] sowie militärischen und politischen Nichtverpflichtungen" habe "einen Kontinentalkrieg eher wahrscheinlicher als unwahrscheinlicher" gemacht" (S.120). Hätte dann nicht, wenn die These Ritters von der unheilvollen Wirkung des Rüstungswettlaufes vor 1914 zuträfe, seit 1956 Zig Mal der große Krieg ausbrechen müssen? Das zu bedenken zu geben, mag angesichts der angewandten Methode erlaubt sein (S.121).

Fehlperceptionen deutscher Rüstung.

War Deutschland tatsächlich im Begriff, den Rüstungswettlauf zu verlieren? Lag nicht vielmehr der französische Generalstab richtig, der vermutete, Deutschland werde Frankreich kurzzeitig ü b e r r ü s t e n, um dann zum Krieg zu schreiten?* Sowohl im Flottenvergleich, wie auf Seiten der Armee, war Deutschland 1914 so stark wie nie zuvor! Vielleicht war der Flottenbau - und die Déroute in die Weltpolitik der wahre Fehler, den das Reich beging und der in die Niederlage führte (S.123). Aber, und das darf betont werden, eine Flotte "unter der Hand" zu bauen, war blauäugig gedacht. Doch Chancen bestanden dennoch, selbst auf dem Felde der Flottenstrategie. Denn England entwertete mit dem "Dreadnought-Sprung" 1906 seine Linienschiffüberlegenheit und gab Deutschland damit die Chance, auch England zu überrüsten. Tirpitz hatte diese Möglichkeit , das wurde 1909, 1911 und 1912 deutlich, verspielt (S.124). Seit 1904/05 sei England sprungbereit gewesen, die deutsche Flotte überraschend zu zerstören. Es wird der Eindruck erweckt, die deutschen seestrategischen Aggressionen seien durch ähnliche Überlegungen auf englischer Seite ausgeglichen. Mit dem frischen, fröhlichen Krieg der Vergangenheit hatten die Zermürbungstaktiken Londons nichts zu tun. Interessant entwickelt Ferguson die Brutalität englischer Überlegungen, die an Luftmarschall Harris erinnern. "Die deutsche Bevölkerung, wenn auch langsam, [sei] ´immer kleiner´[zu] machen". Auf den Straßen Hamburgs solle "Gras wachsen". Das hatte 1907 auch Tirpitz erkannt, der solche Weiterungen durchaus einräumte (S.125).

Daß Churchill seit 1912 auf Kriegskurs ging, überrascht niemanden. Kurzzeitiges Überrüsten Deutschlands seit Juli 1912, und Kriegsvorbereitung seit Oktober 1913, behauptet Ferguson. Selbst der britische Premier Asquith gesteht im Nachhinein ein, das ganze Geschrei vom deutschen Flottenbau sei eine Fiktion gewesen, da in London bekannt gewesen sei, daß Deutschland England nicht werde gefährden können (S.126). Mag das von außen gesehen zutreffen, tatsächlich beunruhigte der deutsche Flottenbau das diplomatische Gebäude Europas derart, daß gewaltige Veränderungen, schon rein bündnispolitisch, Raum griffen. Die zwischen 1903 und 1907/08 wache Invasionsfurcht der Engländer mutet eher wie eine Chimäre an.

