Bernd F. Schulte
Die Rolle der NVA bei der Verhinderung des Bürgerkrieges 1989
Dresden, Leipzig und Berlin - eine Dokumentation.
Einführende Bemerkung.
Die Öffnung der Mauer erlebte ich mit Bandscheibenvorfall im Krankenhaus. Die über den Bildschirm hoppelnden Trabbis ließen mich nicht los. Der 16. Januar 1990, um 11.30 Uhr, fand mich in Strausberg beim Leiter der Presseabteilung des "Ministers für Nationale Verteidigung der DDR". Ein Sechs-Stunden-Gespräch am Joseph-Zettler Ring eröffnete das breite Band der Möglichkeiten der Berichterstattung zu den Veränderungen in der Nationalen Volksarmee. Überraschend war der völlig unkomplizierte Grundton des Gesprächs. Nachdem verschränkte Arme bislang zum Stereotyp der DDR- Haltung gehört hatten, waren diese nun offensichtlich weit geöffnet. Zunächst wurde in Aussicht genommen, für den NDR über die Tendenzen der Wehrpflichtigen in der NVA zu berichten. Die "Bitte um Unterstützung für Film/NDR über Rekruten in der NVA" wurde am 20.Januar telegraphisch nach Strausberg übermittelt. Die Zustimmung gab Oberst Hempel sehr zügig und so kam es zu einer fruchtbaren Tätigkeit über die kommenden Monate hinweg.
Am 6. Februar erwartete Oberst Wachsmann mein Team unter ein paar verkrüppelten Birken nahe Beelitz. Auf dem Truppenübungsplatz sollte ein Schulgefechtsschießen für Mot-Schützen am Ende der Grundausbildung stattfinden. Zum Einsatz kamen Schützenpanzer, sowie Infanteriebewaffnung. Der sonnige Wintertag zeigte eine hinlänglich motivierte Truppe, deren Ausbilder recht überzeugend den Wandel der Vorstellungen innerhalb der Nationalen Volksarmee skizzierten. Bei dieser ersten Fühlungnahme mit der Uniform der Wehrmacht - und dem potentiellen Gegner unserer früheren Übungen in der Bundeswehr - beschlich mich ein Gefühl, das sich als Mischung aus Unruhe, Skepsis und Hoffnung beschreiben läßt. Erst der unkomplizierte Umgang, und das gemeinsame fachliche Vokabular, ließen diesen Graben sich schnell verflüchtigen.
Zusammengefaßt führte diese Erfahrung mit dem etwas scheuen Oberst Wachsmann und seiner liebenswürdig unsicheren Truppe zu Überlegungen, über die Zukunft der NVA nachzudenken. Am 22. Februar bestätigte Oberst Hempel meine Gedanken mit einem "Angebot", das er ankündigte für den Moment zu dem "die Regierung zugestimmt hat". In der "Regierungs-Pressekonferenz", meinte Hempel, werde ein "NVA-Konzept" vorgelegt werden, das "am Wochenende in einer großen Zeitung veröffentlicht" werden würde. Es werde um die Frage gehen: "Was wird aus der NVA?" Dabei werde die Haltung der "Siegermächte" und der "deutschen Mächte" einzubeziehen sein. In Korrelation mit weiteren Projekten zur DDR und der geschichtlichen Fundierung dieses Raumes, bildete sich der Gedanke heraus, die Rolle der NVA in der Geschichte der DDR aktenmäßig fundiert zu erforschen, um eine Basis für eine Darstellung der demokratisierten Armee im Übergang in die Bundeswehr vorzubereiten.
Daß der Direktor des "Militärgeschichtlichen Forschungsamtes der Bundeswehr" in Freiburg, Deist, zu diesem Zeitpunkt der Auseinandersetzung um das Schicksal des Forschungs-Instituts zur Militärgeschichte der NVA in Potsdam erklärte:
"die Geschichte der NVA schreiben wir",
zeigt nur, welcher Kampf hinter den Kulissen bereits stattfand. Deist plante schon zu diesem Augenblick die Einverleibung des Militärgeschichtlichen Instituts der Nationalen Volksarmee in das Freiburger Forschungsamt der Bundeswehr. Daß es dabei um die "Entstehung der Geschichte der deutschen National-Armee"* ging, bezeichnet nur die Bedeutung der Aussage des konservativen Freiburger Historikers.
Im Oktober wurde das Ausmaß des Richtungskampfes innerhalb der
Bundeswehr deutlich. So ließen mich vertrauliche Mitteilungen erkennen, daß der militärische Leiter des MGFA Freiburg, Brigadegeneral Roth, den Umzug des Amtes nach Potsdam favorisiere, FÜ S I im Bonner Verteidigungsministerium gab ihm, nicht zuletzt aus finanziellen Rücksichten, Contra.
"Vernünftige Leute im Amt", wie zum Beispiel Herr Rahn, und der diesen Fragen gegenüber sensible General-Inspekteur Wellershoff, suchten die Standortfrage rational aufzulösen. Schließlich sollte das Militärgeschichtliche Institut der NVA "fachlich" eine "Zweigstelle des MGFA" Freiburg werden. Es ging dabei vordringlich darum, wie viele Dienstposten in Potsdam erhalten bleiben würden. Parallel wurde auf einer Tagung in Stuttgart über die "Integration der NVA und ihrer Offiziere" gesprochen. Letztlich lief das auf die Zerstörung des NVA-Instituts hinaus. In der Badischen Zeitung bezog der Freiburger Amtschef, Brigadegeneral Roth, erneut Stellung für Potsdam und gegen Freiburg. Ende 1990 sollte die Entscheidung fallen. Das Militärarchiv Potsdam war bereits durch das Bundesarchiv-Militärarchiv Freiburg übernommen und wurde dorthin überführt. Die Akten sächsischer Herkunft wanderten mit 19 Mitarbeitern aus Potsdam nach Dresden. Die preußischen Bestände reklamierte zudem das Geheime Staatsarchiv in Berlin-Dahlem für sich.
