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Bernd F. Schulte

Marneschlacht


Die Revision von 80 Jahren Geschichtsschreibung zum deutschen Anteil am Ersten Weltkrieg hat begonnen. Damals wie heute handelt es sich um ein Politikum ersten Ranges. Geht es doch um das übergreifende Ziel des Deutschen Reiches, die Europa beherrschende Macht zu werden.

Dass dies im militärischen Anrennen 1914 und 1939 nicht gelang, und auch der Kampf des unter deutscher Suprematie mehr oder weniger "geeinten" Europa gegen den Rest der Welt zweimal verloren wurde, wirft ein kritisches Schlaglicht auch auf gegenwärtige Perspektiven europäischer Einigungsbestrebungen in der Konkurrenz der Wirtschafts- und Machträume heute

Weniger die Diskussion wissenschaftlicher Theoreme, als vielmehr die Antwort auf die Frage nach Grad und Möglichkeit einheitlicher deutscher Kraftanstrengung, in Entschluß und Durchführung, soll hier diskutiert werden.

Dazu bietet neue Einsichten ein gerade entdecktes Dokument aus dem engsten Entscheidungskreis um Kaiser Wihelm II.: das Tagebuch des Leiters der Abteilung "Personal" für die Armee des Kaiserreiches, General von Lyncker.

"RÜCKZUG BIS ZUM RHEIN".
Das Scheitern des deutschen Kriegsplanes an der Marne.

Restakten des Reichsarchivs.

Am 14. September 1914 war die Marneschlacht, und damit der Erste Weltkrieg für das Deutsche Reich verloren. Das Tagebuch des kaiserlichen Generals von Lyncker* belegt Ausmaß und Ursachen dieser entscheidenden Niederlage der deutschen Armee. Lyncker, oberster Personalchef Wilhelms II. für die Armee, und damit an zentraler Stelle in der militärischen Führungsspitze des Reiches, sollte an diesem Tag Generaloberst von Moltke, den Verantwortlichen für Kriegsvorbereitung und Aufmarsch der deutschen Streitkräfte, kaltstellen. Am 9. August 1914, Moltke hatte nach einer Diskussion mit dem Kaiser einen Nervenzusammenbruch erlitten, fragte Lyncker den Kriegsminister Erich von Falkenhayn, ob er bereit wäre, im Notfall an die Stelle Motlkes zu treten. Falkenhayn hatte sofort zugesagt**. Diskussionen um die militärische Kapazität Moltkes waren nicht neu. Bereits 1906, 1909 und 1913 kursierten Gerüchte, die u. a. besagten, Moltke werde eventuell als Kommandierender General ein Armeekorps erhalten***.

Das bis heute verloren geglaubte "Tagebuch Lyncker" hat der Verfasser in Restakten des Reichsarchivs Potsdam aufgefunden. Es erlaubt die Revision von achtzig Jahren Geschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg. So sind die Bemühungen der für den Mißerfolg im September 1914 an der Marne verantwortlichen Generale spätestens jetzt als bloßer Verschleierungsversuch begangener Fehler entlarvt, was Jäschke schon 1958 in seinem Briefwechsel mit Wolfgang Foerster andeutet. Aber noch tiefgreifender informiert Lyncker aus dem engsten Entscheidungskreis über die strategischen Pläne und Ziele des Großen Generalstabes im Jahre 1914.

Irrwege der Forschung.

Zunächst, und das ist eines der wichtigsten Geschichtsmythen, beruhte der Kriegsplan Deutschlands keineswegs auf dem so genannten "Schlieffenplan" von 1905, sondern es ging hierbei um nicht mehr und nicht weniger als die Denkschrift eines entlassenen Generals. Nach 1919 schriftstellernde Offiziere, und schließlich der Freiburger Historiker Gerhard Ritter*, haben hieraus ein Staatsgeheimnis**, nämlich das "Geheimnis des Siegers", das gerade verschenkt worden sei, oder den Urgrund allen deutschen Unglücks, verursacht durch die Militärkaste, gemacht.

Schließlich ging es in der Verschleierung der wahren Ursachen der Fehlschlages an der Marne darum, die militärische Option eines Zukunftskrieges gegen Resteuropa offen zu halten. Ritter dagegen "opferte" nach dem Zweiten Weltkrieg die militärische Führungselite des Reiches um die politische Führung vom Makel nachgerade verbrecherischer Kriegsplanung zu entlasten***.

