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Bernd F. Schulte

Was Deutsche wissen dürfen - und was nicht (1914-2008).

"Ein Staatsgeheimnis" oder "Die Diskussion um die Fälschung der Riezler Tagebücher".


Die Riezler Tagebücher zum Juni / Juli 1914 enthielten ein ungeschminktes Verlaufsprotokoll der Ereignisse, Überlegungen und Pläne um den Reichskanzler Bethmann Hollweg, der von dieser voyoristischen Sicht deutscher Vorkriegs- und Krisenpolitik, aus der Feder Kurt Riezlers, nichts wusste.

Dabei ist von hohem Interesse, dass bereits im Juli 1914 Riezler sich, wie Tirpitz und Bülow parallel, über das nach dem Kriegsausbruch entstehende Problem der Kriegsschuld Gedanken machte. Dies enthalten Briefe des Bundespräsidenten Theodor Heuß, von und an Toni Stolper, die vordergründig - wegen einer engen Beziehung zwischen beiden – jahrelang sekretiert wurden. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass von 30 Tagebuchheften der Vorkriegszeit lediglich Bruchstücke erhalten, oder zumindest in Umrissen überliefert sind, fehlen im Nachlass Riezlers auch die Materialien aus der Zeit nach 1918.

Weiter stellt sich die Frage, ob Riezler tatsächlich kritisch über die Vorgänge berichtet hat. Das war jedenfalls nicht seine Absicht nach 1918 und 1945. Wenn die Vorgänge an sich, und deren schriftliche Niederlegung, negativ für die deutsche Politik ausfielen, nämlich im Sinne des Kriegswunsches Bethmann Hollwegs, dann machten eine Umformulierung, im Sinne der Blockblätter, und dementsprechend der Vernichtungsappell Kurt Riezlers, Sinn.

Zu einem klareren Bild mögen auch die Äußerungen von Zeitzeugen, die teilweise an dem Plan einer Veröffentlichung der Dokumente beteiligt waren, verhelfen. Leider werden diese allgemein erst nach Jahren, und dann auch nur in glücklichen Momenten, zugänglich.

 

Hans Fenske*, Ungenügende Beweise. Eine Studie über die "Riezler-Tagebücher", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. August 1986, Nummer 190, Seite 21 (Feuilleton, Rubrik "Politische Bücher"). Zu: Bernd F. Schulte: Die Verfälschung der Riezler Tagebücher. Ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte der 50er und 60er Jahre (Europäische Hochschulschriften, Reihe III, Bd. 226), Peter Lang, Frankfurt an Main Bern 1985. 244 Seiten, 43 sFr.

 

1. "Er trug sie in der Öffentlichkeit schließlich auf ungewöhnliche Weise vor. Statt seine Meinung in einer eigenen Publikation zu vertreten, regte er Veröffentlichungen in der Zeitschrift "konkret" und bei der Nachrichtenagentur AP an, zudem informierte er die Tagesschau" (nein: Das "Freitagsmagazin" des NDR-FS).

Dass F. von der anderen Seite kommt, und im Auftrag der Erdmann, Schieder etc. spricht, zeigt dieser parteiische Auftakt seiner Rezension. Was den Ritter, Erdmann u.ä. Vertretern der deutschen Historikerzunft üblicherweise zu Gebote stand, und gegen Fischer, bis zur Indienstnahme des Auswärtigen Amtes, Tradition hatte, wird hier gegen mich zum Sakrileg umgemünzt. Zugegeben, hier wurde von mir, in dieser Situation, aus allen Rohren und auf allen Ebenen der Publizistik geschossen. Dies um so mehr, als Fischer und Sösemann sich aus der aktuellen Diskussion, aus verschiedenen Gründen, heraushielten und im Wesentlichen nicht zu den politischen Hintergründen der Riezler-Tagebuch-Aktion der deutschen Historiker Stellung bezogen. Hier zeigte sich ein wesentlicher Mangel westdeutscher Diskussionskultur. Die Historiker flüchteten in die Diskussion über das Alter von Beschreibstoffen und die Alterung von Tinten, anstatt die Fragen der Gesellschaft zu beantworten. Sie begaben sich also einer der wichtigsten Funktionen ihres Berufsstandes.

Hier, und unter diesem Bezugsrahmen, muss betont werden, dass sowohl meine Diskussion mit Fritz Fischer, um meinen Anteil an dessen rororo-Band zum Kriegsausbruch 1914, wie der 1978 von mir im Nachlass Ritter aufgefundene Schriftverkehr der Historiker-Zunft, nebst dem Artikel in den Lübecker Nachrichten aus dem Juli 1983 bereits vor der "konkret"-Veröffentlichung meine Ergebnisse zumindest anklingen ließen. Wenngleich auch oftmals nicht deutlich wurde, dass diese von mir stammten. Das wurde mit meinem Leserbrief in der ZEIT schließlich unübersehbar.

Die ZEIT druckte am 12. August 1983:

"Es ging den Deutschen Historikern nach 1945 vor allem darum, das Bild der deutschen Geschichte vor weiterer Verdunkelung zu bewahren. Brisant wurde die Lage Ende 1961, als Fritz Fischers "Griff nach der Weltmacht" die national eingestellte Historikerzunft zum Gegenschlag provozierte. Fischer schien "die annexiomstische Kriegszielpolitik Bethmann Hollwegs bis in die Juli-Krise 1914" zurückzuverlegen. Es entstand der Eindruck, "daß also der Reichskanzler bewußt auf den kriegerischen Konflikt hingesteuert habe"(Paul Sethe).

Eben dies bestätigte Hans Rothfels aus seiner Kenntnis der Tagebücher zur Julikrise in einem Brief an den Nestor der deutschen Geschichtswissenschaft, Gerhard Ritter (21.3.1962). Ritter reagierte auf den Rothfels-Brief "sehr erschreckt und bestürzt". Ihm schien Bethmann Hollweg dann "entweder mit dem Schicksal des deutschen Volkes gewissenlos gespielt oder sich in geradezu unglaublichen Illusionen" über die "militärische Leistungsfähigkeit" Deutschlands befunden zu haben. Ritter beunruhigte vor allem die Geheimhaltungsklausel, die Walter Riezler verpflichtete, die Dokumente zu vernichten. Wenn das so wäre, schrieb Ritter an Rothfels, "so haben wir es hier mit einem sehr unheimlichen Staatsgeheimnis zu tun und alle historischen Perspektiven verschieben sich". Es schien Ritter unabdingbar, "dieses dunkle Geheimnis aufzuhellen" und vor allem notwendig, "die Riezlerschen Tagebücher doch noch in die Hand zu bekommen". In Kenntnis dieser Briefe nahm der Herausgeber der Tagebücher, Karl Dietrich Erdmann, im Auftrag der Historischen Kommission zu München im Mai 1962 den Kontakt zu Walter Riezler wieder auf. Erdmann sah die einmalige Chance, "von diesem neuen und wichtigen Quellenbestand her ein(en) eigene(r)n substantielle(r)n Ansatz für die Beurteilung von Bethmann Hollweg" zu gewinnen. Das Riezler-Tagebuch wurde also zur Waffe gegen Fischer umfunktioniert!"

Fischer und andere hatten wenig Substantielles, ihre Antipathien gegen Erdmann oder alte Thesen, zu bieten. Fischer geißelte schon 1964 Zustände in der deutschen Publizistik, die sich auch 1983 nicht gewandelt haben sollten (und heute?). Janßen schrieb am 17.71964 in der ZEIT:

"Besonders erbost hat ihn ein Artikel des streitbaren Professors und FAZ-Mitarbeiters Michael Freund: ‚Wenn hier eine angesehene Zeitung, die früher eine liberale Tradition hatte (brausendes Gelächter im Saal), von mir sagt, ich hätte Bethmann Hollweg zum Hitler des Jahres 1914 gemacht, dann ist das eine grauenhafte Entstellung!'"

Nichts lag Fischer nämlich ferner, als die konservativen Grundfesten des Staates von 1964 zu erschüttern. Übergreifend wolle er, wie Janßen gleichfalls berichtete, "beileibe nicht die Generation von 1914 kritisieren, er wolle weder loben noch tadeln, er wolle keine moralischen Urteile fällen". Cum grano salis - selbstverständlich nämlich die Professoren. Darin war Fischer ganz und gar Kurt Riezler.

Das hätte von Fenske jedoch berücksichtigt werden müssen. Die Verfahrensweise der Historiker kennzeichnend, verliefen die Verhandlungen über die Publikation meiner Forschungsergebnisse mit Wehler und dessen Zeitschrift. Dieser war grundsätzlich bereit, das Riezler-Thema zu bringen, erwähnte jedoch im Verlauf der Verhandlung seinen "Freund" Wolfgang Mommsen, was mich diese Publikationsmöglichkeit nicht weiter verfolgen ließ. Auch der Spiegel schied aus, da dessen nationalliberale Position in der Äußerung Augsteins gegenüber Fischer deutlich wurde, es handele sich nur um eine "Verfälschung" der Tagebücher, und keine "Fälschung"; daher würde der Spiegel das Thema nicht berücksichtigen. So blieb ausschließlich die "konkret", deren tatsächliche Arbeitsweise, Autoren und Publikationsformen allerdings weder dem Inhalt, noch der Bedeutung des Gegenstandes, gerecht wurden. Doch das konnte ich im Vorfeld der Gespräche mit Gremliza und Bissinger nicht erwarten.

