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Das Buch „Aufstieg oder Niedergang“ von Bernd F. Schulte warnt vor Dekadenz und Verfall in Deutschland.

Dass nicht sein kann, was nicht sein darf.


Dass die deutsche Geschichte nicht von Gipfel zu Gipfel stürmt, ist wohl jedem 1945 bewusst gewesen. Dass sich das Bewusstsein, eine gescheiterte Großmacht auf dem Weg zur Weltmacht gewesen zu sein, den Deutschen wieder abhanden kommt, ist uns heute präsent. Aber auch die übrigen Mächte, aus denen sich die europäische Union zusammengesetzt, sind, mehr oder weniger, während der letzten Jahrhunderte abgestiegene Groß- und Weltmächte.

Es trifft in der Geschichte nun einmal nicht der Satz zu, dass „Minus mal Minus Plus“ ergebe. So trifft der neue Aufsatzband von Bernd F. Schulte, „Aufstieg oder Niedergang. Deutschland zwischen Mittelalter und Postmoderne“, exakt eine zentrale Frage unserer Zeit. Die nämlich nach der Zukunft Deutschlands und Europas heute und Morgen.

Dass sich Sch. dabei ostentativ auf Deutschland bezieht, mag der gängigen Lehre bitter aufstoßen, ist diese doch seit Jahrzehnten bemüht, gerade den Blick von Deutschland ab und den generalisierenden (da bemäntelnden) Momenten europäischen Zuschnitts zuzuwenden. Schließlich sorgt sich Sch. offenbar um die grassierende Staatsverdrossenheit in Deutschland heute und beginnt deshalb nicht zuletzt die Einleitung mit einem Memento an die Französische Revolution, deren Ursachen und Wirkungen in der Zeitspanne bis 1806. Schon die Einleitung zeichnet dezidiert den Weg Preußens (stellvertretend für Deutschland) in die Niederlage von Jena und Auerstedt nach. Über sich selbst weit hinausweisend stellte der Reformer Gneisenau nach 1807 fest, das Ancien Régime habe ja in Preußen von Staats wegen den „Bürger nur zum Steuernzahlen“ benutzt. Eine zu späte, aber umso zutreffendere Anmerkung.

„Vom Ständestaat zum Absolutismus“ nämlich war die Masse der Menschen zumeist dem Willen des Fürsten unterworfen. Der Staat, bestimmt durch die Volksvertretung, den die Staatsrechtslehre in Europa seit dem 15. Jahrhundert überwiegend forderte, kam nicht. Stattdessen bestimmten Dynasten, Tyrannen oder Fürsten das Geschick der Staaten von oben herab. Erst denaturierte Fürstenherrschaft führte zur Revolution. Seume, der Kronzeuge Schultes für die Zustände im vorrevolutionären Deutschland, geißelte vor 1806 die Zustände auch in Preußen. Fontane bot in seinen „Wanderungen“, an mancherlei Stellen, wenngleich vornehm verklausuliert, ein zutreffend detailliertes Bild der folgenschweren Misswirtschaft unter dem, von Maitressen und Rosenkreuzern beherrschten, König Friedrich Wilhelm II.. So verlor Preußen, geistig, wie praktisch-politisch-militärisch, die Verbindung zur zeitgenössischen Entwicklung. Schulte ergänzt diesen kritischen Blick auf das „Modell Preußen“ vor 1806 um weitere Abschwünge der Entwicklung, wie Olmütz und die Krimkriegphase, die wiederum Weichenstellungen der deutschen Geschichte bedingten, die – geschichtlich gesehen – zu zwei Weltkriegen führten.

So erscheint auch das Kaiserreich der Hohenzollern als Teil des Niederganges, der mit dem Ersten Weltkrieg zum entscheidenden Einbruch in der deutschen Geschichte führte. Der „Zusammenbruch“ von 1945 bildete den erklärten Tiefpunkt dieser Entwicklung von den Glaubenkriegen des 16. Jahrhunderts, über den Dreißigjährigen Krieg, bis hin zu den Kabinettskriegen des 18. Jahrhunderts - und den napoleonischen Kriegen. Im wesentlichen hat sich Europa auf diese Art selbst entmachtet. Dass Deutschland heute, eingebunden in die europäische Union, alle Anzeichen des Verfalls wie vor 1806 zeigt, bildet die These Schultes, die in die Köpfe der Politiker Eingang finden sollte. Denn heute geht es in erster Linie um eine Erneuerung der Staaten von innen heraus. Sonst droht ihnen ein Schicksal wie Preußen im Jahre 1806, als kampffähige Festungen, wie zum Beispiel Magdeburg, sich nach einem Kanonenschuss dem Feind ergaben.

Bernd F. Schulte, Aufstieg oder Niedergang. Deutschland zwischen Mittelalter und Postmoderne.
Hamburger Studien zu Geschichte und Zeitgeschehen, Bd. 4,
Norderstedt 2008, 400 S., 29,95 €.
ISBN 978-3-8334-4455-5.

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