Nach dem gleichen Muster verfährt heute ein in Bern lehrender jüngerer deutscher Historiker. Die vom 27. August bis 17. September 1914 reichenden Aufzeichnungen Lynckers widerlegen nicht nur die These, der deutsche Generalstab habe mit einem langen Krieg gerechnet, und weder ein Konzept für dessen Führung noch den Willen zum Krieg besessen, sondern auch die wiederholt eingeführte Behauptung****, die deutsche militärische Elite sei "aus Furcht und Verzweiflung" in den Weltkrieg getaumelt. Hier wird nach den Theoremen des Düsseldorfer Historikers Wolfgang Mommsen***** und dessen Bielefelder Kollegen Hans-Ulrich Wehler****** argumentiert, die seit geraumer Zeit behaupten, das Kaiserreich sei infolge struktureller Mängel seines Verfassungssystems im Kompetenzchaos einander paralysierender Machtzentren versunken.

 Seit 1977 konnte der Verfasser in wiederholten Veröffentlichungen den Gegenbeweis antreten. Informationen aus dem Panzerschrank des Generalstabschefs belegen überdies die enge Interdependenz der Reichsämter militärischer und ziviler Provenienz über die Jahrzehnte hinweg. Letztlich wird aus Bern nur ein erneuter Angriff auf die Position des Hamburger Historikers Fritz Fischer vorgetragen, nachdem 1985 der peinliche Versuch gescheitert ist, die Fischer-Kontroverse mit Hilfe der Tagebuchaufzeichnungen des Bethmann Hollweg Mitarbeiters Kurt Riezler aus den Angeln zu heben*******.

Zum deutschen Aufmarschplan 1914.

Daß der Kriegsplan von 1914 nicht auf Grund vorwiegend strategischer Mängel scheiterte, zeigt das "Tagebuch Lyncker". In Bern wird weniger gesehen, daß der Generalstabschef Moltke zwischen 1906 und 1914 sehr wohl nach eigenen Konzepten arbeitete. Dies belegen, neben weiteren Quellen, die Aufzeichnungen Lynckers.

Überdies verweist Motlke, auf dem Höhepunkt der Marneschlacht am 9. September 1914, in einem Brief an den Kronprinzen Rupprecht v. Bayern* darauf, daß der "Durchbruch der 6. Armee zwischen Nancy und Epinal" zuvor und "ursprünglich" geplant gewesen sei. Diese Operation, die nach 1919 durch das offiziöse Reichsarchivwerk zum Weltkrieg zu einer verfehlten Nebenoperation deklariert wurde, erhält durch Lynckers Notizen neue Bedeutung. So schreibt der Chef des Militärkabinetts unter dem 31. August 1914, Moltke erwarte am 1. September mit dem Angriff der 3. bis 5. Armee zwischen Verdun und Reims "die Entscheidung"**. Auf der Höhe der Krise am 10. September gesteht Lyncker ein, der "Hauptzweck der ganzen Operation" sei "verfehlt worden". "Nämlich die Umfassung von Norden und Nordwesten und die erwünschte Einkreisung" der französischen Kräfte.

Ergänzend zu den 1979 edierten Berichten und Tagebüchern des Bayerischen Miltärbevollmächtigten im Großen Hauptquartier von Wenninger***, weisen nun auch die Notizen des Kabinettschefs, aus dem Entscheidungskreis, auf den realistischeren Ansatz Moltkes für den Feldzug gegen Frankreich hin. Allem Anschein nach plante der Generalstabschef, das Zentrum der französischen Feldarmee südwestlich von Verdun einzukesseln und so in einer Teilschlacht zu vernichten. Die Bayerische 6. Armee von Südosten durch die "Lücke von Charmes", sowie 3., 4. und 5. Armee von Nordwesten und Norden, sollten eine Kesselschlacht à la Cannae oder Sedan durchführen. Diese Operation hatten die 1. und 2. Armee des rechten Flügels zu decken.