Statt dessen schrieb ich in den "Lübecker Nachrichten" am 17.7.1983:

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Aber selbst die etwas egozentrische Äußerung von Otto Köhler, "Das Staatsgeheimnis" (fußte diese doch kaum erkennbar auf meinem Konzept und Archivarbeit) in der "konkret", kommt mir heute recht interessant und belehrend vor, werden die ungebührlichen Invektiven, aus der damaligen linken Marschrichtung herrührend, abgezogen.

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Heute wieder aktuelles Titelbild Heft 2, Februar 1984

Aber es war nun eben kein anderer Platz zu bekommen...Vieles, was heute Wehler u.a. adaptiert haben, wurde dort bereits im Umriss vorgeführt. Z.B. die Verbindung zwischen 1914, 1939 und Heute. Erst recht zu Bewusstsein gekommen ist uns wohl, was es bedeutet hätte, wenn Deutschland den Ersten Weltkrieg gewonnen hätte, als 1989 die Times vor dem IV. Deutschen Reich warnte. Siegesparaden 1914, 1941 und 1990? Dass das nicht von der Hand zu weisen war, zeigte meine Beobachtung im Juli 1990 in Strausberg, als ich beim Abendessen, im dortigen Tagungszentrum (damals noch der NVA), zivile Beamte der Bundeswehr die Welt wieder bis zum Ural verteilen hörte.

Im Gunde ging es nach dem September 1914 nur noch um die Antwort auf die Frage: Wer hat diesen Schlamassel zu verantworten? Der hilflose Bethmann Hollweg und der bleiche, erschrockene Kaiser hatten darauf keine Antwort. Diese gab Fritz Fischer erst 1961 mit seinem Buch "Griff nach der Weltmacht", worauf wiederum die deutschen Historiker die Partei der Bethmann-Administration ergriffen, um ihrerseits die fehlgeschlagene deutsche Politik von 1914 zu verteidigen.

Der Kieler Politologe Michael Freund (bekämpfte 1937 "völkische Zersetzung" und "soziale Drohung") brachte es sofort auch auf den Nenner. Er verglich Bethmann Hollweg mit Hitler, wenn Fischer denn nun Recht hätte. Eine These überwinden, durch einseitige Übersteigerung, so lautete das Rezept der Gegner des Hamburger Historikers. Ganz auf meinen Auszügen aus dem Nachlaß Gerhard Ritters fußend, stellte Köhler die Generalmobilmachung der Historiker Schieder, Ritter, Herzfeld, Erdmann, Heimpel, Aubin, Schramm, Zechlin ("voraussetzungslose Wissenschaft") und Rassow gegen Fischer dar, die bis dato so noch nicht, und im Einzelnen, vorgeführt werden konnte. Fein garniert, hier und da um Pikanterien aus deren Tätigkeiten im III.Reich ergänzt.

Die hohe Bedeutung von Hans Rothfels bestätigte Köhler ebenfalls, indem er aus meinem Skript den bisher unbekannten Briefwechsel mit Gerhard Ritter zum Riezler Tagebuch zitierte. Allerdings fehlte der erste Brief von Rothfels, den Erdmann ja noch geheim hielt. Ein Verfahren, das dieser bereits in den 60iger Jahren zu hoher Blüte stilisiert hatte (Konflikt mit Fritz Stern). Diese Quellenzitate decken ganze Seiten und führen in die Gewissensqualen Ritters und seiner Mitstreiter ein ("so weiß ich nicht, wie ich überhaupt weiterarbeiten soll in so großer Ungewissheit über die letzten Zusammenhänge"). Dabei steht die abgeklärte Souveränität der Herzfeld und Rothfels der auffallend ehrlich-nervösen Aufgeregtheit Ritters gegenüber.

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Bild Riezlers aus dem Besitz des Autors

Dann betritt Heuß die Szene, der, gezeichnet ebenfalls durch das III. Reich, neben Rothfels - auch bei Köhler - zur Zentralfigur in der Riezler Affäre wird. War Bethmann Hollweg nun im Juni/Juli 1914 "kriegslustig". Das behauptete Rothfels 1962 gegenüber Ritter und Köhler folgt dem natürlich. Rothfels tat aber künftig alles, um dies nicht gedruckt bestätigt zu finden. Nicht zuletzt als Aufsichtführender im Münchener Institut für Zeitgeschichte, dessen Arbeit er, als Nachfolger Ritters, lange Jahre beeinflussen sollte (sein Nachfolger wurde übrigens Erdmann; soviel zu den "Erbpachthöfen" in der deutschen historischen Wissenschaft).

Bis in die 80iger Jahre dauerte der unüberbrückbare Gegensatz zwischen den Historikerzaren an. Die Gralshüterfunktion ihrer Wissenschaft war so unverkennbar herrschend, dass selbst Schüler in das ungemindert harsche Kampfverfahren gerieten. 1983, anlässlich einer Veranstaltung im Berliner Reichstag zur "Machtergreifung 1933", war davon zwischen Fischer, Zechlin und Hennis allerdings nichts zu bemerken. Vielleicht war ich deshalb so blauäugig-unbesorgt beim Einsatz von Tagespresse und Fernsehen in der Riezler Affäre um Erdmann.

Aufschlussreich, was Köhler, an Hand meines Exposé, für Aussagen der Historiker untereinander zum Inhalt des originalen Tagebuchs für bedeutsam hält. Darüber weit hinaus gingen Volker Ullrichs Bemühungen, die im Ergebnis über Fenskes Elaborat noch weit hinausgingen, in Verbindung mit Egmont Zechlin, bei Diehl-Thiele (Süddeutsche Zeitung), um einen Verriss meines Buches "Die Verfälschung der Riezler Tagebücher" nachzusuchen.

Der Anteil Peter Rassows, Erdmanns Lehrer in Köln, an der Tagebuchedition wurde von mir unbelasteter gesehen, als von Köhler. Dieser argumentierte 1984 bereits den Alys u.a. vergleichbar, die nach 1990 die Rolle der deutschen Historiker im III. Reich kritisch untersuchten. Als "Stahlhelmer" bezeichnet, war dieses Bild formal gestützt durch Rassows wehrgeschichtliche Interessen und strategische Argumentation, z.B. zur Rolle der BRD im Nato-Pakt. Das Attribut "zuverlässig" erhielt bei Köhler einen kritischen Touch. Was unterstellt, dass der Kölner Historiker bereits die Tagebücher vernichtet haben würde, hätte er sie denn in die Hand bekommen. Dieses Odium fiel nun auf Erdmann, der den Tagebuchbestand derart gestaltete, dass er als Waffe gegen Fischer taugte. Prompt verschwand der verräterische Rothfels Brief mit der Behauptung, Bethmann Hollweg sei 1914 "kriegslustig" gewesen. Köhler fasst die Anzeichen für die Interessen der Historikerzunft in einem Zitat des Briefes von Rothfeld an Erdmann, aus dem Juli 1983, zusammen. Der Tübinger Historiker schrieb, nachdem alles vorbei schien:

"Daß die Quelle selbst ersten Ranges ist, brauche ich nicht zu betonen, auch nicht, dass sie nicht in das Fischer-‚Netz' passt....Sie haben mit einer unwahrscheinlichen Mühewaltung die Kommentierung in einer Weise durchgeführt, die ziemlich ohne Parallele ist, soweit ich urteilen kann".

Soweit erkennbar, schreibt Rothfels weiter, das ist mir,

"gerade im Hinblick auf meine Berührungen mit Riezler und mit dem Manuskript ein Bedürfnis" (Hervorh.v.m., B.S.).

Wie die deutschen Historiker jener Jahre allgemein, so fand nach Köhler die von Erdmann herausgegebene Edition der Tagebücher, Rezensenten mit eindeutiger NS-Vergangenheit (Hölzle). Die These lautete nun, wie schon bei Erdmann in der Einleitung zu lesen, die Tagebücher seien:

"die schlüssigste, weil dokumentarische Widerlegung der Kriegsschuldthese Fritz Fischers. Diese historische Erkenntnis stützt auch auf nur 15 Seiten des Riezlerschen Tagebuches und einige spätere Rückblicke".

Und Köhler hat wiederum Recht, wenn er betont, dass es Erdmann tatsächlich - o welch' Wunder - nicht typisch deutsch um die Form, sondern "um die Sache, die deutsche Sache" ging. Und das war wahrscheinlich sein Fehler. Wenig beachtet, aber wesentlich, die Bemerkung des österreichischen Historikers Fritz Fellner, die offenlegte, dass die Interpolation der entscheidenden Entragungen in die Edition nicht gelungen war. Mit welchem Ziel sollte ein ausgebildeter, erfahrener Historiker von Rang, ansonsten das Risiko in Kauf genommen haben aufzufliegen, wenn es ihm damit nicht zu gelingen schien, die seiner Meinung desaströse These Fischers vom wissenschaftlichen Tisch zu wischen? Aber stil-, text- und beschreibstofftechnische Untersuchungen bekümmern uns hier nicht weiter, denn es geht nicht um die Flucht in technisch-harmloses PipaPo, sondern einzig und allein um die Antwort auf die Frage: War Bethmann Hollweg kriegswillig - Wollte Deutschland 1914 den Krieg?

