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Bernd F. Schulte

Work in Progress.

Studien zu Militär und Militärpolitik im Kaiserreich, 1871-1914.


Die Epoche des Ersten Weltkrieges galt bis zu Fritz Fischers "Griff nach der Weltmacht" als die besterforschte Epoche der deutschen und europäischen Geschichte (W.Hubatsch 1958). Wie vor dreißig Jahren die Akten der zivilen Reichsressorts, so stehen heute der Forschung die Materialien der militärischen Dienststellen in Teilen wieder zur Verfügung. Der Bestand "Forschungsanstalt des Heeres" gibt Aufschluss über Prämissen, Zielvorstellungen und Verfahrensweisen des Reichs- und Heeresarchivs zwischen 1919 und 1946. Hier folgt ein Abriss einer gerade entstehenden Studie des Verfassers, der in den 90iger Jahren durch DFG und Hans-Ulrich Wehler nicht gefördert wurde. Wehler teilte dem Verfasser vielmehr auf Nachfrage mit, dieser müsse "entweder Frau oder aus der DDR sein", um gefördert zu werden.

Das Reichsarchiv und die Erforschung des Ersten Weltkrieges.

Es ging dem Reichsarchiv nicht darum "die volle Wahrheit" zu drucken (1919). Vielmehr war die Arbeit dieser Institution gebunden an den politischen Auftrag in Weimar, und darauf im Dritten Reich. Es galt, über die Darstellung des Krieges, das Volk kriegsbereit zu machen. Ausgesprochen wurde, es gelte "der Nachwelt ein Bild der Wirklichkeit des Krieges überhaupt und der Vorgänge des Weltkrieges zu übermitteln zum Ruhme und zur Ehre des deutschen Volksheeres und zur Lehre und Bildung für spätere Generationen". Der Krieg der Zukunft wurde als Aufgabe gesehen und ein künftiger Waffengang geradezu erwartet, "wenn einmal der Traum von Völkerbund und Menschheitsbeglückung ausgeträumt" sei und die Gewalt wieder in ihr Recht träte und "neue Probleme und politische Kristallisationen sich gebildet" hätten, "die den Austrag in der uralten Form des Kampfes" verlangten.

Reichswehr und Wehrmacht bereiteten sich auf diesen zweiten Anlauf vor. Die Arbeit des Reichs- und Heeresarchivs an der Auswertung des Weltkrieges, und dessen Vorgeschichte, war Teil dieser Vorbereitungen. Zudem stand die Erforschung der Jahre zwischen 1870 und 1918 ganz im Dienst der Abwehr des Paragraphen 231 des Versailler Vertrages. Die militärische Geschichtsschreibung, insbesondere zu den Vorgängen vor und während der Marneschlacht, dominierten die Vorstellungen der Schlieffen- und Groenerschule, die den Verlust des Weltkrieges in erster Linie dem Versagen der ersten OHL (Moltke d.J.) in Vorbereitung des Krieges (Verwässerung des Schlieffenschen Grundgedankens), wie während der Anfangsphase bis zur Marneschlacht, anlasteten. Stattdessen wurde Schlieffen auf den Schild gehoben und behauptet, dieser würde den Weltkrieg angeblich gewonnen haben (Schlieffen starb hochbetagt 1913), würde er noch gelebt haben.

Nach der Zerstörung des Potsdamer Archivs, im Jahre 1945, endete die militär- und wehrgeschichtliche Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg.

Kontroverse um den Ausbruch des Krieges und die Rolle des Militärs.

Gerhard Ritters großes Alterswerk "Staatskunst und Kriegshandwerk" fußte vor allem auf Studien vor und während des Zweiten Weltkrieges an den Potsdamer Originalakten. Mit Fischers "Griff nach der Weltmacht" erhielt 1961 die Rolle des Militärs, in der Vorgeschichte des Weltkrieges, erhöhte Bedeutung. Die Frage nach einem bestimmten Termin ab dem das Reich sich auf den für unmittelbar bevorstehend erachteten Weltkrieg vorbereitet habe, fußte insbesondere auf wiederholten Äußerungen des Generalstabschefs Moltke, dessen Drängen auf den Krieg "je eher je besser" nicht zu übersehen war. Bereits Ende der siebziger Jahre wies der Verfasser auf diese zentrale Rolle der militärischen Führungselite des Reiches hin. Deren Anteil am Entscheidungsprozeß vor 1914 war mit den Studien John Röhls breitere Aufmerksamkeit zuteil geworden.