Mit den Angestellten der Potsdamer Dienststelle wurde gleichzeitig ein grausames Spiel getrieben. Die NVA-Liste mit den in Bundeswehrdienste übernommenen früheren NVA-Mitgliedern wurde "geköpft". Drei Tage nach der erklärten Übernahme wurden diese wieder hinausgeworfen. Oberst Professor Dr.Meisner war Mitte Oktober 1990 zwar noch Direktor in Potsdam, gleichzeitig aber als Leiter des neuen Militärmuseums im Gespräch. Parallel liefen in Strausberg mit der Entlassung der zunächst in die Bundeswehr übernommenen NVA-Generale ähnliche Vorgänge ab wie in Potsdam. Einer Beruhigungspille vergleichbar wirkte der Bundeswehr - Oberstleutnant Kolster in Potsdam auf die gereizten Nerven der NVA-Historiker ein. Gleichzeitig schien die Regionalpolitik des CDU Spitzenkandidaten Schäuble vorn zu liegen, der den Standort Freiburg, und damit die vorgebliche Investition von 80 Millionen DM für das MGFA und das Bundesarchiv dort, favorisierte. In Potsdam verständigten sich parallel Grüne und SPD darauf, daß das Militär aus der Innenstadt verschwinde.
Zu diesem Zeitpunkt bekräftigte der Gesandte aus Freiburg, Oberstleutnant Kolster, gegenüber den Mitarbeitern des Potsdamer NVA-Instituts, "machen Sie weiter auf den Themen, die Sie vorgeschlagen haben!" Es ging um den inhaltlichen Nachweis für das Weiterbestehen des Potsdamer Instituts. Inzwischen bröckelte die Front der NVA-Historiker. Meisner wollte nach Dresden oder an eine Sprachenschule in Naumburg wechseln.-
|
|
| Tagebuch Schulte, 8.5.1990. |
Im Gegensatz zu diesen Machtkämpfen der Bundeswehr-Historiker
suchten wir Journalisten jedenfalls die Dinge auf beiden Schultern zu tragen und zumindest über die Problemfelder zu informieren, die in unseren westlichen Breiten zu diesem Zeitpunkt noch vollkommen unbekannt waren. Daß natürlich auch Themen aufkamen, die erst in späterer Zeit die Gnade der Reaktionen fanden, liegt auf der Hand. Denn vorbereitet war niemand auf eine derartig abrupte Umwertung alles - in der DDR - bislang Gültigen. So schlug ich, in ahnungsloser Naivität, am 9.Mai dem NDR-Redakteur Börner Filme über die "Opfer des Stalinismus", die "Geschichte der NVA", "Umänderung der Traditionsnamen" und einen Skandal am Rande vor. Danach hatten angeblich drei Obristen der Bundeswehr bereits im Januar in Briefen an den Verteidigungsminister vorgeschlagen, die NVA aufzulösen und "die Bundeswehr in die DDR einmarschieren" zu lassen**. Stoltenberg hatte von diesem Plan angeblich nichts gewußt. Während so amtliche Historiker und Truppe im Westen
bereits "verrückt spielten", beschäftigten wir uns beim NDR lieber mit "Länderportraits" zu , Mecklenburg, Pommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Sachsen, dem eher antiquarischen Problem des "Stechschritts", als Phänomen preußisch-deutscher und preußisch-sozialistischer Realitäten, wie der möglichen Erkenntnis der militärischen Fachleute: "Hilfe, mein Feindbild ist weg!"***
Anfang Juni trat die Frage eines Schießbefehls Honeckers im Oktober/November 1989 auf. In einem Telefonat erklärte mir ein Informant:
"Man wollte hart durchgreifen".
Am 9.10. hätten "Schabowski und Krenz in Leipzig hart antworten" wollen. Aber es sei auch erwogen worden,
"etwas gegen Honecker zu unternehmen. Wenn man am Montag das Politbüro kippen will, dann muß das Leipzig ruhig ablaufen. Da Honecker gewußt hat, daß es Leute gegen ihn gibt, hat er die Befehle zurückgenommen. Wer wollte Ernst machen? Befehl von Honecker. Masur hatte angerufen. Dann ist erreicht worden, über Krenz die Sache zurückzunehmen".
Die "Armee wird von der Armee bestimmt. Im Rahmen des Verteidigungsrates" - so mein Informant - seien diese Fragen diskutiert worden. Es habe die Meinung vorgeherrscht, "es muß etwas passieren". Am 16.10.1989 hätten Krenz, Schabowski und Mielke beschlossen, "hart vorzugehen". Aber
"die ganze Führung muß weg. Dann aber Leipzig anders anpacken"****.
Am 4.11. sei es noch einmal brisant geworden. Es war bekannt , daß "einige Extreme die Richtung [der Demonstrationen] verändern" wollten. Es "bestand die Gefahr eines Durchbruchs zum Brandenburger Tor. Kräfte, die dagegen opponierten", seien im Kulturkomité vereinigt gewesen. Diese "Sondergruppen" hätten "für Gewaltlosigkeit" gebürgt, "und daß das nicht eskaliert". Es habe eine "einsame Entscheidung von Honecker" gegeben einzugreifen. Doch die Kampfgruppen hätten sich verweigert*****.
|
|
| Tagebuch Schulte, Telefonat mit Informant, 3.6.1990. |
Dieses Thema fand der "studio 1"-Chef Bodo Hauser/ZDF, so interessant, daß er den Film dazu prompt kaufte, bevor dieser überhaupt gedreht war******.