Die Seilschaft Erdmann, Schieder, Booms etc. bewährte sich, wie zu Anfang der 60iger, auch zu Beginn der 80iger Jahre. Damals junge Historiker können davon ein Lied singen. Köhler spricht mit Recht von "Unterschlagung" der historischen Wahrheit und zeichnet Erdmanns Beschwichtigungsversuche als das was sie waren: als eine unhaltbare These. Erst spät, aber dennoch, bezieht sich Köhler auf meine Urheberschaft am materiellen Rahmen dieses Aufsatzes und erwähnt als Link, aus der Fülle der Details, Tendenzen und Teilhaberschaften heraus, das von mir entdeckte Gespräch Kurt Rheindorfs mit Riezler 1955 in Rom. Bei dieser Gelegenheit finden wir "beschriebene Blätter" in der Hand Riezlers erwähnt, die nahelegen, dass es sich um die berühmten Blockblätter gehandelt haben könnte. Erdmann wusste davon und handelte dennoch so wie bekannt. Darin von militärisch anmutender Entschlussfassung nicht weit entfernt. Gewiss existierten zu diesem Zeitpunkt die Originaltagebücher noch. So mein Statement 1984. Doch kurz darauf fuhr Kurt Riezler nach Griechenland, kam todkrank zurück und wurde umgehend nach München geholt. Für eine großangelegte Vernichtungsaktion der Julikrisentagebücher XXX "a" und "b" blieb demnach keine Zeit.

 

2. "Wie Sösemann meint auch Schulte, dass Riezler seine Original Eintragungen vom Juli 1914 später gekürzt und geschönt habe. Als Zeitpunkt der Bearbeitung scheinen ihm die frühen dreißiger Jahre am wahrscheinlichsten."

So einfach, wie sich F. das macht, liegen die Dinge nun einmal nicht. Die Tagebücher zwischen 1907 und 1914 wurden größtenteils vernichtet. Genauso die Aufzeichnungen zwischen 1918 und 1920 (Büro Ebert). Die von Erdmann abgedruckten losen Blätter enthalten Splitter der Inhalte von zwei Tagebüchern aus dem Juni /Juli 1914. Den Tagebüchern XXX "a" und "b". Der Kernvorwurf gegen Erdmann bestand in der Tatsache, dass er den qualitativen Unterschied zwischen Tagebüchern und losen Blättern nicht erkannt haben wollte. Mein Diskussionsbeitrag war, die "politischen" Motive heraus zu arbeiten, und zu zeigen, dass Erdmann nicht fahrlässig, sondern bewusst so vorgegangen war, sowie, dass dies im Auftrag der deutschen Historikerzunft geschah, der sich der junge Kieler Historiker in einem ausgedehnten Briefwechsel mit Gerhard Ritter und Theodor Schieder geradezu andiente. Seine Idee war, mit Hilfe des so behandelten Tagebuchbestandes, könne Fischers so genannte Kriegschuldthese von 1961 ausradiert werden. Ein Gutachten von Hans Gebhardt, dem Leiter der Forschungs- und Ausbildungsstätte für Kurzschrift und Maschinenschreiben in Bayreuth, vom 25.1.1984, bestätigte meine These vom nachträglichen Entstehen der sogenannten "Blockblätter" aus der Julikrise 1914. Dem entsprach die Äußerung Theodor Heuss', der "von Teilen des Tagebuchs vom ‚Juni/Juli 1914' spricht. Heuss schrieb an Felix von Bethmann Hollweg am 30.9.1957: "Es finden sich dabei Tagebuchnotizen, freilich unsystematische vom Juni 1914 bis etwa Mai 1917".

 

3. "Als wichtige Stützen für diese Meinung führt Schulte einige Bemerkungen von Theodor Heuss und Hans Rothfels an."

Völlig übergeht F. meinen Hinweis auf den Besuch Rheindorfs in Rom 1955, während welchem Riezler mit Blättern in der Hand gesagt habe, er wolle zu der Riezler-Frage noch etwas schreiben. Frau Rheindorf, die damals anwesend war, habe ich noch 1983 zu diesen Vorgängen befragen können.

Dass Riezler die Blockblätter aus anderen Tagebüchern zusammengestellt haben könne, bestätigt die Tatsache, dass er zu den Vorgängen im Frühjahr 1912, um die Haldane Mission, und im November desselben Jahres, zur Balkankrise, auf zentrale Weichenstellungen in der Vorkriegszeit Bezug nimmt. Nachgerade schriftstellerische Qualität erhält die Bearbeitung, wenn Riezler auf das Gespräch mit dem Reichskanzler, am 6. Juli 1914, abends auf der Terrasse von Schloss Hohenfinow eingeht. Dieses Gespräch, das sich zentral um die Rolle Russlands vor der Krise, und im Juni/Juli 1914 bewegt, erhält geradezu eine rasterbildende Funktion.

Für mich war es 1985 entscheidend, dieser späteren Überarbeitung der Tagebücher XXX "a" und "b", mit der sich Riezler doch noch einmal der Mühe und Belastung des Nacherlebens der tiefen Krise des Jahres 1914 unterzog, auf die Spur zu kommen, um hier "die momentgebundene Motivation der Reichsleitung in einer fatalen, ausweglos scheinenden Lage zu" klären". Ich ging 1985, in dem Buch "Die Verfälschung der Riezler Tagebücher" selbst so weit, das Gespräch vom 6. Juli abends aus den Bockblättern heraus zu rekonstruieren und damit nachzuweisen, dass diese letztendlich aus dem Referat dieses Gespräches bestehen.

Dass Riezler keineswegs an einer Belastung der deutschen politischen Führung in der Julikrise und davor gelegen war, ergibt sich aus Gesprächen, die er, Anfang der dreißiger Jahre, mit Rheindorf geführt hat, in denen er einmal sagte,

"er wolle demnächst einmal mit einem Historiker über den Wahrheitsgehalt der Weltkriegsmemoiren schreiben, denn das sei für die Zukunft wichtig. Sonst entstände ein noch verzerrteres und unwahreres Bild der deutschen Politik als es jetzt schon der Fall sei."

Einmal ist damit erwiesen, dass Riezler mit hoher Wahrscheinlichkeit, zu dieser Zeit, an seinen Tagebuchaufzeichnungen gearbeitet hat, und auch, dass, in Konkordanz mit dem Ergebnis der graphologischen Gutachten, die Blockblätter in diese Zug entstanden sein können. Darüber hinaus ist bedeutsam, dass Riezler das Geschichtsbild, das mit dem Frieden von Versailles, und dessen Kriegsschuldparagraph 231, in die Welt gesetzt war, konterkarieren wollte. Also er keinesfalls die deutschen verantwortlichen Akteure von 1914 (zu denen er selbst gehörte) belasten wollte. Kurz gesagt, diese Blockblätter, nach Aussage und Gehalt, nichts mit den Konsequenzen, die in den Originaltexten der Tagebücher XXX "a" und "b" zum Tenor der deutschen Politik enthalten gewesen waren, gemein hatten. Deshalb taugten diese eher als Beweisstück in dem Plan der deutschen Historikerzunft gegen Fischer.

Warum, um des Himmels Willen, sollte der alte Riezler 1955 im Münchener Krankenhaus die Blockblätter vernichten wollen? Denn diese geben im Grunde nichts für die Fischer-These her, was ja auch Erdmann, "swift" wie er war, begriff und sofort in einen Deal mit der "upper class" der Zunft umzumünzen suchte. Aber Kurt Riezler sprach, gegenüber seinem Bruder Walter, nicht von den Bockblättern, die ja auch unter "Philosophika" abgelegt, gefunden wurden, sondern von den Original Tagebüchern, die eben durchaus seinen (et altera) Intentionen in den beiden Nachkriegszeiten grundsätzlich zuwiderliefen.

