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Bernd F. Schulte

Die Ratlosigkeit der (Historiker-)Päpste!

Wolfgang J. Mommsen in der ZEIT zu Niall Fergusons Buch "The Pity of War".


Die deutschen Historikerpäpste sind ratlos. Nachdem 50 Jahre lang die Politik des Kaiserreichs in der - wie Gerhard Ritter immer wieder betonte - angelsächsischen Geschichtsschreibung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges verantwortlich gemacht wurde, greift nun ein englischer Historiker das eigene Nest an. Dieser Vorgang gewinnt an Pikanterie, wird bedacht, daß gerade Wolfgang Mommsen als Bannerträger der anti-Fischer-Liga in Deutschland, sich den Kampf gegen das Lebenswerk des Hamburger Historikers Fritz Fischer zur Aufgabe gemacht hat, der die zentrale Rolle der deutschen Politik bei Kriegsausbruch 1914 betont. Nun gibt die im konservartiven Holtzbrink-Konzern erscheinende Hamburger Wochenzeitung "DIE ZEIT" Mommsen Gelegenheit zu dem provozierenden Buch ("Der falsche Krieg. Der Erste Weltkrieg und das 20.Jahrhundert", DVA [Holtzbrinck] Stuttgart 1999) des jungen Oxforder Historikers Niall Ferguson Stellung zu nehmen.

Aber nicht nur die deutsche Zunft wird in Probleme gestürzt, auch in England ist der akademische Lehrer von Niall Ferguson, Hartmut Pogge von Strandmann/Oxford getroffen, der sich wiederum der Pro-Fischer-Gruppe zurechnet und dem ein derartiges Buch eines seiner Schüler äußerst peinlich sein muß.- Also Verwirrung allenthalben.

Bevor wir jedoch demnächst das Werk Fergusons - vor allem zur Auslösung des Ersten Weltkrieges - untersuchen, erscheint heute ein Blick auf die etwas hilflos erscheinenden Zeilen Mommsens in der ZEIT nützlich. Warum nicht der Erbhofinhaber Volker Ullrich von der ZEIT, der an sich keine Gelegenheit ausläßt um gegen die These zu polemisieren, Deutschland habe entscheidenden Anteil am Ausbruch des Ersten Weltkrieges gehabt, dieses Buch rezensiert, verwundert, denn gerade Ullrich zieht in der ZEIT die Fäden hinsichtlich der im konservartiven Sinne "richtigen" Kommentierung der Forschung zum Ersten Weltkrieg.

Mommsen sucht zunächst einige Positiva heraus, wie zum Beispiel die von ihm immer wieder promovierte vergleichende, übernationalgeschichtlich orientierte Geschichtsbetrachtung, oder die "umfassende Kenntnis der Literatur", die er Ferguson bescheinigt. Doch die Thesen zur Sache, wie die, es habe "vor 1914 in allen Ländern eine Kultur des Militarismus gegeben", oder jene, es habe "Großbritannien ein ´Appeasement´des Deutschen Reiches vor allem deshalb nicht betrieben, weil dieses [Deutschland] zu schwach gewesen sei", qualifiziert er in gewohnter Manier als "absurd" und "auf ziemlich fragilen Prämissen" beruhend ab. Erst recht, daß Ferguson die Politik des englischen Außenministers Sir Edward Grey in dessen Bindung an Frankreich für den Fall eines europäischen Krieges mit Deutschland kritisiert, bereitet Mommsen Unbehagen, denn so gerät der junge Engländer, so wie wir es allgemein befürchten, in die Gefahr, Beifall von der falschen Seite zu erhalten. Mommsen meint,

"manche Leute werden dies gerne lesen, weil dies indirekt auf eine Exculpation der deutschen Politik jener Jahre hinausläuft".

Da läßt sich ein gerüttelt Maß an Selbstironie unterstellen, denn gerade Mommsen ist uns als einer der vordersten Verteidiger der deutschen Politik von 1914 in der "Fischer-Kontroverse" seit 1969 erinnerlich.- Ist doch Wolfgang Mommsen der Vorkämpfer der deutschen Historiker-Zunft - nunmehr im dritten Jahrzehnt - gegen die von Fritz Fischer in Anlehnung an John Röhl und andere vertretene These von der entscheidenden kriegsauslösenden Funktion des "Kriegsrates" vom 8.Dezember 1912. Nun bei Ferguson lesen zu müssen, daß der tatsächliche und entscheidende "Kriegsrat" erstens nicht in Deutschland, sondern in England, und zweitens nicht erst im Dezember 1912, sondern am 23.8.1911, anläßlich einer Sitzung des "Committee of Imperial Defense" stattgefunden haben soll, trifft ihn offensichtlich unvorbereitet. Allerdings erkennt er, daß eine aggressivere Darstellung der englischen Politik vor 1914 zugleich die Entlastung Bethmann Hollwegs in dessen politischer Verantwortung für den Fehlschlag von 1914 mitbedingen mag. Bei aller Defension der deutschen Absichten, Haltungen und Maßnahmen v o r 1914, schwächt Mommsen doch für den Weltkrieg die deutschen ausgreifenden Ziele nicht ab. Darin steht er in der "guten alten Tradition" der ersten Schlachten seines akademischen Lehrers Theodor Schieder, der Ritter, Rothfels und Herzfeld gegen Fischer nach 1961. Denn grundsätzlich wird in der deutschen national-konservativen Tradition behauptet, mit dem ersten Schuß 1914 habe etwas qualitativ völlig anderes begonnen. Was diese Veränderung ausmacht, ist allerdings nicht zu erkennen, wenn es nicht um lediglich wissenschaftspolitische Taktik und Strategie ging und geht.

Den Thesen Fergusons zur Innenpolitik der kriegführenden Staaten zwischen 1914 und 1918 folgt Mommsen mit Recht zurückhaltend. Entscheidend, und zugleich decouvrierend bleibt allerdings sein Schluß:

"Sein [Fergusons] freizügiger Umgang mit kontrafaktischen Annahmen eröffnet neue beziehungsweise bisher unzureichend wahrgenommene Sichtweisen".

Hoffentlich meint Mommsen damit nicht doch den Rückgriff auf die deutschen Argumente nach 1918 und 1939, die im Zuge der Kriegsschulddiskusssionen über Jahrzehnte just die Emotionalisierung unter nationalstaatlichem Blickwinkel hervorbrachten, vor der Mommsen zu Beginn seiner Rezension so zutreffend warnt.

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