Soziologische, politikwissenschaftliche und Aspekte der Konflikt- und Friedensforschung (Senghaas) haben befruchtend auf die Fragestellungen der Geschichtswissenschaft, zum Problem des Kriegsausbruchs 1914, eingewirkt. Die auf Alfred Vagts zurückreichende Aufmerksamkeit für das Phänomen des Militarismus, auch im Kaiserreich, erreichte mit Gerhard Ritter eine zentrale Aussage. Wenngleich in verschiedenster Hinsicht zu eng angelegt, greift heute eine jüngere Schule der deutschen Geschichtswissenschaft auf Ritters national-konservative Ansätze, die aus einer ersten Phase deutscher Nachkriegsstaatlichkeit herrühren, zurück. War das Ansehen des Militärs in den 50iger Jahren bereits auf einem Tiefstand, so erscheinen auch heute Rang und Ansehen der militärischen Führungselite, für den Zweiten wie den Ersten Weltkrieg weniger lebenswichtig, als eine positive Tradition deutscher Politik. Inzwischen entstehen verschiedenste Studien zu hohen militärischen Führern, Institutionen und Phänomenen der Epoche vor 1914, die noch Anfang der 80iger Jahre undenkbar gewesen wären. Anlass für diese Entwicklung ist der oben skizzierte Aktenbestand der "Forschungsanstalt des Heeres".

Anlass und Ursache: der Quellenbestand "Forschungsanstalt".

Es handelt sich bei diesen Quellen um eine breite Sammlung von Vorarbeiten, Ausarbeitungen, Druckfahnen, Schriftverkehr und Akten der verschiedenen Lieferungen des Reichsarchivwerkes zum Ersten Weltkrieg, dessen Vorgeschichte, Vorbereitung, Ausbruch und Verlauf. Weiter enthält der Bestand Personalakten und Registraturen aus Reichsarchiv, Preußischem Kriegsministerium und Großem Generalstab. Die eingehende Analyse der leitenden Anschauungen, politischen Zielsetzung, Voraussetzungen und Verwaltung des Reichsarchivs erscheint möglich. Dabei erhält der Forscher an Hand der Ergänzungsakten, zugeordnet den verschiedenen Themenkomplexen des Generalstabswerkes, tiefgreifende Einblicke in die Entstehung der jeweiligen Endfassungen zu Gegenständen wie Marneschlacht, Sendung Hentsch etc.- Einblick in Diskussionen, abweichende Meinungen - und insbesondere die Äußerungen der vormals Handelnden aus Politik und Militär - kann so gewonnen werden. Ergänzt, und hinsichtlich des Quellenwertes noch höher anzusetzen, sind eingesprengte Originalakten, Abschriften und Parallelüberlieferungen zu den inzwischen vernichteten Beständen, z.B. des Großen Generalstabes. So kann heute u.a. ein Bild der engsten Umgebung Wilhelms II. gewonnen werden, der sich vornehmlich mit Offizieren umgab. Weiter hat der Verfasser verloren geglaubte Zeugnisse zentraler Figuren im Kräfteparallelogramm um den Kaiser - wenigstens zum Teil - wieder aufgefunden. Die Tagebücher Falkenhayn (heute bei Afflerbach), Plessen (soll von der Bayerischen.Akademie veröffentlicht werden), Lyncker, Moltke (Briefe), Lauenstein, Dommes, Bartenwerffer, Kronprinz Rupprecht von Bayern, Krafft von Delmensingen etc. gestatten neue, brisante Einsichten in Gedanken und Planungen der engsten Führungskreise. Das Denken und Handeln einer im wesentlichen bis heute noch nicht erforschten Führungselite, nämlich der Militärkaste im Kaiserreich, kann nunmehr im Wege der Konvergenz erschlossen werden.