Die Verhandlungen mit dem Verteidigungsministerium der DDR liefen an und führten zu einer umfassenden Planung, die zunächst drei Filme über den "Schießbefehl" Honeckers gegen das eigene Volk, den Bau der Berliner Mauer und den Einmarsch der NVA in die CSSR zum Gegenstand haben sollten.
Blick zurück.
Die Interviewpartner des Jahres 1990 bemühten sich einheitlich um eine differenzierte Stellungnahme zu den historischen Vorgängen des Oktober/November 1989. Ob nun Vertreter der NVA, der kritischen Volksbewegung, der Wissenschaft oder Politik, sämtlich wurde gesagt was im konkreten Ablauf der Ereignisse empfunden wurde. Das nachzuvollziehen, mag selbst im Jahre 1999 noch von Wert sein.
Generaloberst Goldbach versucht in zwei Gesprächen, deutlich zu machen, die NVA - und damit die DDR - sei auf einen Bürgerkrieg nicht vorbereitet gewesen. Anfang Oktober sei zwischen Berlin und Dresden improvisiert worden und die DDR-Führung habe versucht, "ein Ausufern zu verhindern". Letztlich sei beabsichtigt gewesen, "politische Lösungen zu finden". Im Oktober seien die schon lange kochenden Probleme in der Fluchtwelle der DDR-Bürger zum Ausbruch gekommen und hätten die Führung des Staates überrascht. Daß er, Goldbach, damals schon auf der Seite der Kritiker des Regimes stand, bestätigt sein Gespräch mit dem Politchef der NVA, Generalmajor Brünner. Es sei
"keine Entschlossenheit mehr vorhanden gewesen, mit allen Mitteln die Macht zu erhalten".
Generalmajor Gemert, dem es in Dresden oblag, den Einsatz der NVA gegen die Demonstranten zu leiten, sucht die Tatsache zu entschärfen, daß in Dresden zunächst die NVA-Kräfte mit Waffe und Munition am Mann eingesetzt wurden, was einerseits den Grad der Konfusion der Führung, oder aber deren Willen zum Einsatz der Armee, ausdrücken mag. Die Konfusions-These mag im Moment naheliegend erscheinen, war ja die Situation in Berlin durch den Begriff "Hilflosigkeit" zutreffend gekennzeichnet und räumt nicht nur Gemert ein, daß Befehle erteilt und wieder eingeschränkt oder gar zurückgenommen worden seien; was auf weitreichende Inhalte schließen läßt. Wie Goldbach sucht auch Gemert strikt die Vermutung zu widerlegen, für die NVA habe es sich bei diesem Einsatz um Routine gehandelt. Wieso allerdings der im Raum Dresden verantwortliche Bezirkssekretär Modrow so lange wartet, bis er das Signal zu Verhandlungen gibt, bleibt unklar.
Wie sehr eingebunden - und damit weniger verantwortlich - die NVA in die Parteistrukturen gewesen sei, betont Generalmajor Günther Diederich, der Chef des Wehrbezirkskommandos Leipzig. Politorgane und Stasi erscheinen bei Diederich als die wahren Verantwortlichen. Die zentrale Leitung des Polizeieinsatzes in Leipzig unterstand demnach der Stasi. Wenn nicht dort, dann habe bis zum 8.Oktober in Leipzig keinerlei Lagebeurteilung stattgefunden. Diederich sagt: ein Einfluß der NVA sei in besserer Erkenntnis, daß derartige Einsätze gegen das eigene Volk zu keinem Ergebnis führen würden, jedoch gleichfalls nicht ausgeübt worden.
Jedenfalls erscheint die gesamte staatliche Struktur, die Armee- und politische Führung ignorant und überheblich. Ausdrücklich nennt Diederich hier seinen frühreren Minister Keßler. Eine Führung, die nicht führt erscheint als Ursache des Zusammenbruchs.
Jedoch wird deutlich, daß so konzeptlos wie es Goldbach und Gemert erscheinen lassen wollen, die NVA-Führung nicht war. Jedenfalls fördert das Beispiel 1953 die "Knüppelbrigaden" zutage, ein Konstrukt, das 1989 wieder als Rezept auftritt. Jedenfalls wird der 9.Oktober als Gipfelpunkt der Krise bezeichnet, an dem Friede und Krieg gleichfalls möglich waren. Das betont auch der Direktor des Staatsarchivs Leipzig, Professor Unger. Denn die Streitkräfte verharrten zu diesem Zeitpunkt, seit dem 4.Oktober, in dem Zustand erhöhter Gefechtsbereitschaft, ohne Aufträge erhalten zu haben! Ob "Ratlosigkeit" oder "Nicht- Wollen", dieses Zögern steigerte die Gefahr unkontrollierter Handlungen allseits und führte gewiß nicht zu mehr Sicherheit.
Schließlich ist der Befehl "105" ein typisches Ergebnis der Stabsroutine. Letztlich wird er die Kommandeure ebenso rezeptlos zurückgelassen haben wie zuvor. Klassisch die Aufgaben: Bahnhof, Postamt und Sender schützte die Armee in solchen Fällen schon vor 1914. Auch der Einsatz der NVA zur Unterstützung der Volkspolizei ähnelt frappierend den Aufgaben der Armee des Kaisers bei den Ruhrbergarbeiterstreiks 1886 und 1905, wie beim Hafenarbeiterstreik in Hamburg 1893. Doch hatte die Ebene der Kommandeure aus dem Fall Dresden gelernt. Die NVA wurde in Leipzig nicht sichtbar. Dennoch gab es Bestrebungen in der politischen und militärischen Führungsspitze, die Armee doch noch einzusetzen.