Das durch Ritter als utopisch kritisierte Vermächtnis Schlieffens steht demnach eher isoliert neben Moltkes Entwicklungsarbeit seit 1906. Zudem sind militärische und politische Planungen in ihrem Verhältnis zueinander neu zu gewichten. Die Biographie des jüngeren Moltke ist überfällig. Angesichts hoher nervlicher und körperlicher Belastungen seit 1909 und wiederholten Krisenkonferenzen um Rüstung und Kriegsauslösung, zwischen 1912 und 1914, wird seine Leistung in den ersten Phasen des Krieges aufzurollen sein.

Die Aufzeichnungen Lynckers, die durchweg um innere Distanz und Objektivität bemüht erscheinen, zeigen Moltke noch bis zum 3. September zupackend und energisch (z.B. "Personalsäge" in den Fällen v. Prittwitz/8. Und v. Huene/7. Armee). Erst am 2. September fällt mit der österreichischen Niederlage in Galizien ein erster Wehrmutstropfen in die allgemeine Zuversicht, ja Siegesgewißheit. Lyncker, der den täglichen Verträgen bei Wilhelm II. beiwohnte, berichtet schon am 3. September von Moltkes " etwas düsterer Auffassung". Er vermutet jedoch einen gewissen Zweckpessimismus des "Chefs" angesichts grassierender Überheblichkeit unter den Generalstäblern im Großen Hauptquartier zu Luxemburg.

"Daß nicht sein kann was nicht sein darf."

Auch der Rückzug des rechten Heeresflügels an der Marne nach dem 9. September erscheint in neuem Licht. Die durch das Reichsarchivwerk, sowie die Kluck-, Kuhl- und Groenerschule der Generalität zwischen 1919 und 1939 breit ausgewalzte Diskussion um den "Fall Hentsch", erscheint als frühes Bemühen der an sich Verantwortlichen, durch einen "Sündenbock" von ihren eigenen Fehlern abzulenken.

Hentsch jedenfalls glaubte - so bezeugt der Militärschriftsteller Eisenhart-Rothe 1938 gegenüber dem Sohn Moltkes, Adam, es werde ihm "noch nachträglich und wenn es nach (seinem) Tode sein sollte, dafür, daß (er) die deutsche Armee gerettet habe, der Schwarze Adlerorden verliehen" werden*. Auch Tappen äußerte 1921 gegenüber dem Reichsarchivrat Müller-Loebnitz, die Sendung Hentsch habe ihre Bedeutung erst " durch die vom ihm getroffenen Maßnahmen" erhalten**. Jedenfalls schildert Lyncker die Führung der 1. und 2. Armee als Auslöser des Krisenbewußtseins im Gr.H.Q.. So habe sich offenbar Karl v. Bülow, der Führer der 2. Armee, angesichts seiner in schwere Abwehrkämpfe verwickelten Verbände, mit "Rückzugsgedanken" beschäftigt. Moltke habe dem folgend am 9. September dem Kaiser eine "Rückbewegung" vorgeschlagen. Sein Stellvertreter, Oberquartiermeister von Stein, sei diesem Vorschlag nicht beigetreten und der Leiter der militärischen Entourage Wilhelms II., Generaloberst von Plessen, habe sich ebenfalls "für Stehenbleiben ausgesprochen". Lyncker sah damit bereits den Schattenriß der Entscheidung. Er notierte, es sei "jedenfalls der kritischste Tag des bisherigen Feldzuges" gewesen.

Erst am 10. September, die Krise vor Paris hat inzwischen ihren Höhepunkt erreicht, erwägt Lyncker pflichtgemäß was zu tun sei, "wenn Moltke die Nerven verloren hat". Schon am Abend des 1. August hatte dieser wohl nach der Diskussion mit dem Kaiser um die vage Aussicht englisch-französischer Neutralität einen leichten Schlaganfall erlitten. Daraufhin sprach Lyncker mit dem möglichen Nachfolger Falkenhayn***. In der konkreten Situation des September stützte der Stellvertreter Stein seinen Chef weiter und behauptete gegenüber dem Militärkabinett, die Lage sei "nicht schlecht, wenn auch bloß die 1. und 2. Armee etwas zurückgehen" müßten. Molke fuhr zudem am 11. September zu den Armeen und schien bei seiner Rückkehr am folgenden Tag "sehr gedrückt". Er berichtete, von den Armeen sei "am besten .... noch Bülow" (2. Armee).

"Rückzug bis zum Rhein"! 