Was also die verschiedenen Zeugen nach 1930 gesehen, gehört oder erfahren haben mögen, dies hat höchstwahrscheinlich nichts mit dem Original Tagebuch zu tun, sondern eben den Teilen der Tagebücher (u.U. Blockblätter für diese Zwecke), die er glaubte offenbaren zu sollen. Letztlich spiegeln diese Gespräche die Haltungen Riezlers in den verschiedenen zeitgeschichtlichen Phasen nach 1918 und 1939/45. Der damalige Philosoph ließ, am 5./6. August 1930, im vertraulichen Gespräch mit Rheindorf, dennoch die Vorstellungen durchblicken, die der Reichskanzler bei Kriegsbeginn verfolgte. Riezler führte damals aus:

"Das sei nicht so genau zu sagen: die Idee habe ‚in der Luft gelegen' und dann - mit offensichtlicher Spitze gegen die Wirtschaft -: die Wirtschaftsführer hätten nur imperialistische Ziele verfolgt und hätten sich deshalb hinter die Militärs gesteckt.[. ..] Bethmann habe genau gewusst, was er wollte. Aber seine Auffassung, dass der Krieg mit einem Verständigungsfrieden enden werde und dass der Sieg Deutschlands darin bestehe, seine Position gegen die Entente behauptet zu haben, sei den Militärs und der Wirtschaft ‚als eine Sünde' erschienen. Der Reichskanzler habe daher mit der O.H.L. über politische Dinge nur konferiert, wenn er nicht zu machen war. Die politischen Korrespondenzen in den Akten des auswärtigen Amtes seien oft nur als 'Verschleierung' der wirklichen Bethmannschen Ansichten zu bewerten. Oft seien sie auch ‚in usum Caesaris' geschrieben, um einer von Bethmann beabsichtigten Politik die beim Kaiser bestehenden Hindernisse aus dem Wege zu räumen. Auf jeden Fall aber seien die Akten mit Vorsicht auszuwerten. (Riezler betonte das mehrfach sehr energisch.) Bethmanns Ansicht, der Krieg werde mit einem Verständigungsfrieden enden, habe sich ‚natürlich' auch in den Friedensbedingungen geäußert. Darüber aber dürfte wohl wenig Authentisches fixiert sein. Wenn Bethmann in einem offiziellen Schriftwechsel hier und da für Annexionen gewesen sei, so nur, um bei der radikalen Politik der Militärs nicht von vornherein eine aussichtslose Sache zu vertreten; es wäre sonst überhaupt nicht zu Verhandlungen gekommen. Auch die Rücksicht auf Österreich spiele dabei mit. Er - Riezler - habe 1916 oder Anfang 1917 einen Entwurf für den künftigen europäischen Frieden gemacht.
Die Grundidee sei die Schaffung eines mitteleuropäischen Staatenbundes unter Führung Deutschlands gewesen. In diesen Bund sollten Frankreich und Belgien durch den Frieden eingegliedert werden. Unter Schonung der Souveränität und unter Wahrung der territorialen Integrität dieser Staaten, sollten alle Staaten durch Zollunion, Zollkonventionen u[nd]. a[nderes]. untereinander einen Block bilden gegen den "angelsächsischen Wirtschaftsimperialismus". Die Neutralen hätten in diesem Bunde beitreten müssen; es sei ihnen nichts anderes übrig geblieben, da sie ja sofort in die Abhängigkeit dieses unter deutscher Führung stehenden europäischen Wirtschaftsbundes geraten wären. Das Ganze sei jedoch ein Maximalprogramm bei einem deutschen Sieg gewesen. Nur dann wäre es zur Debatte gestellt worden. Heikel sei das polnische Problem gewesen. Die Reichsregierung habe schon früh mit einem Umsturz in Russland gerechnet und hätte deshalb am liebsten diese Frage vertagt. Aber die Militärs und vor allem die Österreicher wollten von Anfang an eine staatsrechtliche Loslösung Polens von Russland. Ein Separatfrieden mit Russland sei nie möglich gewesen, obwohl die Reichsregierung jeden Fühler gewissenhaft prüfte und auch ihrerseits alle Mittel anwandte, um dahin kommen. Unter den russischen Aristokraten hätten manche für einen Frieden mit Deutschland gestimmt, aber diesen Männern fehlte der Einfluss" (Hervorh.v.m., B.S.)

Und, über Heuß und Rothfels hinaus, haben sich mehr oder weniger, offen oder verdeckt, alle deutschen Historiker über Riezler und seine Tagebücher verbreitet.

 

4. "Daraus folgert Schulte. daß Heuss zunächst das Original vorliegen hatte, denn die sogenannten Blockblätter (wie die Eintragungen vom Juli 1914 auch genannt werden) lassen sich nach Schulte "problemlos entziffern". Zudem spreche Heuss von Tagebüchern, während der strittige Text doch auf 19 einzelnen Blättern zu finden sei. Auch das wertet Schulte als Beleg dafür, daß Heuss zunächst "das Original" in der Hand gehabt habe".

Die Hinweise F.'s darauf, dass die Tagebücher Riezlers sich in den Händen von Theodor Heuss befanden, sollen hier nicht wiederholt werden. Diese waren an sich schon 1985 schlagend genug. Näheren Aufschluss sollten Briefe bringen, die im Bundesarchiv seit 20 Jahren sekretiert lagen, und aufgrund politischer Gründe nicht eröffnet wurden. Erst der Sohn von Toni Stolper erwirkte, dass das Bundesarchiv Koblenz mir den Briefwechsel seiner Mutter mit Theodor Heuss öffnete.

Irgendwann im Sommer 1955 sprach diese von "einer oberflächlichen und schiefen Formel", mit der sich "die Geschichtsschreibung" zum Ersten Weltkrieg "begnügt" habe. Offenbar scheute sich Heuss, schriftlich klare Aussagen zu treffen. Er sagte vielmehr, "darüber ist es besser, man spricht als man schreibt". Das schrieb er, als er den "2tem[n] Brief" Walter Riezlers erhielt über die

"partiellen politischen Tagebuchaufzeichnungen, die Kurt vernichtet wissen wollte".

Auch das entscheidende Gespräch mit Walter Riezler fand in seiner Antwort Niederschlag. Es ging offenbar um eine mögliche Belastung Deutschlands - zu unpassender Zeit - und dies durch den erneuerten Kriegschuldvorwurf. Auch wiederholte der Bundespräsident seine Bemerkung "über Tagebuchhefte" und "schwer lesbare Bleistift-Notizen zu dem Zeitraum Juli 1914 (bis zum 27.)". Es handelte sich demnach offenbar bei diesen Bestand (keine maschinenschriftliche Abschrift) um "Tagebuchhefte" und nicht lose Blätter. Das heißt: Heuss hatte die Tagebücher XXX "a" und (oder) "b" im Oktober 1956 in Händen (Hervorh.v.m., B.S.). Die Teilung des Tagebuchs, und möglicherweise damit auch der in die Blockblätter durchgefärbte "springende" inhaltliche Duktus, erklären sich möglicherweise aus den Reisen des Bethmann-Assistenten zwischen Hohenfinow und Berlin während der Juni/Julikrise 1914.

Toni Stolper jedenfalls reagierte auf den Brief des Bundespräsidenten wie elektrisiert, wollte sie doch in ihrer Darstellung des Kriegsausbruchs 1914 "den Finger darauf legen, wie grundverschieden der Ö[sterreich].-U[ngarische]. von dem deutschen Krieg 14-18 von Anfang an war." Die Publizistin ergänzte weiter, es werde bestätigt, in Berlin sei sich die Führungselite

"der exponierten Lage Deutschlands bewusst" gewesen. Auch, "dass es sich im schlimmsten Fall um einen Zweifrontenkrieg handeln könne. Gewiss müsste ein solcher Entschluss, der Millionen von Streitern verwickeln würde, gefasst werden, um Österreich-Ungarn in Lebensfragen zu verteidigen" (Hervorh.v.m, B.S.).

Fischer fasste schon 1964, auf dem Berliner Historikertag, diese Sicht der Dinge prägnant und gültig zusammen. Janßen (DIE ZEIT) kolportierte:

"Der Mord von Sarajewo mußte nicht zum Krieg führen. Der deutsch-österreichische Entschluß zur Strafexpedition gegen Serbien war mindestens der erste Schritt zum Krieg, denn er veränderte auf dem Balkan, damals das Pulverfaß Europas, das Gleichgewicht der Mächte. Deutschland hat von Anfang an das Risiko eines großen kontinentalen Krieges gesehen und bejaht. Im Gegensatz zu früheren Krisen hielt es diesmal seinen Verbündeten nicht im Zaum und bediente sich auch nicht der englischen Vermittlung. Und warum? Weil unsere Wirtschaftspolitik in der Türkei vor dem Bankrott stand, weil Türken und Balkanstaaten, ja, sogar Österreich-Ungarn zu den Westmächten überzulaufen drohten. Darum nutzte Deutschland die Gelegenheit zum Präventivkrieg, solange der einzige Verbündete, Österreich-Ungarn, noch auf seiner Seite stand."

Toni Stolper dachte ähnlich, wusste doch ihr Mann am 18. Juli 1914, "dass ein Krieg mit Serbien, welche diplomatischen Sicherungen immer vorhanden sein" mochten, "zu einem Weltkrieg auszuarten" drohe. War das Interesse Toni Stolpers auch zunächst auf Österreich konzentriert, so scheint doch die Richtung ihrer Untersuchungen für Heuss außerordentlich delikat gewesen zu sein. Der Bundespräsident antwortete am 6. November 1956 ausweichend, aber, hinsichtlich seiner Quelle, deutlich:

"Die Riezler Notizen vom Juli 1914 habe ich an Walter R. bereits zurückgesandt, ihn aber gebeten sie auch abschreiben zu lassen. Interessant, was K.R. über Bethmann sagt, den er zu erfassen beginnt. Nicht wesentlich für ‚Daten'. Aber du brauchst dazu ihn ja nicht. Ich schlug W.R. vor an Publikation zu denken, wenn das andere ihn K. schon deutlicher gemacht" (Hervorh.v.m., B.S.).