Aber auch die Theorie, die neuerdings der deutschen Armee unterschoben wird, diese habe nicht mit einem kurzen Krieg gerechnet, erscheint als Fehlgriff. Der Brite folgt der Legende, Colmar von der Goltz sei mit dem älteren Moltke eng verbunden gewesen. Tatsächlich hatte er durch seine Kritik am Kriegsbild des "kurzen Krieges", das gerade der ältere Moltke in das Generalstabswerk zum Krieg 1870/71 hineinredigiert hatte, seinen Platz dort verspielt. Er mußte als Ausbilder in die Türkei ausweichen und kam nur noch bis zum Kommandierenden General des I. Armeekorps. Weder als Generalinspizient für Pioniere und Festungen, als Generalstabschef, als Reichskanzler oder Reformer der türkischen Armee konnte er sich durchsetzen (S.127). Auch der immer wieder aufgetischte Aktensplitter aus dem Heeresarchiv(1894), den Ferguson hoffnungslos überschätzt, gibt keinen Beweis ab für die angebliche Überzeugung des Generalstabes (aber wer ist das?), der kommende Krieg werde ein langer werden (S.128). Vollends erscheint dieser Beleg entwertet, wenn der Brite den russisch-japanischen Krieg in die frühen 90iger Jahre verlegt, und die Sorge eines bisher unbedeutenden Mitarbeiters Schlieffens von den Grabenkämpfen in der Mandschurei abgeleitet sieht. Was dieser "alte Wein" eines Berner Historikers, auf "neue Flaschen" gezogen, anderes aussagt als das was die ältere Forschung, zum Beispiel bei Linnebach, herausarbeitete ist schwer zu ergründen. Andererseits führt das allseits verbreitete Abschreiben aus der Literatur zu wenig Fortschritt. Auch hat dieses Konstrukt mit dem deutschen Aufmarschplan zwischen 1891 und 1914 wenig zu tun (S.129). Weiter übersieht der britische Forscher, daß die deutsche Entscheidung für eine bedeutende Rüstungsanstrengung bereits am 23.11.1912 in Springe am Deister fiel. Dort bestätigte der Reichskanzler in trüber Stimmung Moltke die große Heeresvermehrung. Damit war die Entscheidung

1. für den Krieg mit Rußland und Frankreich,

2. den Kriegsgrund "Balkan", und damit die Beteiligung Östereich-Ungarns, gefallen (S.130)***.

Aber das sieht Ferguson natürlich anders, denn er steht ganz unter dem Eindruck jüngerer deutscher Apologeten. Alles wird zusammengekratzt, was beweisen soll, die Deutschen hätten aus Furcht vor der Revolution versäumt, ihre Armee den Zeiterfordernissen entsprechend aufzurüsten (S.130). Rückgriffe auf die veralteten, da zeitgeschichtlich bedingten und einseitig national gefärbten Arbeiten Herzfelds, zeigen nur wie überholungsbedürftig insbesondere die deutsche Militärgeschichtsschreibung auf diesem Feld ist. Immerhin sah der Kriegsminister Josias von Heeringen, der ja nicht am Kriegsrat vom 8.12.1912 teilnahm, eine Heeresverstärkung in Höhe von 117.000 Mann vor. Auch kein "Pappenstiel". Etwas unscharf unterscheidet der Angelsachse nicht zwischen Friedens- und Kriegsstärke und jongliert mit den Zahlen, die schließlich eine "Gesamtstärke" von 2,17 Millionen Mann für Rußland und Frankreich und 1,24 Millionen für Deutschland und Österreich-Ungarn ausweisen. Der Engländer gelangt schließlich zu 4,35 Millionen Mann für die Mittelmächte und 5,6 Millionen für Frankreich, Rußland, Belgien und Serbien. Wieso von einer zunehmenden Unterlegenheit der deutschen Seite die Rede ist, kann nur schwer nachvollzogen werden. Welches Gewicht die Qualität der militärischen Ausbildung, und die Kraft eines modernen Industriestaates insgesamt ausmachten, wird übersehen. Auf Grund der Zahl der eingezogenen Rekruten aber auf die Unterlegenheit Deutschlands gegenüber Frankreich zu schließen, erscheint absurd. Gerade die Erfahrungen des Feldzuges von 1914 gegenüber Frankreich, England und Rußland belegen, daß sehr viel differenzierter über den Kampfwert der Verbände im internationalen Vergleich gesprochen werden muß. Daß Schlieffen mehr wollte, als 1903/04 erlaubt wurde, ist nicht erstaunlich, aber zeitgebunden. Schlieffen jedoch als unruhigen Geist und Vorläufer Ludendorffs zu charakterisieren, ist m.E. überzogen (S.131). - Ferguson geht gern den mit Apologie gepflasterten Weg des Reichsarchivs, indem er dessen Zahlenangaben folgt. Aber bedeutet Militarismus, und Kritik an Militär und Demokratie, in Verbindung mit ein paar Soldaten mehr, die die "Friedensstärke" hochputschen, mehr als ein Gemenge aus Demokratie, Militarismus und Tendenz zum Krieg?