Es handelt sich natürlich um ein Bruch- oder Reststück der militärgeschichtlichen Überlieferung des Deutschen Reiches und des Norddeutschen Bundes seit 1867. Auch bedarf, wie bereits berührt, die Benutzung dieser Quellen hoher Umsicht des Forschers, denn die Auswahl geschah seinerzeit unter den übergeordneten Gesichtspunkten der "Kriegschuldfrage", und auch der drängenden Rolle des Generalstabes, vor Ausbruch des Krieges. Darüber hinaus wirkten sich die übergreifenden Ziele von Reichswehr und Wehrmacht in der Phase um den Friedensschlusses von Versailles, die Rüstungskontrollauflagen der Alliierten, wie die Vorbereitungen der Wehrmacht auf den kommenden Krieg, aus. Somit wurden die Akten der Forschungsanstalt des Heeres auf die Ziele des Staates und der Armee hin ausgewählt und bearbeitet; nämlich den Ersten Weltkrieg als Muster für den Zukunftskrieg. Hierzu wurden vor allem die Grenzschlachten, Verfolgungskämpfe in Belgien und Nordfrankreich, sowie Lothringen und die Marneschlacht ausgewertet. Führungs-, Organisations- und Strategiefragen unterlagen nicht zuletzt dem Zweck, das Bewusstsein der deutschen Intelligenz mit der Anschauung vertraut zu machen, dass der Erste Weltkrieg nur infolge der Fehler einiger Personen verloren gegangen sei, die unglücklich agierten oder aber körperlich und psychisch nicht auf der Höhe ihrer Kraft gewesen seien.

Die Überzeugung, wie Schlieffen im Jahre 1903 im Kreise seiner Offiziere aussprach, der deutsche Generalstab verfüge über das "Geheimnis des Sieges", diese Vorstellung sollte wach erhalten und breiteren Schichten nahe gebracht werden. Nicht zuletzt war dies die Absicht jener Gruppe von Offizieren, die für das Debakel an der Marne - und damit den Verlust des Krieges, so er geplant gewesen war - verantwortlich waren. Kluck-, Kuhl- und Groener, der in Weimar bis zum Chef der Reichswehr, und Präsidenten des Reichsarchivs, aufstieg.

Eine Führungselite wird geopfert.

Im wesentlichen auf einer Ausarbeitung des Reichsarchivrates Diekmann zur Entstehung des Schlieffenplanes fußend, behauptet nun seit 1994 ein Schüler Wolfgang Mommsens (Stig Förster: Dreams and Nightmares: German Military Leadership and the Images of Future Warfare, 1871-1914), der deutsche Generalstab habe den langen Krieg vorausgesehen und kein Rezept besessen um die Zweifronten-Kriegsdrohung zu bewältigen. Dennoch habe dieser zum Kriege geraten, und dies, obwohl klar gewesen sei, dass ein Sieg nicht zu erwarten wäre.

Eindeutig knüpft Förster hiermit an Gerhard Ritters Untersuchung zum "Schlieffenplan" an. Ritter hatte 1956 die geringen Erfolgschancen des gigantischen Umfassungsentwurfs herausgearbeitet und sein Werk die "Kritik eines Mythos" untertitelt. Seit Jahrzehnten wird demzufolge der deutsche Operationsplan von 1914 mit diesem "Schlief fenplan" verknüpft. Spätestens seit Groeners "Testament des Grafen Schlieffen" wird behauptet, der Erfolg sei 1914 nur ausgeblieben, weil der Nachfolger Moltke den Entscheidungsflügel quantitativ geschwächt habe. Hierbei handelt es sich allem Anschein nach um eine Verfälschung der Realitäten. Es ist nämlich zwischen der Entstehung des operativen Grundgedankens in der Umfassung durch Belgien und Nordfrankreich bei Schlieffen, dessen unmittelbar daraus folgenden Aufmarschplänen bis 1905/06 und eben jener Denkschrift aus dem Dezember 1905 strikt zu unterscheiden.

Ritter beschränkte sich ausschließlich auf diese bis dato streng geheime Denkschrift, deren Publikation 1956 ein Staatsgeheimnis enthüllte und zugleich einen Mythos entzauberte. Allerdings, indem Ritter den strategischen Plan, und damit das "Kriegshandwerk", der Gigantomanie zieh und dieses damit moralisch verurteilte, erschien jegliche Politik im Kaiserreich als Opfer des Preußisch-Deutschen Militarismus. Eine Tradition der Darstellung mit welcher Ritter im Umfeld bundesdeutscher Wiederbewaffnungs-Diskussionen nicht allein war. Auch der Amerikanische Historiker Gordon A.Craig bezeichnete in seiner Studie zur Preußisch-Deutschen Armee, zwischen 1640 und 1945, das Militär in Deutschland als "Staat im Staate". So wird heute, wie bereits nach dem Zweiten Weltkrieg, die militärische Führungselite des Kaiserreichs geopfert. Das ist neuer Wein in alten Schläuchen. Die Handlungsfähigkeit oder Paralyse der Entscheidungsträger?