Es wird hiermit erneut bestätigt, dass Original Tagebücher Riezlers, aus dem Juli 1914, in den Händen von Theodor Heuss waren, die dann zu weiterer Abschrift (und Säuberung?) an den Bruder zurückgingen. Das ist dadurch belegt, dass deren Abschrift von Walter Riezler erst noch zu veranlassen war. Und was heißt: Riezler habe in diesen Notizen erst begonnen Bethmann zu verstehen? Ist das in den Blockblättern erkennbar? Die dann gefertigte Abschrift (Pikart spricht von "schwer lesbaren Fotokopien", die er im Heuß Nachlaß gesehen hat) reichte Heuss an Toni Stolper weiter. Die Journalistin reagierte daraufhin am 14. Dezember:

"Aufgeregt hatte mich vor allem Riezlers 1914er Tagebuch, gerade weil ich ja just in dieser Zeit lebte. Mir selbst ‚streng vertraulich' darüber schreibend, habe ich mir ein paar Zeilen notiert, über die ‚Kriegsschuld' - das ist doch zulässig? "Verwenden' tue ich es ja natürlich in keiner Weise, ausser fuer meine Erkenntnis, Bestaetigung. Stil und Bethmann-Hollweg-Charakterisierung in all dieser Hast und Pein, meisterlich. Fuer mich ein Spezialproblem, das ich mir noch durch Geschichtskenntnis einmal zu klaeren versuchen musste, der Hinweis auf Russlands Groesse, wachsende Uebermacht. Da war es vor wenigen Jahren von Japan schmählich geschlagen, von Revolution mehr als nur bedroht und dennoch. Gustel hat mir immer erzählt, wie gross der Aufschwung in den letzten Jahren vor dem Krieg durch das leicht reformerisch aufbauende Regime Stolypin schon geworden [Bethmanns Erkenntnis in Baltischport, 1912]; dennoch war mir [das] in der weltpolitischen Sicht noch nicht klar gewesen" (Hervorh.v.m., B.S.).

Offensichtlich hatte Toni Stolper Zugang zum originalen Tagebuch XXX "b" (mit einer umfassenderen Charakteristik Bethmann Hollwegs als in den Blockblättern) denn darin waren Passagen enthalten, welche die Kriegsschuld des Deutschen Reiches von 1914 erwähnten, und die (natürlich) in der gereinigten Fassung, die Erdmann auf uns gebracht hat, nicht mehr enthalten sind. Aber offenbar hatte sich Kurt Riezler (resp. Bethmann Hollweg), während der entscheidenden Wochen die Erkenntnis aufgedrängt, dass sich das Problem der "Kriegsschuld des Kaiserreiches", mit dessen Politik Juni-Juli-August stelle. Also das Gewissen der Handelnden nicht sauber war. Diese Mitteilung bildet ein neues Element, das die Blockblätter Erdmanns von 1972 nicht enthalten. Und dass dem so war, wird zusätzlich durch die Tatsache unterstrichen, dass zwischen Stolper und Heuss über den Gedanken diskutiert wurde, ob die Tagebücher zu vernichten seien, denn die New Yorkerin schrieb pointiert nach Bonn:

"Aus Walter Riezler's Brief erschreckt mich eines: um nichts in der Welt Kurts Weisung erfüllen und irgendwelche Papiere vernichten! Auch 30 Jahre wegsperren, aber auch darin baeumt sich mein Instinkt gegen die Todesstrafe auf".

Aber eben um diese Einengung auf die Julikrise ging es1964 nicht mehr. Fischer tat den entscheidende Schritt vorwärts. Er führte - wie Janssen in der ZEIT berichtete - unter dem Jubel der Berliner Studenten aus:

"Ich wende mich gegen die Philologie der Julikrise. Man muß sie sehen im Zuge der deutschen Politik. Von Mitteleuropa wird immerhin schon gesprochen 1911 und 1912. Was ist Mitteleuropa? Das ist Frankreich, angeschlossen an Deutschland, und zwar ein besiegtes Frankreich, so wie 1866 zwischen Wien und Berlin. Ein Kollege von mir meint, es wäre eine Vorausnahme vom Schuman-Adenauer-Plan - eine EWG, aber von Deutschland bestimmt. Die Herren (er meint die deutschen Staatsmänner im Kaiserreich) sprachen davon. Das sollen sie vergessen haben 1914? Ist doch ausgeschlossen! Wenn sie erwarteten, daß Frankreich nach drei Monaten besiegt ist, dann sollten sie diesen Plan vergessen haben? Ausgeschlossen. Genauso sprachen sie von Kleinasien, was sie auch nicht vergessen hatten 1914. Und sie sprachen von Mittelafrika. Das hatten sie auch nicht vergessen 1914....
Wenn etwa mein Kollege Egmont Zechlin sagt, in einer, meiner Meinung nach, unwissenschaftlichen Sprache: Es ist unhaltbar, Kriegsziele und Kriegsausbruch in Verbindung zu setzen, dann würde ich darauf antworten: Es ist unhaltbar, den Zusammenhang dieser Probleme zu leugnen. Oder, ich würde in einer höflicheren Form und wissenschaftlich angemessener sagen: Ich gäbe zu erwägen, ob nicht doch ein gewisser Zusammenhang ...".

Und Fischer setzte - auf einen Einwurf hin - fort:

"Ja, dann nennen Sie's Friedensziele, aber daß Deutschland wegen solcher Kriegsziele - Mitteleuropa und Kleinasien - den Krieg wollte, das steht nirgendwo" (Hervorh.v.m., B.S.).

Das sollte 1969 bei ihm dann heißen: Krieg auf Grund des Auflaufens der deutschen (wirtschaftlichen) Expansion nach Südosten auf dem Balkan(Krieg der Illusionen). Ich würde ergänzen: zusätzlich infolge der Niederlage der deutsch ausgerüsteten und ausgebildeten türkischen Armee in den Balkankriegen 1912/13 (Colmar v.d.Goltz-Pascha als Ausbilder der türkischen Armee und Kritiker des englischen Weltreiches/Briefe an dessen Tochter in Südafrika).

 

5. Der Briefwechsel zwischen Heuss und Walter Riezler bestätigt nun keineswegs die Ansicht Schultes, Heuss habe zunächst "das Original" gesehen (und, wie man folgern muß, dann nicht gemerkt, daß die Abschrift einen anderen Text bot). Was die Lesefähigkeit einer Schrift angeht, so handelt es sich um eine subjektive Begabung. Da ist zu zweifeln, ob Schulte für Heuss urteilen kann. Und dass Heuss von Tagebüchern sprach, hat nichts zu sagen. Natürlich meinte er die Gattung, nicht ein bestimmtes Exemplar. Kurzum, Schultes Argumente stehen auf schwachen Füßen, und das wenige vorhandene Material wird arg überinterpretiert.

Merkwürdig "wissenschaftlich" diese Argumentationsweise F.'s. Zu diesen "Argumenten" F.'s ist wohl inzwischen Genügendes gesagt. Dennoch, unterstrichen ist, wie oben von Fischer 1964 demonstriert, dass es sich hier um die entscheidende politische Frage handelt. Die Frage ist: was stand tatsächlich, über all' diese Momente, in den originalen Tagebüchern? Und wenn ja, dann bildeten diese tatsächlich, wie Gerhard Ritter an Rothfels schrieb, ein Staatsgeheimnis ersten Ranges. Dementsprechend zeigt der Umstand, dass ein Bundespräsident, in der Frage der Kriegsauslösung 1914, derart aktiv tätig ist, für wie hoch entscheidend, und gefährlich, die Antwort auf diese Frage eingeschätzt wurde (und wird). Das bestätigt selbst Kurt Riezler, dessen wiederholtes Interesse, 1914/17, 1929/30/33, 1939, 1946/47, 1952, 1955, etwas an Hand seiner Notizen schreiben zu wollen, immer wieder - und aus den verschiedensten Richtungen, bestätigt ist (vgl. Schulte, Weltmacht durch die Hintertür). Dass dabei ein "seltsam gespaltenes Gefühl" bei den meisten Beteiligten zurückblieb und einhelliger Rat, dies zu tun, nicht erfolgte, lag auf der Hand, weil Kurt Riezler, in den konkreten Tagen, deutlicher gesprochen hatte, als wir das bis heute wissen. Und je länger, je mehr, verstärkte sich die Haltung Riezlers, sich mit dieser Zeit nicht mehr beschäftigen zu wollen, letztlich weil diese eine erfolglose war. Darin war er sich mit Heuss, Heimpel, und wohl letztlich auch Toni Stolper einig, denn eine Belastung der deutschen Position vor der Welt erschien zu dem Zeitpunkt, Ende der fünfziger Jahre, nicht opportun. Es handelte sich also um eine richtige Idee zum unpassenden Zeitpunkt.

