Bernd F. Schulte
Ernst Nolte: Ein unerwünschter Mahner.
Ob Fritz Fischer, Ernst Nolte oder andere unbequeme Vertreter der denkenden Zunft, wenn derartige Protagonisten des geistigen Deutschland gegen die von irgendwoher festgesetzten Normen unserer Gesellschaft zu verstoßen scheinen, werden sie ausgesiebt. Kein Verlag druckt deren Forschungsergebnisse, kein Medium findet sich - da gelenkt - bereit, Berichte für eine breitere Öffentlichkeit zu zulassen. Erst recht nicht um 20.15 Uhr "Bundesweit" oder in überregionalen Zeitungen.
Und es ist völlig uninteressant, ob diese Taktschläger nonkonformistischen Denkens politisch eher konservativ oder im Grundsatz liberal denken mögen. Es geht nämlich in Deutschland nicht nach Algrebra oder höherer Mathematik sondern im Letzten lediglich um Addition und Subtraktion. Wer nicht Rot ist ist Schwarz, und umgekehrt. Dass dieses Verfahren für die innere Hygiene und Leistungsfähigkeit unserer Nation unzuträglich ist, mag Jedem einsichtig sein; gleichwohl wird weiter nach unsachgemäßen Prinzipien verfahren.
So kam es zu dem Fehlschlag Fischers, in der großen Kontroverse der 60iger Jahre den Deutschen beizubringen, dass sie aus ihren in der Vergangenheit begangenen Fehlern für die Zukunft lernen sollten; Ernst Noltes Anliegen scheiterte, zumindest in Deutschland, das seit 1945 vorgegebene Geschichtsbild der Sieger des Zweiten Weltkrieges zumindest zu überprüfen.
Aber mag auch kurzfristig das traditionelle, da bequemere Denken siegen, über die große Distanz werden Fischer und Nolte zu den - wenn auch scheinbar unter grundsätzlich unterschiedlichen Gesichtswinkeln und Methoden herangehend - die großen Vordenker der künftigen deutschen Gesellschaft sein. Mag man sich ihrer heute auch nicht gern erinnern wollen - und dies aus welchen Gründen auch immer.
Hier finden sich als Anregung die Werke Ernst Noltes vorgestellt, verbunden mit den Zielsetzungen, die ihm in den jeweiligen Stadien der Diskussion nahe waren. Eine kleine Sammlung von Stimmen aus den Jahren der Kontroverse im "Historikerstreit" der 80iger Jahre mag einführen in das Auf und Ab der damaligen Argumente.
Fritz Fischer sagte in Erwiderung auf die Laudatio zu seinem 80. Geburtstag 1988, im Professorenclub der Hamburger Universität, es sei ja nicht selbstverständlich, dass ein Historiker das Sensorium seiner Zeit erreiche, deshalb sei es umso so wertvoller und befriedigender gerade dieses Wissen aus dem eigenen Leben mitzunehmen. Daraufhin umarmte er seinen großen Gegner Egmont Zechlin in der ersten Reihe der Zuhörer (Film-Portrait über Fritz Fischer. Bernd F. Schulte in "ttt", Hessischer Rundfunk, August 1988).
Hier sei insbesondere hingewiesen auf ein neues Werk des berühmten Berliner Historikers und Philosophen zu einem drängenden Problem unserer Zeit. Dieses erscheint am 9. April und ist in jeder guten Buchhandlung zu erhalten.

Zum Werk:
| Ebd., S. 71: Die Frage nach dem Faschismus muß eine schmerzhafte Frage sein, und allein unter dieser Voraussetzung kann sie heute eine wesentliche Frage sein. Und nur wenn sie als Frage ernst genommen wird, wird es einen Weg aus den starren Frontstellungen der Vergangenheit geben, die die Gegenwart immer noch beherrschen. |
| Ebd., S. 16: (Oktober 1980) Es erzählt und analysiert eine Geschichte, die jeder Deutsche zu einem guten Teile kennt und die dennoch sonderbarerweise bis heute unerzählt und unverstanden geblieben ist. |
| Ebd., S. 35: Keine Eingrenzung des Themas, kein Wille zu wissenschaftlicher Objektivität können vom Versuch einer Antwort auf die bedrängendste aller Fragen der Gegenwart entbinden; aber nur wenn die Geduld vorhanden ist, sie über eine lange Strecke mühevoller Unterstützung festzuhalten, besteht die Chance, anderes hervorzubringen als zornerfüllte Anklage oder verwischende Apologie. |
| Ebd., S. 12: Zwar vergeht jede Vergangenheit, aber auf jeweils eigene Weise. Zwar ist eine Vergangenheit, die nicht vergeht, in der Gegenwart nur auf der Basis von Indoktrination als Legende möglich, aber eine gleichmäßig vergehende Vergangenheit wäre die Entsprechung zu einer reinen Wirtschaftsgesellschaft. Zwar läßt erst das Vergehen der Vergangenheit Geschichtswissenschaft ins Dasein treten, aber eine Wissenschaft, für die jede Vergangenheit das gleiche bedeutete, würde im engsten Sinne eine bloße Fachhistorie sein. Das rechte Vergehen einer tiefbewegenden Vergangenheit vollzieht sich nicht als Vergessen oder Verdrängen, sondern gerade als umfassendere und epochale Erinnerung. |