Demgegenüber verfolgt der Verfasser in seinem demnächst erscheinenden Buch, an Hand neuen unveröffentlichten Materials, die Frage, ob im Kaiserreich von einer engen Interdependenz der Reichsämter ziviler und militärischer Provenienz zu sprechen sei. Dies trotz allen informellen Führungsstils demnach eine stringente politisch-militärische Führung nachgewiesen werden kann. Ausgehend von Hans Herzfeld (1921) und Gerhard Ritter (1958-68) wird heute wiederum von der Antinomie, sowohl innerhalb der militärischen Organisation (Diskussion um den Volkskrieg), wie auch in deren Verhältnis zur Politik gesprochen. Die nach 1919 zugrunde liegenden Motive einer Evolution der politisch-militärischen Führungsstruktur in Deutschland hin zum Führerstaat, seien hier nur erwähnt um zu zeigen, wie wenig verbindlich für den Historiker heute derartige Konstruktionen sein können. Ähnliches lässt sich zu Gerhard Ritters großem Alterswerk sagen, das nach einer wissenschafts-geschichtlich äußerst interessanten "Odyssee", seit Mitte der 30iger Jahre, ausgehend von Studien zur Reform der preußischen Armee um 1860, Ende der 50iger Jahre, in der jungen Bundesrepublik, schließlich zu einer Kritik des "Militarismus in Deutschland" entwickelt wurde.

In direkter Verbindung mit der o.a. Frage nach der Handlungsfähigkit politischer und militärischer Instanzen steht natürlich die Diskussion um den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Über die Kontroversen um eine Verteidigungskriegsthese, die Präventivkriegstheorie oder Vorstellungen, das Reich habe 1914 einen "Angriffskrieg" um die Hegemonie in Europa "vom Zaun gebrochen", führen neue Quellenfunde hinaus. So z.B. das Tagebuch Falkenhayn, das sehr interessante Aussagen zu einer "Krisenkonferenz" Am 28.7.1914 enthält. Eine Zusammenkunft der höchsten Repräsentanten des Staates (unter Einschluss der Politiker), die entschieden gewesen seien, nunmehr "durchzubiegen".

Es wird der nachgerade flächig behauptete, vorgeblich durch sämtliche Strukturen und Epochen des Kaiserreichs reichende, "polykratische Grundzug im Regierungschaos der Ära Bethmann Hollweg" insoweit auf den Prüfstand zu stellen sein, als mit dieser Argumentation insinuiert werden soll, dem Reich sei jegliche Befähigung zu aktivem Handeln abzusprechen. Der militärische Sektor zumindest war befähigt, einen vierjährigen immer totaleren Krieg, die Kommandostrukturen, Ausbildung, Taktik und Strategie, das Ersatzwesen, Nachschub, Volksernährung und Kriegswirtschaft zu organisieren.

Kriegbild und Kriegsvorbereitung.

So bleibt der Grad der Kriegsbereitschaft Deutschlands ein wesentliches Kriterium für die Beurteilung der Frage, ob Deutschland zu einer kriegerischen Lösung der diplomatisch-politischen Spannungen im internationalen System befähigt gewesen sei.

In Frankreich wurde zwischen 1905 und 1914 eine beträchtliche Zunahme der deutschen militärischen Effizienz festgestellt. Die Vervollkommnung der Armeestruktur - vor allem hinsichtlich Mobilmachung, Ersatzformationen, aber auch der Infanterietaktik, neuer Waffen und des Flugzeuges - ließen für 1914 einen Überfall aus dem Stand befürchten. Die deutsche Armee trug Züge einer Kaderarmee hoher Präsenz, die jederzeit zu einem Entscheidungs- schlag, z.B. gegen die "Position de Nancy", befähigt schien.