Und, um es zu festzuhalten, ausgesprochen ist ausgesprochen. Wenn Heuss von "Charakterisierungen von Persönlichkeiten" im Plural spricht, dann heißt das, dass es nicht ausschließlich um Bethmann Hollweg ging. Auch das geben die Blockblätter nicht her. Andersherum: die Tatsache, dass die Rehabilitierung des früheren Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg erklärtes Ziel der Bemühungen um die Riezler Tagebücher sein müsse, hieß gleichzeitig, dass es um dessen Rolle und Planungen bei Kriegsbeginn ging. Die Tagebuchhefte Kurt Riezlers zwischen 1910 und 1918 lagen in Form einer Abschrift im Nachlass des Kölner Historikers Peter Rassow. Diese Abschrift, die im Bundesarchiv Koblenz aufbewahrt wurde, ist durch die Archivare kassiert worden. Damit entfällt ein weiteres wesentliches Vergleichsobjekt für die Editionsgeschichte des Bandes, den Erdmann, im Auftrag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1972 vorlegte. Und warum hat schließlich Erdmann doch die Publikation gewagt? War die Zeit etwa inzwischen über dieses Problem hinweggegangen? Die Aufmerksamkeit, die eine mögliche Verfälschung der Riezler Tagebücher 1983 aufwarf (wenn auch kräftig in den Medien von mir gegen Erdmann etc. gefördert) widerlegt eine solche Vermutung. Aber Erdmann will durch einen Sprung über den, heute nicht mehr vorhandenen, Gartenzaun Walter Riezlers in der Einöde südlich Ebenhausen, das Tagebuch vor der Vernichtung gerettet haben. Was aber enthielt dieses, dann in den Händen Erdmanns befindliche, Dokument tatsächlich? Denn wenn Toni Stolper aus dem Exemplar des Bundespräsidenten all' das herausgelesen hat, was sich uns heute darstellt, dann wird das auch in dem Ursprungsexemplar Walter Riezlers enthalten gewesen sein. Fischer hielt - aus seiner Erfahrung - es jedenfalls für durchaus möglich, dass der "villain" in dem Spiel nicht Walter Riezler war, wie Erdmann behauptet hat, sondern dieser selbst.

 

6. Dieser [Rothfels] erinnerte sich, "1941 oder 1942", als er gemeinsam mit Riezler an der Universität Chicago lehrte, "die Niederschrift, zumindest die über den Sommer 1917" zum Lesen bekommen, einer Veröffentlichung aber wegen der pessimistischen Zukunftsschau Bethmann Hollwegs widersprochen zu haben, so eine Aufzeichnung Heuss' vom 29. Oktober 1957 über ein zwei Tage zuvor mit Rothfels geführtes Gespräch.

Der in die USA emigrierte Rothfels trifft dort auf Kurt Riezler, den Schwiegersohn des jüdischen Malers Max Liebermann. Dieser "Journalist", der als der Mitarbeiter Bethmann Hollwegs, auf dem Felde der politischen Kriegführung (Wayne C. Thompsen) angesehen wird, hatte, während Rotfels an der Marne kämpfte, für die kaiserliche Führungselite das sogenannte "September Programm", im besonderen den Annexionsplan zu Kriegsbeginn, entwickelt. Als Riezler im Jahre 1916 die Tochter des jüdischen Malers Max Liebermanns heiratete, büßte er jegliche Aufstiegchance im Auswärtigen Amt ein. Zu Kriegsbeginn 1939 war sein Tagebuch aus dem Jahr 1914 Kern von Diskussionen im engeren Kreise der Emigranten. In Chicago las er aus den heute verlorenen Tagebüchern XXX "a" und "b", zum Kriegsausbruch 1914, vor.

Eckart Kehr, der liberale Neffe des damaligen Präsidenten der Preußischen Staatsarchive [Geheimrat Kehr], kommentierte 1933 Rothfels' problematische Vermittlerrolle zwischen etablierter Historikerzunft und dem rechten Flügel der Studentenschaft. Ganz stellte sich dieser mit seiner militanten Haltung gegen die Nationalismen der Esten, Letten und Litauer, indem er als Exponent der deutsch-nationalen "kämpfenden Wissenschaft" auftrat. So führte Rothfels Weg direkt ins Dritte Reich. 1934, von seiner Stelle in Königsberg durch die neue Regierung vertrieben, verfolgte er diesen Weg nicht weiter. Das übernahmen seine Schüler Theodor Schieder und Werner Conze mit den inzwischen bekannten Folgen. Doch Ostraumideen äußerte Rothfels weiter (der Bogen von Bukarest bis Reval). Bis 1938 wurde der frühere Königsberger Historiker von Albert Brackmann, zuvor Direktor der Preußischen Staatsarchive, geschützt. Bis 1938 konnte er im Preußischen Geheimen Staatsarchiv zu Berlin forschen. Nach der "Reichskristallnacht" emigrierten Rothfels wie Riezler in die USA.

Dieser Rothfels hörte Dasselbe, was der Journalist Paul Scheffer ("Berliner Tageblatt") mit Riezler 1953 besprach. Es ging beide Male im Kern um die Publikation der Riezler Memoiren. Scheffer wollte ihn dazu bestimmen, in einer "abwechselnde[n] Dosierung von Erzählung und Schilderung und Reflexion" die "Erfahrungen", die Riezler mitteilen wolle, zu vermitteln. Die "Auswahl der Rückblicke", wobei Scheffer den Akzent auf das Wort "Auswahl" setzte, läge ganz bei Riezler. Es solle sich um

"eine diskursive, nicht chronologische oder nur locker in der Zeit aneinander gereihte Kondensation von Erinnerungen"

handeln. Die Intensität dieser Gespräche, in diesen Jahren, legt durchaus nicht nahe, dass es sich um lediglich zufällige, beiläufige und letztlich flüchtige Überlegungen Riezlers gehandelt habe. Dieser bot 1954 sogar "stundenlange Erzählungen" an. Und was hat nun schließlich Rothfels, der als eindeutig nationalistisch bekannt war (Doktorvater von Marion Gräfin Döhnhoff/Hans W. Gatzke: "...Schwarz-Weiß-Rothfels..."), in der Frage: Veröffentlichung oder Nichtveröffentlichung der Riezler Tagebücher tatsächlich gesagt? F.s unsachliche Einwürfe können als lediglich störend, beiseite gelassen werden.

 

7. 1962 schrieb er [Rothfels] seinem Freiburger Kollegen Gerhard Ritter, wie man aus dessen Antwort folgern muß, Bethmann Hollweg habe im Juli 1914 den Wunsch gehabt, den Krieg mit Rußland herbeizuführen. Auf Ritters entgeisterte Reaktion hin korrigierte er sich dahin, statt "wünschte" könne man wohl auch "für unvermeidlich hielt" sagen.

Hier kann nun - mit 20-jähriger Verzögerung - offengelegt werden: Rothfels schreckte im März 1962 Gerhard Ritter mit der Information auf, im Riezler Tagebuch stehe nach seiner Erinnerung, Bethmann Hollweg sei 1914 "kriegslustig" gewesen. Dieser Brief ist bis 2003 unbekannt geblieben, denn dieser lag bei Erdmann, der dieses Dokument auch nach 1983 geheim hielt. Rothfels hatte am 21. März 1962 gegenüber Ritter die Kriegsbereitschaft des Kanzlers im Juli1914 enthüllt:

"17 years ago, Riezler gave me to read that part of his diaries which contained Hohenfinow in July 14 and asked for my advice. It is the only part which I am familiar. It contains rather strong arguments for Bethmann's wish for the outbreak of war with Russia, which he considers to be unavoidable and which he welcomed both on an interior- as well as a cultural-political level. This is my approximate picture in memory. I did advise - in the situation of May 45 - R. not to proceed with the publication, as the mood in the USA could lead to a very false interpretation".

Wo aber findet sich Derartiges in den Blockblättern Erdmanns? Sowohl die Tatsache, dass es sich um "Hohenfinow im Juli14" und um einen "Teil" der Tagebücher Riezler's handelte, aufgrund deren Rothfels seinen Rat erteilte, zeigt die Bedeutung dieser Aussage im Licht des Ergebnisses unserer Nachforschungen, trotz entgegengesetzter Meinungen, es habe ein solches Tagebuch gegeben. Dass überdies dieses Gespräch entscheidenden Einfluss auf die Entscheidungen Kurt Riezlers ausübte, zeigt die Aussage des Diplomaten Moritz Schlesinger, der durch das Auswärtige Amt 1966 bestimmt wurde, seine Kontakt mit Fischer einzustellen. Fischer lag die anliegende Äußerung Schlesingers vor, die ihn und mich veranlaßte, vor dem Hintergrund meiner Funde im Ritter-Nachlaß 1978, den rororo-Band zum Kriegsausbruch 1914 zu schreiben:

"Kurt hat 1945 seine Erinnerungen dem Professor Rothfels vorgelegt. Dies erfuhr ich durch einen ahnungslosen Freund, der mir von einer Unterhaltung mit Herrn Rothfels schrieb ... Mein Eindruck ist, dass Kurt in der Folge dieser Beratung sich entschloß, seine Erinnerungen für immer zu sekretieren. Eine in sich unklare Entscheidung, denn es bleibt bestehen, dass er das Ms nicht vernichtet hat. Er hat auch Walter in den letzten Tagen beschworen und ihn darauf festgelegt, dass eine Veröffentlichung unterbleibt, aber nicht die Vernichtung des Ms verlangt. Ich bin auch überzeugt, dass das Testament die Memoiren nicht erwähnt. Aus all dem geht hervor, dass der Zwist zwischen Gründen und Gegengründen bis zum äussersten angehalten hat, mit anderen Worten, sich die Hoffnung immer erhielt, die Erinnerungen würden einmal zur Wirkung kommen. Meinem Gewährsmann [Paul Scheffer] zufolge, ist für Kurt und Herrn Rothfels die Tatsache ausschlaggebend gewesen, dass Bethmann Hollweg zu ihm 1914 kriegslustige Äusserungen gemacht hat. Dies wiegt freilich schwer gegen eine Veröffentlichung. Und da ist mehr der gleichen Art, wenn auch von minderer Bedeutung" (Hervorh.v.m., B.S.).