Der Oxforder Historiker ist in seinem Bestreben, die Fronten umzukehren, zu weit gegangen. Jedenfalls scheinen die strategischen Grund- oder Ausgangspositionen und Zielrichtungen, entscheidender. War die deutsche Diskussion um die Armee, ihre Taktik, Ausbildung und Bewaffnung tatsächlich so rege (S.132)? Oder war das nicht eher eine Leistung des Auslandes? ****- Und ist das Argument aus den ersten Jahren der Diskussion nach 1919 wirklich so widerstandsfähig, die Russen hätten durch die Beschleunigung ihres Aufmarsches den deutschen Generalstab derart unter Druck gesetzt, daß diesem nur der Entschluß zum Präventivkrieg als Ausweg geblieben sei? ***** Wieder belegt der Blick auf den tatsächlichen Verlauf des Ersten Weltkrieges die Erwartungen, sowohl des Generalstabes vor 1914, wie jene der nachlebenden Historiker. Auch die Vermutung, der französische Operationsplan XVII sei "verrückt" gewesen, weil die Soldaten "in dichten Reihen mit ´fixierten´ Bajonetten" hätten vorgehen sollen, erscheint wirklich kindisch. So sind Strategie und Taktik noch nie durcheinander gewirbelt worden! Die Annahme, übermäßiger Artillerieeinsatz habe zu hohen Verlusten auf französischer Seite geführt, erscheint als Fehlgriff, denn die Realitäten der Schlachten waren unter dem Gesichtswinkel der Verschwendung eher durch den hohen Munitionsverbrauch auf allen Seiten gekennzeichnet. Die Verschwendung von Menschenleben hatte mit artilleristischen Einsatzgrundsätzen weniger zu tun, als mit der allseits überholten Taktik der 90iger Jahre. Und das sowohl auf deutscher als alliierter Seite. Daß Kriege ohne Verluste geführt werden könnten, ist erst eine Erfindung unserer Tage, wenngleich auch eine irreführende (S.133).