Diese Szenarien sind während der Krisenkonferenz vom 13.Oktober in Leipzig offensichtlich auf höchster Ebene durchgespielt worden. Krenz, Strehletz, Wittich, Wagner und Herger entschieden über Wohl und Wehe Europas. Daß aber die Entscheidung für den Frieden in Leipzig noch nicht gefallen war, unterstreicht die Befehlsausgabe bei Strehletz in Berlin am folgenden Sonnabend, dem 14.Oktober. Der Staatsrats- vorsitzende wankte und wich nicht. Honecker hatte seinem Stabschef die Hand geführt und befahl, "ein Ausweiten von Demonstrationen [sei] zu verhindern". Wie das ohne den Einsatz von Kampfmitteln erreicht werden sollte, ließ der Befehl offen.
"Bürgekriegspläne" oder "Schießbefehle" soll es nicht gegeben haben. Jedenfalls nicht in der direkten brutalen Form. Doch die Zusammenhänge offenbaren vorhandene Rezepte zur Bekämpfung innerer Unruhen und Befehle, Anweisungen und Handlungen schließen den Waffeneinsatz gegen das eigene Volk letztlich nicht aus.
Es mag die Erwartung der Demonstranten zutreffen, daß "die Armee nicht sehr schnell losschießen"werde. Doch sämtliche Beobachtungen, die Dr.Zimmermann mitteilt, zeigen, wie abgeschottet und unberechenbar die NVA für die Bevölkerung war. Aber das elementare Erschrecken der Menschen auf den Straßen Leipzigs, angesichts der Polizeieinsätze der ersten Phase und die existentielle Bedrohung, welche die Schlacht am Dresdener Hauptbahnhof angekündigt hatte, ließen die "chinesische Lösung" wahrscheinlich werden. Zimmermann glaubt, Krenz habe am 13.Oktober in Leipzig gefordert, "der nächste Montag muß so verlaufen wie der 9.Oktober!"
Letztlich hat die Demonstranten die Wirklichkeit nicht überrascht. Wohl weil die "Agonie der Macht" , wie Professor Unger unterstreicht, bereits fortgeschritten war. Dieser Staat war, Gott-sei-Dank, zu gewaltsamen Taten nicht mehr fähig. Unger spricht vom "Zusammenklappen" der DDR. Doch vor dem 16.Oktober hat das niemand so gesehen. Dennoch, auch Unger will gehört haben, daß die Armee nicht zum Einsatz kommen werde.
Der Polizeichef von Leipzig, Fritsche, macht mit wenigen Sätzen klar, wie nah die Stadt an einem Blutbad war. Die Tendenz der Führung zur Gewalt, die Bereitschaft der Volkspolizei - trotz bestehender Bedenken entsprechende Weisungen auszuführen - und die umfassenden materiellen und personellen Vorbereitungen für diesen Fall, wurden erst um 18.25 Uhr durch das Zurückweichen der Staatsmacht neutralisiert.
Manfred von Ardenne stellt den Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Ursachen der DDR-Misere her. Der Vesuch Moskaus, Krenz als Reformer zu gewinnen, scheiterte an dessen Furcht vor Honecker. -
Wie 1990 rund um Leipzig jeder wußte, Leipzig war in den fraglichen Stunden eine abgeriegelte Stadt. Alles war für eine chinesische Lösung vorbereitet. Die Vorkommnisse in Dresden, deren ernste Folgen von Ardenne bezeugt, hatten keine beruhigende Wirkung gezeitigt.-
Aber offenbar hat für Dresden die Konfrontation zwischen Stasi und politischer Führung das Ergebnis gebracht, daß Krenz auf Drängen von Modrow, und Oberbürgermeister Berghofer, den vorliegenden Einsatzbefehl für Dresden zerriß. Das heißt: die Stasi stand schon "mit laufenden Motoren" unten - wie von Ardenne mir 1990 mitteilte - bereit um Modrow und Berghofer zu verhaften, als diese bei Krenz den dramatischen Durchbruch für eine friedliche Lösung doch noch erreichten.
"Es war die Anweisung, auch mit Gewalt auf das Vordringen des Volkes zu antworten!"
Admiral Hoffmann, Oberst Hempel oder Generaloberst Goldbach waren bereits Vertreter der Nachfolge-Administration und eher Kritiker Keßlers und Strehletz. Sie standen 1990 im Bann der zukünftigen Entwicklung der NVA, hin zu mehr Demokratie und Kooperation mit der Bundeswehr. So sind deren Aussagen eher als Versuche zu werten, die Basis vorzubereiten für eine Verteidigung der NVA gegen erste Tendenzen diese aufzulösen.
Oberst Dr.Meisner gesteht ein, in der Parteiführung sei offensichtlich ein Einsatz der Armee nach innen erwogen worden. Dann in Dresden zunächst der Einsatz speziell gebildeter Einheiten mit Waffe und Munition am Mann, und schließlich mit Schlagstöcken! Auch der Versuch, diese Maßnahmen als Improvisation abzuqualifizieren überzeugt nicht.
Wieweit in Zukunft der Anteil einzelner Offiziere am friedlichen Ausgang, vor allem in Berlin, sich bestätigen wird, bleibt abzuwarten. Jedenfalls hat Generalobest Goldbach für sich eine derartige Rolle nicht offen reklamiert. Der letzte Generalstabschef der NVA, Grätz, ist ebenfalls damit nicht hervorgetreten. Was nun letztlich diese Kritiker der Administrtation Keßler-Strehletz verhindert haben, bleibt zu klären. 1990 jedenfalls waren solche Gerüchte geeignet, ein positiveres Licht auf die NVA zu werfen. Meisner jedenfalls stellt dieses Verantwortungsbewußtsein einiger Offiziere der "Irrationalität" der politischen Führung gegenüber. Dieser Schockzustand mag durch die wirtschaftliche Notlage der DDR entscheidend mitbedingt gewesen sein.
"´Derjenige, der diese Entscheidung getroffen hat, die Division nicht aus den Objekten herauszuziehen, dem wird man dereinst ein Denkmal bauen!´
Wer dort noch einmal versucht hätte, auch nur im leisesten militärische Macht auch nur zu demonstrieren, der hätte in Kauf genommen, daß es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen in diesem Lande gekommen wäre. Was das im Herzen Europas bedeutet, das wissen wir als Historiker ganz genau".