Die deutsche Doktrin einer Offensive "à outrance" wurde frontal kritisiert. Die Franzosen bezweifelten, ein Zukunftskrieg nur mit Hilfe brutalster Offensive zu gewinnen. Mit dieser Kritik hing direkt die Frage zusammen, ob der Krieg der Zukunft ein kurzer oder langer werden würde. Deutschland, und das belegen die vorliegenden Zeugnisse Moltkes, hatte sich zwischen 1905 und 1909 für die Entscheidung der Krieges im Westen schon in den ersten Schlachten entschieden. Diskutierte Thesen zu der "Furcht" des Generalstabes vor einem Volkskrieg à la 1870 bleiben eher an der Oberfläche. Es bedarf allerdings einer umfassenden Analyse des Grundgedankens der deutschen Operationen von 1914 und deren Entwicklungsgeschichte. Schon gar nicht kann von eher peripheren Stimmen, auch der Militärliteratur der Zeit, auf das tatsächliche Meinungsbild des Generalstabes vor 1914 geschlossen werden. Dass sich die Militärtheorie vor 1914 im Umbruch befand, ist nicht zu leugnen. Lösungen, z.B. für den taktischen Angriff, wurden selbst nach den blutigen Erfahrungen der Engländer im Burenkrieg wie der Japaner im Russisch-Japanischen Krieg, zumindest für Deutschland, nicht gefunden. So befanden sich sämtliche Armeen dieser Jahre, mehr oder weniger, in einem Stadium des Experimentierens.

Gerade die nun vorliegenden Akten der "Forschungsanstalt des Heeres" geben einschlägige Auskunft zum Denken des Generalstabes, seinen Vorbereitungen auf den Zukunftskrieg und die entscheidenden Entschlüsse vor und im Krieg. Auch und gerade die Figur des jüngeren Moltke tritt in den Quellen nun deutlicher zutage. Bemühungen früherer Jahre, den Nachlass des Generalstabschefs von 1914 aufzufinden, führten bisher nur zu Teilerfolgen. Materialien von Aussagewert aus dessen engster Umgebung, existieren jedenfalls. Es bleibt zu diskutieren, ob die Skepsis Moltkes dessen Tatkraft überwog. Auch bleibt zu klären, ob seine Weltanschauung zum Krieg gegen den Osten drängte und er u.U. ein strenger Protagonist der Suprematie Deutschlands über Europa war. Rudolf Steiner sagte in einem lange geheim gehaltenen Gespräch, im Angesicht des vermeintlichen Sieges im Westen am 27.8.1914, zu dem Generalstabschef: "Sie sind der Messias Europas".

Fortgeschriebener Schlieffen oder "neue Hefte"?

Auch bleibt zu klären, nach welchem Operationsplan das Reich 1914 in den Westfeldzug eintrat. Die Grundideen, politisch- militärischer Vorgaben, und das Nacheinander in der Durchführung, wurden bisher nicht umfassend geklärt. Eine eingehende Analyse der Entwicklung der operativen Anschauungen Moltkes fehlt. Neue Quellen aus dem Bereich der Generalstabsausbildung belegen dessen Erwägungen unter Auswertung der jeweiligen politischen Lage. Von "Furcht und Verzweiflung" ist in diesem Zusammenhang nichts zu entdecken.

Die enge Interdependenz der Ämter wird, belegt durch neue Quellen zu Lüttich (1908), dem russischen Aufmarsch (1908/09) und die wiederholten Krisenkonferenzen und militärische Folgerungen aus der internationalen Lage (1904/06, 1909, 1911, 1912/13) Schlaglichter auf Konzeption und Plan auch der politischen Reichsleitung werfen. Die Analyse der jeweiligen politischen Situation unter den sich wandelnden Gesichtswinkeln Bismarckischer und Wilhelminischer Außen- und Innenpolitik, im Zeichen vielfältigen Wandels, werden neue Einsichten in die Stringenz der militärischen Planung vermitteln.

Die militärische Führung im politischen Spektrum.

