Nüchtern in Beobachtung, Engagement und Tat.
Zum Tode von Joachim Goldbach.
Nach 1990 ist mir Joachim Goldbach ein guter Gesprächspartner, freundschaftlicher Kommentator und stets offener Freund geworden.
Dass die Erkenntnis des Untergangs der DDR uns zusammenbrachte, war ein Kuriosum jener Wochen zu Beginn des Jahres 1990, die mich tiefer in die Belange der DDR-Armee einführten, als ich dies jemals erwartet hätte. Dabei hätte meine Bundeswehrvergangenheit an sich das Gespräch von vornherein unmöglich machen sollen.
Doch im Zuge der Wochen und Monate ergaben sich auf beiden Seiten ähnliche Erkenntnisse aus der Lageentwicklung heraus, sodass auch weitere Gespräche, zu vornehmlich historischen Themen (wie II. Weltkrieg, Warschauer Pakt) etc., möglich wurden. Zusammengebracht hatte uns ein Interview im Februar 1990 für einen Film des NDR zum „Schießbefehl Honeckers gegen das eigene Volk“. Dieser ist nie gesendet worden, weil der Redakteur Börner in Hamburg diesen plötzlich nicht mehr haben wollte. War das Thema zu heiß geworden? War „SPD-Politik“ im Spiel? Für Berichte im ZDF und Rias TV, zu eben diesem Thema, und Beurteilungen der Vorgänge rund um den Kuwait-Krieg, habe ich den militärischen Fachmann Goldbach immer wieder gern eingeladen.
| Lebenslauf |
Das aber erstaunte Joachim Goldbach nicht, war er doch erfahren in den Schäden, die durch aus den Nähten geratende „Politik“ verursacht werden können. Der schlappe DDR-Staat, die überalterte, verbohrte Führung und letztlich der verbrecherische Befehl zum Einsatz der 1.MS-Division/Potsdam gegen West-Berlin, waren die Auslöser für Goldbachs Opposition gegen seine Vorgesetzten. Ich denke an das Gespräch mit Generalmajor Brünner/Politische Abteilung NVA, im PKW auf dem Weg von Berlin nach Strausberg geführt, als beide Herren sich darin einig waren, dass es mit dieser Führung „nicht mehr lange gehen“ werde. Dass diese unblutig abdankte, und so der Weg in Richtung auf „blühende Wiesen“, ohne eine Konflagration europäischen Ausmaßes kurz vor Toresschluss, genommen werden konnte, ist eines der Verdienste dieses hochverdienten Generals der NVA.
Ein Missklang bleibt. Als ich Frau Limbach im „Wasserwerk“ in Bonn bei einer Preisverleihung, auf Goldbachs Verdienst um eine friedliche Wende aufmerksam machte, und dies im Hinblick auf den Prozess gegen diesen - um Tote an der Demarkationslinie - tat, erhielt ich, kühl bis ans Herz, zur Antwort: „Dann mögen diese Herren das im Prozess einbringen“.
Gestorben Joachim Goldbach
Joachim Goldbach, 78. Dem Generaloberst der Nationalen Volksarmee brachte die Staats- und Parteiführung der DDR nur eingeschränktes Vertrauen entgegen. Der großgewachsene Offizier, vormals Zimmermann, in sechs Jahren auf sowjetischem Militär- und Generalstabsakademien zum Führungskader (einem "Dipl.-Mil.") ausgebildet, war den alten Herren im SED-Politbüro zu selbständig. Deshalb kooptierten sie den Sachsen nicht in das Ständeparlament - das Zentralkomitee der Partei. Goldbach amtierte zwar als Stellvertretender Verteidigungsminister, doch kommandieren durfte er nur die "Rückwärtigen Dienste" der NVA. 1988 beriet er mit einigen vertrauenswürdigen Kameraden, ob es nicht an der Zeit wäre, Honecker, Mielke und Co. wegzuputschen. "Aber mit wem? Ich kommandierte ja nur Schlosser und Bäcker", gestand er später. Dafür griff er am zweiten Morgen nach dem Mauerfall allein machtvoll in das Rad der Geschichte. Er brüllte seinen Minister und dessen Generalsgehilfen 20 Minuten so lautstark und energisch zusammen, dass die ihre Idee, mit NVA-Panzern die offene Grenze zu schließen, fallen ließen. Joachim Goldbach starb am 29. September in Strausberg bei Berlin.
Aus: DER SPIEGEL 42/2008 vom 13.10.2008, Seite 202.
DDR-Armeespitze trägt General Goldbach zu Grabe
Ex-Minister Theodor Hoffmann hält Trauerrede vor 200 Gästen auf dem Strausberger Waldfriedhof
Von JENS SELL
Strausberg (Märkische Oder Zeitung)
Rund 200 Trauergäste nahmen am vergangenen Freitag auf dem Waldfriedhof von Strausberg (Märkisch-Oderland) Abschied von dem früheren NVA-Generaloberst Joachim Goldbach. In seiner Trauerrede ließ der ehemalige Verteidigungsminister, Admiral und zuletzt unter der de-Maizière-Regierung Chef der NVA Theodor Hoffmann die militärische Laufbahn des gelernten Zimmermanns Revue passieren.
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Neben Goldbachs Familie, unter anderem fünf Kindern aus zwei Ehen, waren die führenden DDR-Militärs nahezu lückenlos zur Trauerfeier erschienen. So unter anderem die Generäle Heinz Keßler, Fritz Streletz, Horst Stechbarth und Wolfgang Reinhold. Goldbachs Nachfolger im Amt des Chefs Rückwärtige Dienste, der letzte Chef des Hauptstabes, Generalleutnant Manfred Grätz, war durch eine Kur verhindert.
Goldbachs Name steht heute noch in goldenen kyrillischen Lettern auf der Ehrentafel der damaligen sowjetischen Generalstabsakademie, die er mit einer „Goldmedaille“ absolvierte. Am 7. Oktober 1966 wurde er Generalmajor und Divisionskommandeur in Erfurt. Später war er Chef eines der beiden Militärbezirk der DDR.
1979 rückte Goldbach in die Riege der stellvertretenden Verteidigungsminister auf und verantwortete die Rückwärtigen Dienste. 1985 übernahm er das Ressort Technik und Bewaffnung, wodurch er auch an die Schaltstellen der Verteidigungsindustrie der DDR gelangte. Mit dem dort regierenden Politbüromitglied Günter Mittag soll er gravierende Meinungsverschiedenheiten ausgetragen haben, berichten Weggefährten. Goldbach erregte zwei Tage nach der Maueröffnung im engsten Führungszirkel großes Aufsehen, als er seinen Minister und mehrere anwesende Generäle lautstark anbrüllte: „Wir sind mit unserer Kraft und unserem Saft am Ende. Legt doch jetzt eure Ämter nieder!“ Sein leidenschaftlicher Auftritt soll maßgeblich dazu beigetragen haben, dass keine Panzer rollten, um die Grenze zu schließen und zu sichern.
Nach der Wende saß Goldbach zwei Drittel seiner Strafe von drei Jahren und drei Monaten ab, zu der ihn das Landgericht Berlin wegen Beihilfe zum Totschlag im Zusammenhang mit den Mauertoten verurteilt hatte. Goldbach wurde 78 Jahre alt.
Aus: Märkische Oder Zeitung vom 14.10.2008, Seite 9.