Als Bankrotterklärung der DDR-Führung sei die Räumung der Botschaften der Bundesrepublik über das Territorium der DDR aufgefaßt worden. Eine "chinesische Lösung" wurde von der Bevölkerung erwartet. Das war der tatsächliche Bankrott der DDR!
Ob die Akten in den kommenden Jahren noch "Bürgerkriegspläne" oder "Schießbefehle" offenbaren werden, ist nicht vorherzusagen. Bis dahin ist Meisner zu folgen, wenn er für die Kommandoebenen der NVA, vom Militärbezik bis herab zur Division, ein derartiges Bewußtsein abstreitet. Aber war der Nichteinsatz der NVA deren Verdienst oder war auch diese, ob nach innen oder außen, nicht mehr einsetzbar? - Es klingt schon etwas vollmundig, wenn Meisner behauptet:
"Im entscheidenden Punkt ihrer Geschichte hat diese Armee eben nicht als Partei-Armee reagiert, sondern als Volks-Armee".
In den Interviews wurde, das war damals mein Eindruck, die Frage nach möglichem Widerstand der NVA gegen das Regime nicht recht verstanden. "Widerstandsgruppen" wurden dementsprechend für 1989 nicht bestätigt. Schließlich war es, wie Meisner sagt,
"ein großer Lernprozeß im Herbst des vergangenen Jahres, begreifen zu müssen, daß ein ganzes Volk sich gegen die Regierung stellt und dort seinen eigenen Standpunkt festlegen zu müssen".
* Tagebuch Schulte, 7.5.1990.
** Ebd., 6./9.5.1990.
***Ebd., 8.5.1990.
****Ebd., 12.9.1990: "Egon Krenz: 8.10.[19]89 Gespr[äch]. bei Mielke über 40.Jahrestag (Nicht 16.10.[19]89!)".
*****Ebd., 3.6.1990.
******Ebd., 25.7.1990, Anruf Hauser, 10.55 Uhr.
DOKUMENTE
Interview mit Generaloberst Goldbach*

Herr Goldbach war im Oktober/November 1989 Stellvertreter des Ministers für Technik und Bewaffnung. Die Lage wurde im "Kollegium", dem Führungszirkel innerhalb des Verteidigungsministeriums der DDR, behandelt.
Goldbach: "Die politisch-militärische Problematik war in der Nacht zum 4.10. bei der Vorbereitung der Parade zum 40.Jahrestag der DDR Gegenstand von Diskussionen. Zu diesem Zeitpunkt lief ein Telefonanruf des Ministers für Verteidigung aus Dresden ein. Es wurde um den Einsatz von Kräften der Armee zur Unterstützung von Polizei und Stasi gebeten. Generaloberst Goldbach unterstreicht, die Armee sei ausschließlich politisch, wie auch in der Ausbildung, nach außen gerichtet gewesen. Nie habe es Einsatzvorbereitungen im Innern gegeben.
Dresden war somit ein Wendepunkt auch in der Denkweise. Bis dahin wurden diese Erscheinungen im Kreis der Offiziere und Generäle diskutiert. Auch auf die Möglichkeit des weiteren Ausuferns wurde aufmerksam gemacht. Die Armee hat nie eine besondere Rolle gehabt. Selbst der Minister hat darüber zwar gesprochen, aber in der Sitzung des Kollegiums sind nie Weiterungen in Erwägung gezogen worden.
Erst in der Nacht des 4.Oktober kam der militärische Einsatz auf den Tisch. Es handelte sich um eine eigentliche Improvisation. In einem Nachrichtenbus fand die Diskussion über den Einsatz von Teilen der NVA statt. Dabei kam zum Ausdruck, daß kein Konzept vorlag. Es wurde diskutiert, wie die Kräfte zur Unterstützung der Polizei ausgerüstet und eingesetzt werden könnten. Eine ganze Reihe von Ergänzungen wurden daraufhin gegeben, als die Befehle an die Truppe bereits erteilt waren. Es waren keine Vorbereitungen getroffen.
Es gab keine Verbindung zwischen Dresden und Leipzig; keine in dem Sinne der Vorbereitung. Es gab eine Weisung an den Chef des Militärbezirks III für bestimmte Teile der NVA die erhöhte Gefechtsbereitschaft auszurichten. Das galt für Dresden und ist später auf Leipzig umgeschlagen, als sich der Schwerpunkt dahin verlagerte. Die erhöhte Gefechtsbereitschaft war auf Dresden gerichtet ".
Schulte: "Die Zuspitzung in Leipzig und der 9.Oktober. Wer hatte entscheidenden Anteil daran, daß es am 9. zu keinen Gewalttätigkeiten kam?"
Goldbach: "Ich nehme an, daß kein direkter Vorsatz da war, die Ereignisse in Leipzig zu zerschlagen. Das Herangehen, das immer versucht wurde, diese Kräfte, die sich in Leipzig darstellten, diese Außenseiter immer noch im Rahmen von Dissidenten zu halten. Und immer der Versuch Dampf abzulassen, um dann zur Tagesordnung überzugehen. Die Armee war zur Unterstützung der in der ersten Linie handelnden Polizei und Stasi gedacht. Es ist mir nie zur Kenntnis gekommen, daß mit militärischer Gewalt diese Demonstration zerschlagen werden sollte, sondern es war geplant, ein Ausufern zu verhindern und politische Lösungen zu finden. Das führte auch dazu, daß man bestimmte Kräfte festnahm, bzw. über die Grenze ließ. Der Führungsstil war dadurch bestimmt, daß gerade dort, wo politische Führung und Militär zusammenarbeiteten, eine politische Beeinträchtigung stattfand, sodaß man den Eindruck hatte, daß die Verantwortung auf die Kommandeure verlagert wurde" **.