Und wo ist das im Riezler Tagebuch zu lesen? Weiter wird hier bestätigt, was Schlesinger und Scheffer wiederholt bestätigt haben, und was den Bundespräsidenten Heuss und andere dazu bestimmte, das Thema Riezler Tagebücher zu sekretieren, bzw. so delikat zu behandeln wie geschehen. Der Reichskanzler Bethmann Hollweg "wünschte" nämlich im Juli 1914 unbedingt den Krieg mit Russland. Ob dies, aufgrund der Lagebeurteilung des Generalstabes oder aufgrund der politisch-kulturellen Frontstellung Deutschlands gegen Osten geschah (dies war die Leitlinie seiner Politik, gemäß den Vorstellungen der "Wochenblatt-partei" seines Großvaters Moritz August von Bethmann Hollweg), mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls ist erkennbar, dass das Urteil Rothfels 1941/42 und 1945 Riezler von weiteren Publikationsarbeiten abhalten sollte. Rothfels erkundigte sich auch 1955 unaufgefordert nach den Tagebüchern. Diese provozierten also gesteigerte Aufmerksamkeit. Im Jahr 1983 hielt Erdmann, trotz vielfältigen Druckes, die Existenz dieses Dokumentes, und die zwiespältige Aussage von Rothfels gegenüber Ritter 1962, geheim. Dies alles unterstreicht die Bedeutung der Vorgänge in den Jahren 1914, 1917, 1929/32, 1939, 1941/42,1945, 1946/47 1952/ 55 mit den vielfältigen Vorlesungen Riezlers aus den wichtigsten Passagen seiner Tagebücher, nämlich aus den Heften XXX "a" und XXX "b" aus dem Juni/Juli 1914. Immer wenn über die Tagebücher diskutiert wurde, ging es - zumindest subkutan, um diese Teile.

Ritter schickte diese Rothfels hochwichtige Information an Erdmann, da dieser mit der weiteren Erwiderung auf Fischer, gemäß interner Vereinbarung (zwischen Schieder, Ritter und Erdmann) beschäftigt war. Seitdem blieb dieser Brief verschwunden. Fischer schrieb 1984 an Zechlin, und legte den Finger auf diesen ungeheuren Vorgang; und die "unschuldigen Erwähnung" Blänsdorfs in der Antwort auf meine Vorhaltungen, "diese zwei Briefe (auch der 2. (harmlose) Brief an Ritter)" seien "nirgendwo zu finden".

Erst die konsternierende Wirkung seiner Zeilen auf Ritter machte dann Rothfels deutlich, was er ausgesprochen hatte. Und, was schlimmer war, damit schienen die Riezler Tagebücher, als Waffe gegen Fischer - wie die Historikerzunft plante - untauglich. Es sei denn, es eröffnete sich in der Folge ein neuer Weg über weiteres (harmloseres) Material...

 

8. Zu S.A. Kaehler in Göttingen äußerte er, er habe 1945 der Publikation des "Hohenfinower Tagebuches aus dem Juli 1914" widerraten, "in dem Bethmanns ,Hoffen' auf den Krieg mit Rußland mir für die damalige Zeitstimmung zu deutlich belegt schien."

Wo ist in den Blockblättern ein "Hohenfinow"-Tagebuch erwähnt? Diese Zusammenhänge wurden unterstützt durch ein weiteres Dokument, das mir, zu meinem Erstaunen, Walter Bußmann/Karlsruhe 1983 zuspielte. Rothfels schrieb, zusätzlich bekräftigend, an den Göttinger Historiker, S.A. Kaehler, er habe 1945 Riezler daran gehindert, sein Hohenfinow-Tagebuch, datierend aus dem Juli 1914, in dem Bethmanns Hoffnung auf einen Krieg mit Russland ihm (Rothfels) zu klar ausgesprochen gewesen sei, zu veröffentlichen. Und so ließ Erdmann gern Rothfels 2. Brief an Ritter gelten:

"It was my impression - as I may have written - that under the circumstances of that period - 1945 - misunderstandings would become inevitable in the sense of a ‚desire'. However I do not wish to bind myself to this word. That from a tactical point of view, - of interior politics - B. desired the outbreak of war - if at all - on the Russian front - we were well aware of, and at least too that he lived in the perspective of an inevitable combat in between the Germanic and the Slavic race. My overall impression of his comments on Riezler was that the storm would sometime be underway from Asia, and better now than later. But this would in my opinion not permit to state that his efforts after 29 to avoid were not truly obvious" (Hervorh.v.m., B.S.)

Auch diese Rasseideologische Sicht findet sich nicht in den Blockblättern. Dort finden sich eher undeutliche Gefühle, Eindrücke, Reflexe gegenüber der Ostmacht. Hier, neben anderem, drehte Rothfels sein erstes Schreiben an Ritter lediglich um. Das weniger Wichtige, das heißt, das den Kriegswillen Bethmanns Einschränkende, rückte an den Anfang und das Wichtige an das Ende oder wurde weglassen, wie etwa der Hinweis auf das Tagebuch aus dem Juli 1914. Es fällt auf, dass hier der ausgewiesene Fachmann Rothfels keinen Gedanken an die Möglichkeit verschwendet, das dort Niedergelegte könne später, d.h. im Nachhinein, geschrieben - oder gar bearbeitet - worden sein. Dass es notwendig sei, die Politik Bethmann Hollwegs - und damit Deutschlands vor 1914 - im Sinne einer "Friedenspolitik" umzubiegen, und dies in Verbindung mit den Riezler Tagebüchern, hatte der Tübinger Historiker bereits 1955, vor dem Tod Kurt Riezlers, favorisiert.

F. war zum Zeitpunkt seiner Rezension für die FAZ keineswegs als ausgewiesener Spezialist für die Fragen des Kriegsausbruchs 1914 bekannt, geschweige denn für die geschichtliche Epoche um die es hier geht. Insofern handelte es sich wohl eher um eine "Auftragsarbeit", die Niemand anderer, Arrivierter, übernehmen wollte. Aber das hielten ja auch andere so (z.B. V.Ullrich/Zechlin, Süddeutsche Zeitung. - Dazu in Kürze mehr).

 

9. Aus diesen hier zitierten Äußerungen schließt Schulte, daß Rothfels das Original Tagebuch in der Hand hatte und daß dort etwas ganz anderes zu lesen stand als in den Blockblättern. Ihn bekümmert nicht, daß Rothfels' Erinnerung nur noch verschwommen war.

10. Vielleicht bezog sich Rothfels' unbestreitbare Skepsis gegenüber dem Text auf die in den Blockblättern enthaltene Notiz vom 8. Juli? "Kommt der Krieg nicht, will der Zar nicht oder rät das bestürzte Frankreich zum Frieden, so haben wir doch noch Aussicht, die Entente über dieser Aktion auseinander zumanövrieren."

11. Nichts spricht für die von ihm im Titel behauptete "Verfälschung".

12. Muß man die versuchte Beweisführung auch als mißlungen betrachten, so hat das Buch wegen seiner breiten Dokumentation doch einigen Wert.

13. "Er bestätigt ihm, daß er "die offizielle Reichspolitik peinlich . . . von . . annexionistischen Tönen" freihielt. Angesichts dieser Erkenntnis ist es erstaunlich, daß Schulte Riezlers Eintragungen vom Juli 1914 für geglättet hält. Sie widersprechen dem, was er selbst über Bethmann Hollweg vor dem Kriege und während der Kriegsjahre sagt, in keiner Weise. Sollte der Kanzler während der Krisenwochen so anders gedacht haben als vorher oder nachher? Das ist unwahrscheinlich.

Just diese Wandlung der Überzeugung Bethmann Hollwegs, zwischen 1911 (Marokkokrise September 1911, Gespräch mit Wilhelm II. auf den Höhen des Taunus) und 1914, gilt es zu untersuchen.

Die "Wilhelminer", als terminus technicus für den verlorenen Ersten Weltkrieg, stellen wohl den letzten Versuch der konservativen deutschen Historikerzunft dar, die Schuld am Niedergang Deutschlands (und damit für den Weg zu Hitler) auf Wilhelm II. abzuladen. Die Rezension der Berliner Historikerin Ute Frevert im SPIEGEL ("Blick durchs Schlüsselloch", 39/2008), zu Röhls drittem Band seiner Biographie Wilhelms II., reflektiert diese Lehre ganz selbstverständlich. Dass Röhl allem Anschein nach zum Pfad in den Krieg nichts sagt, ist wohl auch nicht verwunderlich. Oder verschweigt Frevert auch dies?

 

* Hans Fenske, geboren 1936, war von 1977 bis 2001 Professor für Neue und Neueste Geschichte in Freiburg. Ders.: Deutsche Geschichte. Vom Ausgang des Mittelalters bis heute, Darmstadt: Primus Verlag 2002, 256 S., 6 Abb., 2 Karten, ISBN 3-89678-423-4, € 19,90.