Die Darlegung der Planungen Moltkes gelingt Ferguson nicht. Denn das Wesen des deutschen Aufmarschplanes wird nicht exakt umrissen, sondern bleibt unscharf und wird sprunghaft entwickelt. So sei der Umfassungsmarsch der ersten deutschen Armee physisch nicht leistbar gewesen. Die Verbände der 1. bis 3. Armee beweisen, daß das anders war. Nicht die Marschleistungen, sondern die taktisch verursachten Verluste im Bewegungskrieg der ersten Wochen des Krieges waren ausschlaggebend für die zahlenmäßige Schwäche der deutschen Kräfte auf der Höhe der Marneschlacht. Auch das Fehlen einer einheitlichen Oberleitung in der Schlacht südlich der Marne war mitentscheidend für den Verlust des Sieges in dieser alles entscheidenden ersten Kriegsphase. Daß der Brite in diesem Zusammenhang auf den ungesicherten Eindrücken eines Mommsen-Schülers fußt, erstaunt nicht weiter, denn die Abkehr von dem Plan eines schnellen, entscheidenden Schlages nach Westen ist Vorbedingung auch für Ferguson, um überhaupt ein alternatives Bild zur bisherigen Geschichtsschreibung entwickeln zu können. Darum geht es ihm an erster Stelle nicht um die adäquate Interpretation der militärischen Planungen Deutschlands vor 1914. Und natürlich kreiste das Denken Moltkes um das "Wie" einer schnellen Entscheidung, da diese notwendig war. Daß hierbei die Probleme auf dem Weg zu dieser Lösung nicht unerörtert bleiben, belegt die sorgfältige Analyse, welche der Generalstab leistete (S.134). Zudem belegt Ferguson, wie weitgehend die Vorbereitungen auf höchster deutscher Führungsebene kurz vor Kriegsausbruch gediehen waren. So am 14. Mai 1914, als Moltke mit dem Staatssekretär des Innern, Delbrück, zur wirtschaftlichen Kriegsvorbereitung anmahnt, doch bedeutendere Anstrengungen zu unternehmen (S.134). Dabei vom Pessimismus der "militärischen Führer" zu sprechen, erscheint als bloße Verdrehung der Situation. Daß Tirpitz in der Risikozone des Flottenbaus einen englischen Überfall à la Kopenhagen 1807 befürchten mußte, war eine Folge seines Rüstungskonzeptes. Daß weiter der alte Schlieffen an seinem Rezept für den Sieg über die europäischen Randstaaten weiterarbeitete, zeigt nichts anderes als die Ruhestandsbeschäftigung eines alten Generals, der seinen Posten zu früh hatte räumen müssen. Vollends, Moltke im Lichte seiner Ablösung 1914 zu zeichnen, greift an den Realitäten dieser bislang zu wenig berücksichtigten Persönlichkeit vorbei. Das Bild der "anima candida", das er und seine Memoiren nach 1914 entwarfen, traf jedenfalls keineswegs zu. Die Analyse seiner Politik, und der ausgiebigen Arbeit seiner Behörde vor 1914, zeigt, daß gerade der Moltke des siegreichen Vorgehens von 1914 ein zugreifender Sieger war, was ihm Rudolf Steiner in Koblenz bestätigte. Moltke wollte den Rassekrieg, das heißt die Darwinsche Entscheidung, und stand damit ganz auf der Höhe der Zeit, die den Sieg der germanischen Rasse über wachsenden Zerfall erwartete.

Ferguson sitzt den selektierten Quellen auf, die nach 1914 Moltke zur tragischen Figur umfärbten. Hier offenbart sich ein selbstverständlicher Mangel der Darstellung des Briten. Indem er der älteren Literatur und einigen moderneren Darstellungen folgt, gerät er in den Sog der apologetischen Darstellungen nach 1919, wie der jüngsten Zeit. Das schließt nicht aus, daß es einige unverantwortliche Spieler in der Militärkaste gab, zu denen Moltke jedoch nicht zählte; mochte der dann tatsächlich ablaufende Krieg bringen was auch immer. Kaum zu glauben: Ferguson unterstellt "Deutschlands führenden Militärs am Vorabend des Krieges", schwach und nicht stark gedacht und gefühlt zu haben. Wieso Gefühle plötzlich in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen, ist unerfindlich, denn gerade das Medium des Militärischen ist so rational wie kaum ein anderer Lebensbereich. Daß Fragen von Krieg und Frieden nicht mit Hurra und Tschingderassa betrachtet werden, versteht sich für die von selbst, die wissen wie eine Granate detoniert.