Schulte: "War sich die politische Führung sicher?"
Goldbach: "Sie war sich der Methoden nicht sicher mit denen man ihre Wünsche umsetzen konnte. Zum 13.Oktober fanden Auswertungen in politischen Gesprächen statt".
Schulte: "Gab es eine Verbindung zwischen Honecker, Krenz und der Administration? Ein durchgehendes Element?"
Goldbach: "Für uns war der Abgang Honeckers und der Übergang zu Krenz nicht gravierend. Die Ereignisse beschleunigten sich...".
* Interview mit Generloberst Goldbach (Chef Rückwärtige Dienste), Strausberg, 6.6.1990, 15.00 Uhr.
** Interview zum Thema "Putsch": "Die Armee war bereits am 4.10.1989 nicht bereit, gegen das eigene Volk vorzugehen". Goldbach spricht auch von der "ersten Zäsur zwischen dem 4.10. und 9.11.[1989], die dadurch gekennzeichnet war, daß die NVA nicht gegen das eigene Volk vorgehen wollte".
Interview mit Generalmajor Gemert und Generaloberst Goldbach*.

Generalmajor Gemert war Kommandeur der Offizierschule Dresden und wurde von den Vorbereitungen zum Jahrestag der DDR nach Dresden entsandt, um hier die Einsätze zu leiten. Er korrigierte den Befehl, die Soldaten mit Waffe und Munition am Mann einzusetzen.
Schulte: "Wie entwickelte sich die Atmosphäre zwischen dem 3. und dem 10.10.1989?"
Gemert: "Eine Stimmung gegen die NVA wurde nicht festgestellt. Auch noch nicht am 9.10.1989. Teile der Armeeangehörigen waren abends eingesetzt. Es kam zu Diskussionen mit Demonstranten. Noch am 8., 9.,10.10. bestanden Kontakte mit der Bürgerbewegung. Auch der 7.Panzer-Division/Dresden. Es wurde versucht , den Einsatz der NVA im Raum Dresden zu rechtfertigen. Es war nie das Ziel die NVA gegen Demonstranten einzusetzen. Wir wollten verhindern, daß Gebäude zerstört werden. Der Einsatz der NVA war nicht zur gewaltsamen Niederschlagung vorgesehen. Im Raum Dresden war das nicht geplant. Am Tage und Abend befanden sich die Truppen in Bereitschaft. Niemand konnte einschätzen wie sich die Dinge entwickeln.
Drei Hundertschaften waren am 6./7.10. in Dresden vorbereitet. Alle anderen verblieben in den Unterkünften im Kasernenbereich. Sie wurden nicht ins Stadtgebiet geführt. Entgegen den Gerüchten gab es in Dresden keinen Einsatz von Fallschirmjägern. Und es gab auch keine Überlegungen, Panzer einzusetzen. Und auch keinen Befehl, hier die Bereitschaft herzustellen".
[...] "Am 5.10. abends war dann der Einsatz befohlen von 2 oder 3 Kompanien. Ich habe mir das melden lassen, angesehen und habe dann gesagt:
"Ein Einsatz mit Waffen ist unmöglich in dieser Situation".
Wir waren ja zur Absperrung, bzw. wir waren im Raum drin. Dann habe ich mich sofort mit dem Minister für Nationale Verteidigung in Verbindung gesetzt und habe gefordert, den Befehl rückgängig zu machen. Er wurde sofort akzeptiert. Also, um nochmal zu unterstreichen was Herr Goldbach vorher gesagt hat:
"Es war überhaupt kein Einsatz vorgesehen."
Die persönliche Waffe gehörte zur normalen Ausrüstung des Soldaten, und hier war auch Munition und Waffe getrennt.
Schulte: "Getrennt am Mann? Nicht teilgeladene Waffe?"
Gemert: "Und einer Aufmunitionierung muß immer ein Befehl vorausgehen. Dieser Befehl, und die Überlegung, war auch in keinem Falle vorhanden. Es wurde deshalb dann die Ausrüstung mit Schlagstöcken und dann den persönlichen Schutz zu garantieren.
Ich darf hier sagen: Es waren eingesetzt in der Zeit vom 5. bis zum 8.10.1989 zwei bis drei Hundertschaften in Dresden, die unmittelbar Räume bezogen haben, wo sie in Bereitschaft standen, in Abhängigkeit von der Entwicklung der Ereignisse, um Gebäude zu schützen. In diesem Fall haben Armeeangehörige ein Volkspolizei-Fahrzeug aus einer Umkreisung freigemacht, ohne persönliche Auseinandersetzung [...]. Am 5., 6. würde ich sagen, schwerpunktmäßig am 6.10.1989, ist der Einfluß der Kirche besonders groß gewesen.
Die Idee von der Identität ist soweit gediehen, daß man begann, gewisse ideologische Vorbereitungen zu treffen; das ist aber meine persönliche Meinung. Am Jahrestag des Beginns des Krieges gegen die UDSSR wurden ganz massiv Filme gezeigt im Fernsehen, die in der Endkonsequenz auf eine Rehabilitierung Stalins hinausliefen. In diesem Zusammenhang war auch wichtig ein Artikel, der wohl auf Forderung Honeckers persönlich durch Hanna Wolf im ´Neuen Deutschland´ zur Rolle Stalins gekommen ist. Das war alles im Zusammenhang mit dem Verbot des ´SPUTNIKS´. Das wirkte ja auch noch ein bißchen nach und als dann um diese Zeit auch die Auseinandersetzungen auf dem ´Platz des Himmlischen Friedens´ in Peking waren, wurde das ja in einer recht dummen Weise durch die DDR-Führung begrüßt. Sie wissen, der Herr Krenz war damals selbst in Peking, sodaß man davon ableiten konnte, daß zumindest in der Führung ein Differenzierungsprozeß vor sich ging. Daß ein Teil sich dagegen sträubte, von der Vorstellung der Identität des Volkes und der Partei Abstand zu nehmen, und der andere aber bereit war, um seine Macht zu kämpfen.