Wie nach 1945, so geriet auch nach dem Ersten Weltkrieg die kritische Phase der Selbstbesinnung nur kurz. Für das Reichsarchiv ging es vordringlich darum, jeglichen Offensivwillen und Verantwortung Deutschlands am Kriegsausbruch 1914 zu widerlegen. Es ist zu klären, in welchem Umfang die Generalstabschefs, eingebaut in den politischen Entscheidungsprozeß, informiert mit der Reichsleitung zusammenarbeiteten. Dabei sind Rolle und Bedeutung der Generalstabschefs Schlieffen und Moltke neu zu bewerten. Weniger die Hagiographie der Schlieffen-Groener- Schule, als die reale Arbeit Schlieffens in seinem Amt während seiner Zeit, ''wird der Gegenstand der Analyse sein. Ohne vorweg greifen zu wollen, wird sich doch herausstellen, dass der zum Genius aufgebaute Schlieffen Opfer einer breit angelegten politischen Strategie im Nachweltkrieg-Deutschland wurde. Leitend für die Darstellung wären dessen militär- und wehrpolitische Tätigkeit und Leistung im Dienste der Neuordnung des deutschen militär- und außenpolitischen Bezugsrahmens seit Flottenbau und Weltpolitik.

Doch kann angenommen werden, daß Moltke, der, obschon in der Ära der Weltpolitik berufen, doch bereits die Wende zurück zum rüstungspolitischen Primat der Armee vorwegnimmt, und damit den Rückzug Deutschlands auf Kontinentalpolitik und Ausgleich mit England, eher einer Pro-Westlichen-Richtung deutscher Politik zuzurechnen ist, deren Exponent der Reichskanzler Bethmann Hollweg war. Dessen Pro-England-Kurs bildete eher eine taktische als eine strategische Umorientierung. Jedenfalls blieb diese Politik in Ansätzen stecken und konnte sich in der Julikrise 1914 nur der frühen ersten Früchte dieser Ausgleichs- und Detente-Bemühungen bedienen. Dessen Trümpfe zogen dann nicht. Das Reich geriet in einen Krieg mit drei Hauptgegnern, diesen in eine Zweifrontenkrieg-Konstellation aufzulösen, gelang dem Reichskanzler nicht.

Alles beherrschte seit 1907/08 die Frage: Wann wird Rußland wieder kriegsbereit sein? Moltke betätigte sich Österreich gegenüber als Militär-Diplomat und stellte sicher, dass der Verbündete, gegen seine eigenen Interessen, Deutschland im Kriegsfall gegen eine überlegene russische Armee den Rücken frei hielt. Der Generalstab sah in Rußland den Gegner der Zukunft; insofern durchaus mit Bethmann Hollwegs pro-westlicher Orientierung übereinstimmend. Vordergründig gegen die anti-östliche Option sprach allerdings die Tatsache, dass Anfang 1913 der große Ostaufmarsch nicht mehr modernisiert wurde. Hier setzt der Erklärungsbedarf ein. Das Votum für den Angriff auf Frankreich, "in any case", war in der Erwartung des Generalstabes begründet, hier einen der Hauptgegner vollständig ausschalten zu können. Über den Realitätsgrad dieser Berechnungen - Erfolgschancen und vorgesehene Methoden - kann nunmehr an Hand der neu erschlossenen Akten beurteilt werden. Die Forschung ist damit nicht mehr ausschließlich auf die publizierten Ergebnisse des Reichsarchivs angewiesen. Dessen Methoden und Verfahrensweisen sind nunmehr zu durchleuchten.

Stets hatte der Generalstab - selbst zur Zeit des großen Moltke - zum Präventivkrieg geraten. 1875 in der "Krieg-in-Sicht-Krise", 1887 angesichts der zunehmenden Spannungen mit Rußland, und 1904/05 bis 1914 immer dann, wenn momentane rüstungstechnische Vorteile die Gelegenheit zur Vorwegnahme des erwarteten Krieges nahelegten. Immer wieder wurden in "Krisenkonferenzen" - auch unter maßgeblicher Beteiligung der militärischen Berater des Kaisers - zumeist dem Reichskanzler, und teilweise unter Beteiligung der Kabinettchefs, die Lage analysiert und Folgerungen gezogen. So z.B. im März 1905, als es um den Präventivkrieg mit Frankreich ging, den Schlieffen warm begrüßte, der jedoch zunächst bis 1907 verschoben wurde, da sich die deutsche Armee mitten in der Umbewaffnung ihrer Feldartillerie und der Infanterie befand. Im Juni 1909 ging es dann um den Krieg mit England für den jedoch die Flotte noch nicht gerüstet war, wie Tirpitz dem Reichskanzler bekennen musste. Bülow zog daraus den Schluss, nunmehr den Kurs der Detente mit dem Inselreich einzuschlagen. Die Kalamität der deutschen Entwicklung wurde deutlich, als Moltke ausführte, da England mit der Armee nicht zu treffen sei, müsse er "den Kaiser bitten, dann auch einen Krieg gegen Frankreich vom Zaune zu brechen". Es bleibt zu klären, welches Gewicht der Generalstab im Entscheidungskreis um Kanzler und Kaiser tatsächlich besaß.