Auch der Reichskanzler Bethmann Hollweg ist nur positiv zu beurteilen, wenn er 1912 zugibt, "recht sorgenvoll" zu sein "wegen der [nur] relativen Stärke Deutschlands im Kriegsfall" (S.135). Wer den Kanzler "kennt", wird dessen exploratorische Gespräche, Aussprüche und überkommenen, vorgeblich pessimistischen, Äußerungen zutreffend gewichten. Daß dann, wenn es darum geht, die Unlust am Kriege oder die Bedrückung angesichts einer Krise mit Kriegsfolge vorzuführen, auch kompromittierte Quellen herangezogen werden, ehrt Ferguson nicht. So zitiert er das gefälschte Tagebuch Riezlers in extenso. Natürlich ergänzt er die nachgerade überzogen verdichteten Aufzeichnungen Riezlers durch den an sich wertvollen Blick auf die Kampfstärke des deutsch österreichischen Lagers insgesamt. Allerdings, die österreichische Armee, die technisch-waffentechnisch-taktisch hoch entwickelt war, als minderwertig abzuqualifizieren, derangiert seine Argumente vollends. Die Äußerungen Conrad von Hötzendorffs waren motiviert durch das Ziel, weitere Mittel für die Rüstung zu gewinnen (S.136). Ja, Conrad verlangt den Krieg mit Rußland oder Italien je eher je besser, je nach "Lust und Laune" dieses bello-manischen Fachmilitärs. Wenn der deutsche Generalstab 1913 nur mit den Kräften rechnet, auf die er sich annimmt verlassen zu können, d.h. auf die deutschen Kräfte, erscheint das nichts weniger als zutreffend. Daß Moltke von "sich wehren" spricht, ist auch in geheimen Dokumenten nicht auffällig, denn selbst dort wird sich ein Kriegsentschluß wohl selten schriftlich niedergelegt finden lassen. Daß es immer wieder verschiedene Arten von Logik gibt, zeigt sich, wenn Ferguson darauf verweist, die Donaumonarchie habe zumindest den Krieg gegen Rußland allein tragen müssen. Darauf wurde Österreich, letztlich durch wohlerwogene Schritte von deutscher Seite, über die Jahrzehnte vorbereitet. Allerdings war "habsburgische Großmannssucht" auf mancher Ebene politischer und militärischer Führung dabei hilfreich. Und Italien? Jedenfalls erscheint die deutsche Seite durchaus an einer italienischen Kriegsbeteiligung interessiert. Und wenn auch nur um Österreich den Rücken offen zu halten, und damit gegen Rußland frei zu machen. Warum sollten sonst die militärischen Geheimabsprachen

1. über die Jahrzehnte und

2. kurz vor Kriegsausbruch

intensiviert geführt worden sein (S.137)?

Daß die Präventivkriegvoten zwischen 1912 und 1914 nicht zur Durchführung kamen, heißt nicht, daß diese grundsätzlich abgelehnt wurden. Die Politiker waren jedenfalls beiderseits moralisch nicht "besser" als die Militärs. Nicht erst 1914 war der Entschluß zum Krieg in Deutschland gefallen (S.134). Der Kronprinz sagte im April des Jahres nicht nur deshalb, "Deutschland werde bald gegen Rußland kämpfen", weil nun klar war, daß dieser Krieg käme, sondern weil die deutsche Führung inzwischen in die Zone hineingerüstet hatte, in welcher zum Krieg geschritten werden konnte. Nicht zuletzt wurde deshalb Rußland Anfang 1914 als der kommende Gegner aufgebaut, weil dies innenpolitisch nötig war, wozu der Generalstab eine Pressekampagne lostrat. Wie sehr sich die Dinge in der Führung inzwischen auf die Entscheidung hin entwickelt hatten, zeigen Äußerungen Moltkes gegenüber Jagow, dem anti-Rußland Außenminister. Selbst Wilhelm II. hatte diese Reflexe und Tendenzen registriert und offenbarte gegenüber Max Warburg im Juni 1914 nervös:

"Die Rüstungen Rußlands, die großen russischen Bahnbauten waren seiner Ansicht nach Vorbereitungen für einen Krieg, der im Jahre 1916 ausbrechen könnte. Er klagte, daß wir zu wenig Bahnen an der Westfront gegen Frankreich hätten; bedrängt von seinen Sorgen erwog er sogar, ob es nicht besser wäre, loszuschlagen anstatt zu warten" (S.138) (Hervorh.v.m., B.S).

