Warning: file_get_contents(index.htm): failed to open stream: No such file or directory in /var/www/web15/html/forumfilm_de/link.php on line 21

Bernd F. Schulte

Marneschlacht "Revisited" - Ein neues Dokument.


Die Vorgänge im September 1914 an der Marne beschäftigen seit nahezu einhundert Jahren die Gemüter. Letztlich ging es dort im Ersten Weltkrieg genauso um Sieg oder Niederlage wie im Oktober 1941 vor Moskau.

Dieses Dokument, das erst heute der lange Jahre in Privathand verschlossene Nachlaß des damaligen Generalstabschefs der Bayerischen 6. Armee, Krafft von Delmensingen, freigab, gewährt einen Blick hinter die Kulissen der "Gedankenwerkstatt" der Reichs- wehr, der Vorläuferin der Wehrmacht. Die Tatsache, dass der Adjutant des Generalstabschefs Helmut von Moltke ds.J. von 1914, in seiner Stellung als Verantwortlicher Für die Edition des deutschen offiziösen Werkes zur Geschichte des Ersten Weltkrieges, des "Reichsarchivwerkes", in einer Planübung den Ausgang der Entscheidungsschlacht des Weltkrieges überprüfen lässt, führt in das Zentrum der Konzeption deutscher Politik zwischen 1918 und 1939.

Dass nicht zufällig erwiesen wird, die Kämpfe vor Paris seien von der deutschen Seite gewonnen worden, belegt, wohin die Vorstellungen, zunächst der militärischen und schliesslich auch der politischen Führungselite der Weimarer Republik, wiesen. Es ging um den Wiederaufstieg Deutschlands zu einer europäischen Großmacht. Dazu leistete die Geschichtsforschung, und hier insbesondere das Reichsarchiv, erhebliche Beiträge. Es ging darum zu belegen, dass der Sieg, just hier an der Marne vor Paris, im Augenblick des Erfolges aus der Hand gegeben wurde. Da es im wesentlichen nur um akzidentielle Verfehlungen Einzelner gegangen sei, erschien ein zweiter Versuch durchaus erfolgversprechend.

 

General Hans von Haeften (Direktor des Reichsarchivs) an General der Artillerie Krafft von Delmensingen, Potsdam, 8.11.19261.

...........

Euer Exzellenz bitte ich für das Schreiben vom 14.10. und die gütige Uebersendung Euer Exzellenz Bemerkungen zu Band II, meinen sehr aufrichtigen Dank aussprechen zu dürfen. Schon eine flüchtige Durchsicht der letzteren bot mir eine Fülle anregender und wertvoller Gedanken, die nicht ohne Nutzen für unsere weiteren Arbeiten sein werden.