Das Phänomen der "Krisenkonferenzen" gewährt, neben interessanten Einblicken in die Arbeitsweise des informellen Regierungssystems im Kaiserreich, einen Blick auf die Denkweisen der hohen politischen und militärischen Führer, und enthüllt deren weitgehende Übereinstimmung in der Bereitschaft, jederzeit einen Waffengang anzunehmen. Hier der Frage nachzugehen, ob der Geist der Resignation bei Moltke nur ein Ergebnis der Überlegungen nach dem Verlust des Krieges war, oder ob diese Haltung des Leiters der Operationen eventuell Basis seiner Entschlüsse war, führt in das Zentrum der Diskussionen um den Kriegsausbruch 1914 und die deutschen Kriegsziele; Bildet nachgerade den Schlussstein der Forschung Fritz Fischers. Allem Anschein nach war die Armee allerdings, über das berechtigte Maß hinaus, von ihrer Leistungsfähigkeit überzeugt, was an der empörten Reaktion auf vielfache Kritik des Auslandes - und im Angesicht des Kriegsausbruches - abzulesen ist.

In welchem Ausmaß der Krieg ganz natürlich zum Handwerkzeug der Politik gehörte, begreifen wir in der Gegenwart erneut um Mogadischu, Sarajewo und Grosny (inzwischen ergänzt um Afghanistan und Irak).- So wäre zu untersuchen in welchem Ausmaß, z.B. Bülow und Bethmann Hollweg 1909, sich hinsichtlich des Krieges mit England einig waren. Ob u.U. die Diplomatie sich tatsächlich zur Handlangerin des Kriegshandwerks machte, indem sich diese verpflichtete, eine günstige Ausgangslage für den Konflikt im Jahre 1915 zu schaffen. Um exakt derartige Fragen ging es im November 1912, als die deutsche und die österreichische Führungsspitze in Berlin und Springe am Deister Möglichkeiten eines europäischen Krieges, infolge der Krise auf dem Balkan, ins Auge fassten. Realismus und etwas "gedrückte Stimmung", angesichts schwerwiegender Entscheidungen, prägten die Atmosphäre der Verhandlungen. Schon am 23.11.1912 begriff der Reichskanzler, es gehe ohne energische Aufrüstung nicht weiter. Er versprach dem Generalstabschef dementsprechend eine neue "Armee-Vorlage".- Die dritte innerhalb von drei Jahren! Es war demnach nicht nötig, dass der Reichskanzler zu der umstrittenen Krisenkonferenz am 8.12.1912 in Berlin erschien, denn der äußerst erregte Kaiser besprach offensichtlich Dinge, die längst entschieden waren - nämlich am 23.11.1912 in Jagdschloss zu Springe am Deister. Zu untersuchen wäre, welchen Rang derartige Konferenzen, einerseits im Rahmen der Regierungspraxis des Reichskanzlers, einnahmen, und andererseits, wie notwendig diese angesichts des hohen Einflusses, sowohl des Kaisers, wie auch der militärischen Berater im Entscheidungsprozeß waren. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, dass Armee und Flotte sich in steter Rivalität um Etatmittel befanden und schon aus diesem Grunde derartige Konferenzen zumeist mit Vertretern der Marine abgehalten wurden. Weiter wäre zu prüfen, wie sich die Kontakte zwischen Admiral- und Generalstab gerade hinsichtlich des Gesamtkriegsplanes gestalteten, und ob hier der Flotte eine gewisse Autonomie eingeräumt war. Auch bliebe zu klären, ob und wo der Operationsplan für Armee und Flotte koordiniert wurde, und wenn ja, wie diese Vorstellungen aussahen.

Anfang 1913 war jedenfalls eine "Achsenzeit" erreicht. Welche Bedeutung die Entscheidung, den Schwerpunkt der deutschen Rüstungsanstrengungen auf die Armee zurückzuverlagern, für die...

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