Die Vorstellung der Optimisten, die ein Durchkämpfen der Marneschlacht vertreten, wenn Moltke-Hentsch die 1. und 2. Armee nicht zurückbefohlen hätten, erscheint nunmehr als bloße nachträgliche Konstruktion. Lyncker berichtet, Moltke habe die 1. Armee "völlig geschlagen hinter (dem) rechten Flügel" vorgefunden. Folgerichtig wurde sie dem AOK 2 unterstellt. Nun sei "Moltke selbst ganz herunter" gewesen. Lyncker dachte nunmehr  konzentriert daran, Moltke durch den preußischen Kriegsminister Falkenhayn zu ersetzen*. Das Ausmaß der möglichen Gefahr faßt er in dem Hinweis, falls die Armee nicht "wenigstens die Stellung Soissons-Reims halten" könne, drohe ein "Rückzug an den Rhein". Moltke soll sich nun, am 12. September, gegen einen Rückzug gestemmt haben, der offenbar unter dem Druck der Lage bereits ausgeführt wurde. - Ein weiteres Zeichen für das Nachlassen seitner Kräfte.

Die Katastrophe von gewaltigem Ausmaß zeichnete sich ab; größer als uns die Geschichtsbücher bisher vermittelten. Lyncker spricht am 13. September von einem "Rückzug der ganzen Armee", der "eine unausweichliche Notwendigkeit werden könne". Völlig unverständlich ist, daß der Stellvertreter Motlkes, Stein, und der Chef der Operationsabteilung, Tappen, am 12. September vor dem Kaiser, angesichts des zusammengebrochenen Moltke, noch behaupten konnten, "es sei alles in schönster Ordnung". War nach deren Verständnis, dem Operationsplan Moltkes entsprechend, etwa der rechte äußere Flügel des Heeres doch nur ein Nebenkriegsschauplatz? Erst am 14. September faßt Lyncker den Entschluß, Motlke abzusetzen. Ausgelöst durch Vorgänge an diesem Tage habe er "die Überzeugung gewonnen", daß dieser mit seinen Nerven fertig und nicht mehr in der Lage" gewesen sei, "die Operationen zu leiten". Moltke wurde mit Zustimmung Wilhelms II. durch Falkenhayn ersetzt.

Damit war die erste Oberste Heeres-Leitung Vergangenheit. Aber auch der Krieg, so wie geplant, war gescheitert. Die Gründe dafür lagen jedoch nicht allein auf strategischem und führungstechnischem Gebiet. Auch trugen Personen nicht die allein ausschlaggebende Verantwortung. Das war die Theorie, die sich die Offiziere der alten Armee nach dem Kriege zurechtlegten. Das Reichsarchiv, das eine Vielzahl der Vertreter eben dieser Elite des Kaiserreiches für die Geschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg aktivierte, behandelte im Zentrum der Darstellung die übergreifenden strategischen Fragen und betonte zudem die erfolgreichen Abschnitte des Kriegsgeschehens. Sinn und Zweck des Unternehmens, d. h. der politische Auftrag des Reichsarchivs, liefen darauf hinaus, die Gesellschaft für den zweiten, nunmehr erfolgreichen Anlauf Deutschlands zur Vorherrschaft auf dem Kontinent zu präparieren**.

Dabei wurde unterdrückt, daß die deutschen Armeen auf der Höhe der Marneschlacht nur noch über etwa 50 Prozent ihres Bestandes verfügten. Das Tagebuch Lyncker belegt diese vom Verfasser bereits 1979 entwickelte Tatsache***. So waren die geschwundenen Frontstärken an der Marne zu großen Teilen die Folge der verfehlten deutschen Taktik in den vorausgegangenen schweren Kämpfen in Belgien und Nordfrankreich. Am 10. September erfuhr Lynker von dieser Entwicklung. Er berichtet:

"Die Verluste waren sehr groß. Es ist fraglich, ob die 1.und 2. Armee dem Angriff werden Stand halten können".

Schonungslos schreibt er nieder, "alle Truppen" bedürften "dringend der Ruhe". Für den Chef des Miltärkabinetts war die Armee durch die Schuld des Generalstabes zu einer Schlacke ausgebrannt. Der Wunsch, oder besser die Möglichkeit, die Lyncker am 10. September sah, den Feldzug doch noch zu gewinnen, und dies trotz schleifender Zügel der OHL, konnte die Truppe nicht mehr erfüllen. Er war nichts anderes als Utopie.

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