Das sollte am 28.7.1914 schließlich in die Zustimmung des Kaisers zum Kriegsentschluß münden. Zutreffen mag, daß England Rußland "über"- und Deutschland "unter"-schätzte. Damit liegt die Konfliktbereitschaft Englands jetzt, 1914, auf der Hand. Allerdings, den Kriegswillen Deutschlands deshalb zu negieren, weil der Generalstab den Ausbau der strategischen Bahnen betrieb, erinnert an frühere kurzschlüssige Argumentationen Trumpeners. Wenn Fischer seine relativ starre These von der direkten Beziehung zwischen dem Kriegsrat vom 8.12.1912 und dem Kriegsausbruch vorgeworfen wird, dann entbehrt erst recht die Vorstellung jeglicher Flexibilität, der deutsche Generalstab sei erst nach Vollendung seiner Rüstungspläne bis zum letzten "i"-Punkt bereit gewesen einen Kriegsentschluß zu fassen. Es geht hier jedenfalls um eine Zielprojektion, welche den Kriegsentschluß in bestimmten Bandbreiten des Rüstungsniveaus vorsieht. Im Übrigen hatte die deutsche Diplomatie die Freiheit, zwischen Mitte 1914 und 1916 den Krieg mit Aussicht auf Erfolg auszulösen, und so den Schritt des Reiches zur europäischen Hegemonie zu vollziehen, der im Folgenden in die Nachfolge des britischen Empire führen sollte.

Wenn Ferguson die englische Armee in ihrem Kampfwert relativ gering ansieht, und das der englischen Politik vorwirft, dann liegt er auch hier falsch (S.140). Die Deutschen mußten sich bei Mons und Le Cateau davon überzeugen, wie umfassend die Engländer seit dem Burenkrieg "gelernt" hatten (S.141). So liegt der Brite ebenfalls falsch, wenn er negative, verblendete Äußerungen deutscher Diplomaten heranzieht, um seine wackelige These zu stützen. Vollends wird die Behauptung von der englischen Bereitschaft zum Kriege in Frage gestellt, die englische Armee sei nicht kriegsbereit gewesen. Wie Ferguson das auffängt, ist interessant. Schließlich flüchtet er sich in die Moral, indem er Grey vorwirft unausgebildete Truppen in den Tod gehetzt zu haben. Weiter: indem die mangelnde Kriegsbereitschaft Englands in Berlin bekannt geworden sei, habe die englische Politik das Reich zum Angriff verleitet (S.142).

So treffen sich 1914, wie hier gezeigt, verschiedene gegenläufige Illusionen, die schließlich die große Katastrophe möglich machten. Der Blick auf ein Buch, das die Dinge herumdreht und zu provozierenden Ergebnissen führt, ist - trotz aller hier geäußerten Kritik - mit Sicherheit ein Gewinn. Auch, weil wissenschaftliche Diskussion einmal stilsicher geführt wird. Während jedoch einerseits an vielen Punkten die Entlastung Deutschlands vom entscheidenden Anteil am Ausbruch des Ersten Weltkrieges konzediert erscheint, gewinnen wir andererseits neue Ansätze, die englische Politik kritischer zu betrachten. Wenngleich davor gewarnt werden muß, aus persönlich-menschlichem Antrieb allzu moralische Maßstäbe an historische Phänomene anzulegen. Der Sprung wird zu kurz sein, der dabei herauskommt.

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*Bernd F. Schulte: Die deutsche Armee 1900-1914. Zwischen Beharren und Verändern, Düsseldorf 1977, S.90, 93 (zit.als: Schulte, Armee). Ders.: Vor dem Kriegsausbruch 1914. Deutschland, die Türkei und der Balkan, Düsseldorf 1980, S.102 (zit.als: Schulte, Krieg).

** Dieser Begriff ist inzwischen in der Forschung übernommen worden. Vgl. Ders.: Zu der Krisenkonferenz vom 8.Dezember 1912, in: Historisches Jahrbuch 102 (1982), S.183-197.

*** Ders.: Europäische Krise und Erster Weltkrieg. Beiträge zur Militärpolitik des Kaiserreichs, 1871-1914. Frankfurt-Bern 1983, S.19f.

**** Ders.: Armee, S.1-50 (1.Kapitel: Die deutsche Armee aus der Sicht Repingtons; 2.Kapitel: Einschätzung der deutschen Armee zwischen 1903 und 1914, Französische Kritik an der deutschen Armee 1905, Die überschätzte deutsche Armee 1903-1914).

***** Vgl. Schulte, Krieg, S.108, A.1.

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