Und in diesem Zusammenhang ist es natürlich richtig was Sie eben hier erwähnten, daß man immer versucht hat, auch als schon Hunderttausende wegliefen, das auf Dissidentengröße zu reduzieren, in den öffentlichen Darstellungen. Diese Dinge haben natürlich gegeneinander gewirkt.- Auch in der Führung. Das ist meine Auffassung zu diesen Dingen. Obwohl ich nie dabei gewesen bin. Ich will mich jetzt nicht herausreden. Aber ich kann nicht über Dinge reden, die ich nicht weiß und die auch in der Hilflosigkeit, als sich die Dinge immer mehr zuspitzten, zum Tragen kamen, die Situation real zu beurteilen, und dazu reale Entscheidungen zu fällen. So, daß vielleicht auch die Sache mit den Befehlen VIII, IX, X so zu sehen ist, daß man mit der einen Hand die Befehle erteilt, und sie mit der anderen Hand wieder zurücknimmt".
Schulte: "Das wäre natürlich eine Erklärung.- Das Gespräch Schabowski, Krenz, Mielke: war zu entscheiden, ob in Leipzig hart vorgegangen oder Opposition gegen Honecker gemacht werden sollte? Wäre so der Gegenbefehl Honeckers zu erklären? Gab es nicht dann eine Aktion der Armeeführung, die hingeflogen ist und diese Dinge gestoppt hat?"
Goldbach: "Ist mir nicht bekannt. Ich glaube auch nicht. - Ich war die ganze Zeit hier.- Ich glaube auch nicht, daß so etwas stattgefunden hat; das wäre uns bekannt geworden".
Schulte: "Denn Krenz will ja auch hingeflogen sein".
Goldbach: "Mit Stehletz? Ja, das ist möglich, als Sekretär des Verteidigungsrates, daß sie beide hingeflogen sind. Womöglich,[...]aber das kann ich nicht sagen ob er da gewesen ist**. Ich weiß nur zum Beispiel, daß Mielke sich wohl am 7.10. bei der Auseinandersetzung rund um den ´Palast der Republik´ beteiligt haben soll. Also unmittelbar am Ort dort gewesen sein soll. Ich habe mir das noch aufgeschrieben, weil mich das verwunderte, daß dieser doch reichlich achtzigjährige Mann sich dort eingemischt haben sollte. Aber ein Augenzeuge hat mir das mitgeteilt".
Schulte: "Die Situation ist natürlich in solch extremen Lagen spannungsgeladen. Routine, oder war erkannt, daß die Situation expandieren, unwiederbringlich losgehen würde?"
Gemert: "Also ich darf hier noch einmal unterstreichen: es war keine Routineangelegenheit.

Wir haben uns gewissenhafte Überlegungen angestellt. Wir glauben auch, daß wir Verantwortung gezeigt haben. Weil, wenn am 4. und 5. noch eine Einschätzung erfolgen konnte, die sich noch um den Hauptbahnhof abgespielt hat, daß man sagen konnte: hier liegen Gesetzwidrigkeiten vor, indem der Bahnhof zerstört wurde, Einrichtungen zerstört wurden, Leben bedroht wurde. Dann würde ich sagen, dann entwickelte sich aus diesen Ereignissen etwas anderes. Am 7./8. waren die Demonstranten [und] Inhalte schon andere und hier war ich glaube auch schon der Einsatz der Volkspolizei nicht mehr im vollen Umfange gerechtfertigt. [...] Und es wurde auch so - ich muß das nochmal sagen - reagiert. Zumindest das, was die Masse der Demonstrationen betraf.- Und dann besaß natürlich auch die Kirche außerordentlich großen Einfluß. Ich glaube das war auch gut, daß dort die Kirche diesen großen Einfluß erreichte und ich darf auch behaupten, daß die Armee sich am 7./8. beteiligte an Gesprächen mit den Demonstranten. Armeeangehörige sich den Demonstranten stellten; in dieser Situation versuchten, auch beruhigend einzuwirken.- Und dann ab dem 8./9. oder ich würde so sagen: am 8. war ja die Bereitschaft von Herrn Modrow gegeben. Herr Modrow hatte die Weisung gegeben, daß die Gespräche mit dem Oberbürgermeister geführt wurden; es bildete sich die ´Gruppe 20´aus dem Demonstrationzug heraus, und am 9. wurde die Armee insgesamt abgezogen; beziehungsweise gab es keine Aufgabenstellungen mehr für Einheiten der NVA für Dresden oder in Dresden direkt.
Ich sage noch einmal: weil sich die Inhalte der Demonstrationen so entwickelten, daß wir einfach verpflichtet waren, daß wir hier mitzugehen hatten mit dem Volk. Die Armee konnte sich nicht mehr entziehen, wenn wir das vorher schon nicht gemacht haben, waren wir einfach verpflichtet, uns den Forderungen mit zustellen".
Schulte: "Kann man sagen, daß sich die NVA, bei aller Bindung an die staatliche Führung - vielleicht im Rahmen eines Verfassungsauftrages - höheren ethischen Zielen verpflichtet fühlt und fühlte, als dies die momentane Staatsführung noch rechtfertigte? Die Staatsführung hatte augenscheinlich kurzatmigere Vorstellungen. Und daß die NVA also dann schon den Weg begangen hat in eine neue Zeit, daß sie dann nämlich die Front gewechselt hat. Kann man das so sagen? Ist das eine Entwicklung dieser Tage gewesen? Ist das ein Katalysator der Ereignisse[Anm. Schulte: Gesicht Gemert]?"