Euer Exzellenz Bemerkungen zu dem Aufsatz des württembergischen Generalleutnants v.Moser im "Schwäbischen Kurier" haben mich in hohem Grade interessiert. Euer Exzellenz möchte ich für die rückhaltlose Zustimmung zu der Auffassung des Reichsarchivs in der Frage des Marnesieges unseren ganz besonderen Dank aussprechen. Der Aufsatz von Exzellenz v.Moser und Euer Exzellenz Bemerkungen gaben mir die Anregung, die Lage des deutschen Westheeres vom Mittag des 9.September ab in Form einer Kriegsspielstudie durchzuspielen in der Annahme, dass der Eingriff der Obersten Heeresleitung durch Oberstl[eutnan]t. Hentsch nicht erfolgt wäre. Das Kriegsspiel hat die Ueberzeugung aller Teilnehmer von der Richtigkeit unserer Auffassung über den Sieg der deutschen Waffen wesentlich vertieft und zwar nicht nur wegen der Ueberlegenheit der moralischen Faktoren aller Deutschen über die Franzosen, sondern auch wegen der günstigen taktischen Lage, insbesondere auch der Stärkeverhältnisse auf dem deutschen rechten Flügel der 1.Armee gegenüber den Engländern und auf dem linken Flügel [der 2. Armee] und der Gruppe Kirchbach in Gegend von Sezanne. Selbst unter der für die Franzosen sehr günstigen Annahme, dass es dem General Maunoury gelingt, seine im Laufe des 9. wiederholt schwer geschlagenen Truppen in der Nacht vom 9. zum 10. in der Linie Dammartin-St. Soupplets-südlich Therouanne=Bach zu neuem Widerstand zu ordnen, wäre es dem Führer der 1.Armee möglich gewesen, unter Fesselung der Armee Maunoury durch die 43.R.Br., 10.Ldw.Brg.,17.J.D. und der in der Nacht vom 9./10. bereits [südlich Puicieux] stehenden 4.J.D. sich mit allen übrigen Kräften gegen die Engländer und das franz.XVIII.Korps zu wenden. Hierzu standen ihm zur Verfügung die 18.J.D., 6.J.D., 7. und 8.J.D., 7.R.D., 22.R.D., 3.J.D., H.K.K.2, Brigade Kraewel und 5.J.D. Unter Versagen des linken Flügels hatte im Kriegsspiel der deutsche Führer in der Nacht vom 9. zum 10. die Gruppe Kraewel und die 5.J.D. auf die Höhen südlich Brumetz zurückgenommen unter Bereitstellung der Gruppe Linsingen; 3.J.D., 7.R.D., 22.R.D. auf den Höhen zwischen Chezy und Neuilly. Der In der Frühe des 9. von der Marne in nördlicher Richtung vormarschierende Feind wurde auf seinem linken Flügel [des] nur 16 Bataillone starke[n] III.engl.Korps) durch die mit dem linken Flügel über Crouy vorgehende Gruppe Sixt von Armin, (18.J.D., 6.J.D., 7. und 8.J.D.), mit solcher Ueberlegenheit angegriffen, dass das III.engl.Korps schon in den Mittagsstunden des 10. in östlicher und südöstlicher Richtung , zum Teil auf das II.engl.Korps zurückgeworfen wurde, während zu dieser Zeit das aus der Linie Chezy-Courboil vorrückende XVIII.frz.Korps sich erst in der Linie Bonnes-Latilly (4 km s.ö. Neuilly-St.Frond) und südlich zum Angriff entwickelte. Aehnlich günstig entwickelten sich die Verhältnisse auf dem linken Flügel der 2.Armee, wo nach dem eigenen Zeugnis der Franzosen das frz.XI.Korps mit[und] der [die] 60.R.D. sich in starker Auflösung befand[en] und am Nachmittag des 9. in schwer erschütterten Zustande über Plancy und östlich auf die Höhen südlich des Aube=Abschnittes ausweichen mussten. Ein Versuch des Generals Foch, mit der anderen Hälfte seiner Armee auf den starken Höhen von Sezanne den nach Westen schwenkenden +) siegreich vordringenden deutschen Divisionen (20.J.D., 14.J.D., 1.G.J.D., 2.G.J.D., 24.R.D. und 32.J.D.) Widerstand zu leisten, scheiterte gegenüber der deutschen Ueberlegenheit völlig, so dass diese Teile der 9. und 5. Armee bereits in den ersten Nachmittagsstunden des 10. den Rückzug hinter den Grand Morin antreten mussten. Gleichzeitig hatte sich in der Mitte die Lage des rechten Flügels der franz.3.Armee durch die Auswirkung der Erfolge des nächtlichen Angriffs der 5.Armee in Verbindung mit dem südlich vor Troyon geglückten Maasübergang von stärkeren Teilen des deutschen V.A.K.++) derartig [kritisch] gestaltet, dass die Gruppe Durand schwer erschüttert den Rückzug antrat, in den auch die übrigen Teile der frz.3. und 4. Armee hineingerissen wurden. Die Verbindung mit Verdun, das von ganz schwachen Kräften besetzt blieb, war verloren gegangen. Auf dem deutschen linken Flügel hatte das A.O.K.6 auf die Meldung von erneuter Schwächung des Gegners vor seiner Front den angeordneten Rückzug nicht ausgeführt, sondern den erneuten Angriff der 6. und 7.Armee befohlen. Dies in grossen Zügen das das Ergebnis des Kriegsspiels, das Euer Exzellenz vielleicht interessieren dürfte.

 

+)  Das war bereits vom Gen.v.Plettenberg und Frhr.v.Kirchbach befohlen.

++) Der bereits gefasste Entschluss [des Gen.v.Strantz] hierzu war durch die Weisung der 0.H.L. vom 9. nachm. verhindert worden.

______
1 Kriegsarchiv München, Nachlaß Krafft von Delmensingen 191. In [...] Klammer Änderungen, bzw. Ergänzungen von der Hand von Haeften.

Diesen Artikel bookmarken
Diesen Artikel bei Mister Wang bookmarkenDiesen Artikel bei Folkd bookmarkenDiesen Artikel bei Google bookmarkenDiesen Artikel bei Webnews bookmarkenDiesen Artikel bei Yigg bookmarkenDiesen Artikel bei Linkarena bookmarkenDiesen Artikel bei Reddit bookmarkenDiesen Artikel bei Delicious bookmarken