| Ebd., S. 26: Doch es kann nicht gewillt sein, jemals auf seine eigene Existenz zu verzichten, und erst daraus resultiert eine unmittelbare und konkrete Parteinahme. Wenn Hitler gesiegt hätte, würde im deutschbeherrschten Europa und wohl auch in großen Teilen der übrigen Welt für Jahrhunderte die Geschichtsschreibung in der Preisung der Taten des Führers bestehen. Eine Enthitlerisierung würde nach allem menschlichen Ermessen nicht möglich sein. Vielleicht wären die Menschen, - von den Opfern abgesehen, über die man nicht reden würde glücklicher, weil sie der Not des Vergleichens und Abwägens enthoben wären; gewiß würden viele der spätgeborenen Antifaschisten von heute überzeugte und geschätzte Anhänger des Regimes sein. Nur für historisches Denken und Revidieren würde es keine Stätte geben, und deshalb würden Geschichtsdenker in diesem System als Gegentypen gelten und keine Existenzberechtigung haben. Aber nicht einmal dieses Wissen darf sie veranlassen, sich noch nachträglich unter die kämpfenden Zeitgenossen einzureihen. |
| Ebd., S. 8: (April 1992) Wer im 20. Jahrhundert nur Russland, Deutschland und andere Staaten oder nur Bürgertum und Arbeiterschaft agieren ließe, würde sich mit artifiziellen Ausschnitten beschäftigen, solange er es vermiede, von Kommunismus und Faschismus zu reden, die diese Staaten und diese Gruppen in Aktivität und Reaktion erst zu dem machten, was sie tatsächlich waren. |
| Ebd., S. 56: Wer sich in diese aus einem dürftigen Rinnsal bis 1933 zu einem Strom anschwellende Literatur (nationalsozialistische und anti-nationalsozialistische) einliest, der weiß, dass der unumstrittene Führer der NSDAP, Adolf Hitler, in weit höherem Maße ein Extremist war als irgendeiner seiner Gefolgsleute oder gar der Sympathisanten. Die große Paradoxie bestand darin, daß er nur deshalb am 30. Januar 1933 Reichskanzler werden konnte, weil maßgebende Persönlichkeiten glaubten, ihn als einen Gemäßigten gegen die Radikalen in seiner Partei stützen und vor allem das Zerfallen der NSDAP verhindern zu müssen. |
| Ebd., S. 12: Eine kollektive Erinnerung der gesamten Menschheit gab es bisher nur in Gestalt der Universalgeschichtsschreibung und ansatzweise im Hochmut einer überlegenen, die jeweilige Welt beherrschenden Kultur sowie in den Protesten derer, die sich wegen ihrer Religion, Kultur oder Rasse benachteiligt sahen. Wohl aber ist heute eine Welt globalen Verkehrs vorstellbar und für manche bereits wirklich, der nur noch eine unbestimmte Erinnerung an die Verbrechen und Torheiten der Geschichte gemeinsam wäre, weil die unerhörte Kraft des Gegenwärtigen sowohl Erinnerungslosigkeit wie Negierung einer andersartigen Zukünftigkeit in sich schlösse. |
| Ebd., S. : 28 Es war zu erwarten, das ein Zusammenbruch erfolgen würde, welcher den Vorgängen bei der Konkurserklärung einer großen Firma ähnlich sein würde, nach der die bestürzten und ratlosen Angestellten die geräumten Schreibtische der ehemaligen Direktoren in Besitz nehmen und den Versuch machen würden, aus der eigenen und unerprobten Kraft eine Rettung zu suchen. Aber würde man diesen Zusammenbruch eine Revolution nennen können? Jedenfalls stand nun der Übergang von einem starken und lebenskräftigen Regime zu etwas anderem bevor, und dieses Andere und Neue mochte eine Demokratie sein, welche die liberalen Elemente und Tendenzen des Kaiserreichs verkörperte und fortsetzte, oder es mochte eine Diktatur sein- vielleicht eine Diktatur von neuer nicht dagewesener Art |
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DOKUMENTARISCHES:
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Welt, 17.12.1979 | Welt, 23.9.1987 | Welt, 25.9.1987 |
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Welt, 5.10.1987 | Welt, 1.10.1987 |
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Frankfurter Allgemeine, 11.2.1988 | Frankfurter Allgemeine, 11.2.1988 | Frankfurter Rundschau, 19.2.1988 |
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Rheinischer Merkur, 15.4.1988, 16/1988 |
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Goslaer Anzeiger, 31.10.1988 |
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Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.11.1988 |


