 

Rezensiert von:
Martin Vogt, Technische Universität Darmstadt

Deutsche Geschichte vom konfessionellen Zeitalter bis in die Gegenwart auf knapp 220 Seiten (ohne Literaturverzeichnis) darzustellen ist ein erhebliches Wagnis, weil neben umfangreicher Faktenkenntnis die Fähigkeit, Zusammenhänge zu überschauen und zu berichten, sowie die Bereitschaft zur Komprimierung erforderlich sind und dennoch ein zuverlässiges Gesamtbild zu entstehen hat. Der Autor dieser Publikation, Historiker an der Universität Freiburg, hat sich einen Namen insbesondere mit Untersuchungen zur deutschen Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts sowie mit Publikationen über die 48er Revolution gemacht. Der weit gespannte zeitlichthematische Rahmen des vorliegenden Bandes wird schon anhand des Inhaltsverzeichnisses deutlich: Das erste Kapitel beschreibt kirchen- und geistesgeschichtliche, politik- und verfassungshistorische Übergänge vom Mittelalter zur Neuzeit. Die nachfolgenden Kapitel führen über "Reformation und konfessionelles Zeitalter" sowie "Ausgang des Alten Reiches" zu den Ereignissen der neueren und neuesten Zeit: "19. Jahrhundert", "Zeit der Weltkriege" sowie "Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands".

Bei der Besprechung einer knapp gefassten einbändigen Deutschen Geschichte der Neuzeit hat sich der Rezensent völlig in die Rolle des potenziellen Lesers zu versetzen und stellt fest, wie schwierig es ist, ohne Vorbemerkung über die Reihe "Grundzüge" und ohne Vorwort oder Einleitung herauszufinden, was denn nun für den Autor die deutsche Geschichte der Neuzeit konstituiert; denn darum soll es doch wohl bei "Grundzügen" einer Geschichte gehen. Fenskes Wissen ist unbestritten, aber die Konzentration und Komprimierung des Verfassers haben die Konsequenz, dass der Leser sich schnell überfordert fühlen wird, wenn er nicht in der Lage ist, Stichworte oder Begriffe nachzuschlagen. So wird - um ein Beispiel zu bringen - der Leser, der in der deutschen Kirchen- und Rechtsgeschichte des konfessionellen Zeitalters nicht firm ist, ohne Hinweise auf Details Schwierigkeiten haben zu begreifen, weshalb - und dies ist nur ein Beispiel für andere - der "Vierklosterstreit", der 1600 kulminierte, für die Verfassungsund politische Geschichte des Alten Reiches wichtig ist. Am stärksten fällt die Aufzählung von solchen Stichworten ohne Erläuterung im Schlusskapitel in den Abschnitten über Bundesrepublik und DDR auf.

Fenskes Darstellung ist, soweit es sich um die politische und die Verfassungsgeschichte handelt, in den ersten Kapiteln ereignisgeschichtlich ausgerichtet und lässt bis zur Behandlung des 20. Jahrhunderts eine "borussische" Akzentuierung erkennen. Immerhin wird das Bemühen deutlich, deutsche Geschichte auch in den europäischen Zusammenhängen zu sehen. Für die Zeit vom 19. Jahrhundert an bis zur Besatzungszeit in Deutschland nach 1945 werden verfassungs- oder auch parteiengeschichtliche Beobachtungen längsschnittartig dargestellt und an ihnen einzelne Sachfragen festgemacht. Für einen historischen Dilettanten bringt das Orientierungsschwierigkeiten, auch wenn als Orientierungshilfe ab Kapitel 2 wesentlich erscheinende Fakten mit Jahreszahlen vorangestellt sind (Fenskes Arbeit zu Strukturproblemen der deutschen Parteiengeschichte und seine deutsche Parteiengeschichte sind hilfreicher). Daneben stehen sehr kompakte strukturgeschichtlich ausgerichtete Abschnitte über die Wirtschaftsgeschichte, die sozialgeschichtliche Themen miterörtern; allerdings wäre es doch wohl sinnvoll gewesen, das Problem der "Protoindustrialisierung" anzusprechen und neben dem Paternalismus auch die wirtschaftliche Bedeutung der Zünfte als Regulativ wie auch ihre Rolle als Hemmschuh wirtschaftlicher Entwicklungen zu erwähnen. Die wirtschaftliche Bedeutung des Zollvereins kommt ebenso zu kurz wie Bedeutung und Konsequenzen der Rationalisierung und Automatisierung in Wirtschaft und Technik des 20. Jahrhunderts. Da Bildungsgeschichte nicht durchgängig behandelt wird, hätte auf sie besser ganz verzichtet werden sollen. Vom Alten Reich mit seinem Staatenmosaik gibt es sowenig eine Karte wie vom Deutschland nach 1918 oder nach 1945, wohl aber vom Reich von 1871, jedoch ohne Legende. Außerdem wäre es gerade mit Blick auf einige demographische Hinweise sinnvoll gewesen, in einer Nennung von Territorien und Bevölkerungsgrößen auf den Umfang des preußischen Staates und seine Einwohnerzahl zu verweisen, um damit dessen Dominanz unter den deutschen Staaten beziehungsweise Ländern bis 1932 zu verdeutlichen. Das sind Anmerkungen, die nicht allein an den Autor gerichtet sind, sondern sie richten sich an die Konzeption und die Vorgaben der Reihe. Hierzu gehört auch die Frage, wer für das Literaturverzeichnis verantwortlich zeichnet. Dass potenziell konkurrierende Publikationen nicht genannt werden, ist verständlich, aber Inkonsequenzen, wenn nur ein erster oder ein zweiter Band genannt werden, oder die Auslassung bekannter Autoren (zum Beispiel Hans und Wolfgang J. Mommsen oder Historiker aus der ehemaligen DDR), deren Sichtweisen möglicherweise missfallen, sind bedenklich.

Es gibt in dieser Deutschen Geschichte Hinweise auf Aspekte, die nicht unbedingt zu ihren "Grundzügen" gehören - wie etwa die Kolonialbestrebungen Brandenburgs im 17. Jahrhundert oder ähnliche Überlegungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Behandlung der Bildungs- und Geistesgeschichte erscheint ungleichgewichtig. Die Situation der Juden in Deutschland - ein im Ausland beachtetes Thema - wird bis 1933 wenig behandelt. Einzelne Gestalten der deutschen Geschichte (Luther, Friedrich der Große und Bismarck) erscheinen in ihrem Handeln nahezu fleckenlos. Für die Zeit seit der Französischen Revolution wird festgestellt, wie viel besser doch eine evolutionäre Entwicklung sei, während doch das System Metternich, der Umgang mit dem Paulskirchenparlament und seiner Verfassungsgebung oder das semiabsolutistische Zweite Reich zu erkennen gegeben haben, dass nur ein kräftiges Rütteln die verhärteten Strukturen in Bewegung gebracht hat.

Bei der Behandlung des Ersten Weltkriegs und der Revolution von 1918 sind die Nachwirkungen der politischen Krisen und die hohe Erwartungshaltung ebenso ausgeblendet wie die unselige Kriegszieldiskussion. Auf die Verfassung der Weimarer Republik wird kaum eingegangen, und die inneren materiellen Probleme in ihren gesellschaftlichen und parteipolitischen Konsequenzen schon vor 1933 werden lediglich gestreift.

Ob die große Mehrzahl der NS-Wähler zwischen 1930 und 1933 wirklich nur Protest ausdrücken wollte, sei dahingestellt, aber für die Jahre des NS-Regimes zu meinen, dass die Masse der Bevölkerung mit dem Regime nicht einverstanden gewesen sei und sich ins Private zurückgezogen habe, klingt nach Exkulpation. Die NS-Euthanasie, die neben dem Antisemitismus das Besondere des NS-Rassismus ausmachte, findet ebenso wenig Erwähnung wie der Luftkrieg gegen Deutschland. Die umfängliche Planung der Alliierten für das Nachkriegsdeutschland wird kaum berührt; das gilt auch für die materielle Notzeit nach 1945. Die deutsche Entwicklung seit 1948 erscheint als eine Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik - was gegenüber der Entwicklung in der DDR zutrifft -, die durch den politisierten Generationskonflikt, der "1968" kulminierte, hinterfragt worden ist. Fenske gerät hier vollends auf eine revisionistische Spur. Die Jahre seit 1974 werden schließlich mehr stichwortartig als in der Darlegung von Sachfragen abgehandelt.

Es ist zu fragen, ob Hans Fenske sich und den Lesern mit dieser Deutschen Geschichte einen Gefallen getan hat. Die knapp bemessene Seitenzahl zwingt den Leser allzu häufig, sich andernorts erläuternde Auskünfte einzuholen, und dann wird er leicht sehen, dass die Betrachtungsweise des Autors dann einmal als zu holzschnittartig, ein anderes Mal als zu skizzenhaft-flüchtig erscheint; und in jedem Fall müssen viele Aussagen kritisch hinterfragt werden. Für Anfänger oder Liebhaber, die einen Zugang zur deutschen Geschichte der Neuzeit suchen, erscheinen diese "Grundzüge" wenig geeignet.

Redaktionelle Betreuung: Matthias Schnettger, in: sehepunkte, Nr. 11, 2002.

 

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