Goldbach: "Diese Entwicklung hat sich ja, zunächst einmal evolutionär, lange Zeit hingezogen, ohne daß sie ohne weiteres an die Oberfläche gekommen wäre. Aber mit dem Beginn der Auswanderung der DDR-Bürger hatte natürlich alles eine fürchterliche Geschwindigkeit bekommen, die für die Führung damals recht unverständlich war. Aber wieweit das schon gediehen war, auch schon in der Armee! Ihnen wird sicherlich die Rolle eines Chefs der Politischen Hauptverwaltung klar sein. Der Generaloberst Brünner*** fuhr am 4.10., nachdem die Sache in Dresden dort passiert war, mit mir im Auto von Berlin nach Strausberg. Wir haben dort ein sehr offenes Gespräch miteinander geführt, dessen Grundtenor war:
"Wenn diese Führungsmannschaft nicht sofort abtritt, ist eine Katastrophe nicht vermeidbar!-"
Das war immerhin der Chef der Politischen Hauptverwaltung, Mitglied des Zentralkommitees. Ich will damit nur sagen, daß das Auseinanderdriften zu dieser sich immer mehr isolierenden Parteiführung so weit gegangen ist. Der Herr Brünner hat dann eigentlich nur aus Nibelungentreue zu seinem Chef davon nicht mehr Gebrauch gemacht, was mir sehr Leid tat!"
Schulte: "Das ist eine entscheidende Aussage, denn die Situation ist dann von der Armee sehr sorgfältig gesehen und analysiert worden. Die Armee befand sich nicht in einer Dichotomie zur Bevölkerung, zur Gesamtbevölkerung, zum Staatsvolk. Sie hat - wenn man die Summe ziehen will - wahrscheinlich hohen Anteil daran, daß die Dinge nicht aus dem Ruder gelaufen sind, sondern daß die Demonstrationsbewegung Erfolg hatte mit Ihrem Appell "Keine Gewalt!" Sie hat vielleicht den Rahmen gehalten, für eine gewaltlose Lösung dieser ganzen Entwicklung!"
Goldbach: "Zumindest wollte ich, wenn ich das noch bemerken darf, mit der Erwähnung dieses Gesprächs erreichen, daß klar wird, daß keine Entschlossenheit mehr da war, die Macht mit allen Mitteln zu erhalten, sondern dort schon klar war, daß man die Armee gegen das Volk nicht einsetzen kann".
* Interview mit Generalmajor Gemert und Generaloberst Goldbach, Strausberg, 6.6.1990.
* Beim Abendessen in seiner Wohnung berichtete mir imk April 1990 Generaloberst a.D.Fritz Strehletz über sein Gespräch mit Krenz auf dem Rückflug von Leipzig. Krenz soll ihn gefragt haben: "Wie verhält sich die Armee im Falle einer Amtenthebung Honeckers?" Strehletz will darauf geantwortet haben: "Entsprechend der Verfassung". Damit war die Absetzung Honeckers beschlossen.
*** Am 24.9.1990 führte ich nach 17.00 Uhr ein mehrstündiges Gespräch mit Herrn Brünner, der beim Abendessen in seiner Wohnung zu erkennen gab, daß er sich nicht zu den Vorgängen im Oktober / November äußern wolle. Das entsprach in etwa der Haltung von Strehletz, der ebenfalls das "ohne uns" unterstrich; jedoch das Eine oder Andere unter vier Augen preisgab.
Interview mit Generalmajor Diederich*.
Diederich: "Diese Aufgabe war eine rein der Polizei zugeordnete und auch sicherlich durch die Staatssicherheit wahrgenommene Verantwortung. Und ich muß Ihre Aufmerksamkeit auch noch auf eine andere Sache lenken: daß zu dieser Zeit, oder bis zum Beginn des Jahres die "Kampftruppen der Arbeiterklasse" existierten. Ja also die ausschließlich im Auftrag der Partei gehandelt haben und sie waren gleichermaßen bestimmend, sowohl für den Schutz der Betriebe, als auch für die Lösung bestimmter Konflikte. Daraus ergab sich schlicht und einfach, daß die NVA - auch in der gesamten vorbereitenden Zeit - in der Ausübung solcher Aufgaben nicht geschult - nicht ausgebildet war".
Schulte: "Wie groß ist die Nähe der Armee zu einem solchen Eventualfall gewesen (Befehl [105] V)?"


Diederich: "Aber die Sicherheitskräfte im eigenen Lande - wem sage ich das - waren so strukturiert, daß so vorbereitet [...].
Schulte: "Nachrichtendienst? Gab es solche Beobachtungsstellen?"
Diederich: "Bin ich fest davon überzeugt. Es gab sie. Ein Organ des Ministeriums für Staatssicherheit. Die gab es. Und die gab es auch bis in die Ebene der Truppen und auch im eigenen Haus gab es ein solches Organ. Und ich bin fest davon überzeugt, daß meine Handlungen und meine Entscheidungen und meine Gespräche, ob das privater oder dienstlicher Natur war, einer notwendigen Überwachung unterzogen wurden. Bin ich fest davon überzeugt. Und nicht nur ich, sondern sicherlich alle Generale der NVA und alle Führungskader, die in in irgendwelcher Art irgendwelche Entscheidungen zu treffen hatten. Es gab ja keine andere Partei in der NVA. Es war die einzige Partei, die in der NVA gewirkt hat. Wir haben nicht umsonst und sehr rechtzeitig nach gründlicher Analyse eingeschätzt: wir wollen eine Armee, die parteienunabhängig ist".
Schulte: "Wann?"
Diederich: "Das waren schon die ersten Schritte der eingeleiteten Militärreform. Wenn Sie sich mal die Mühe machen und die ersten Entwürfe der Militärdoktrin der DDR nachlesen, die nun ja in der Zwischenzeit entworfen sind[...]. Aber die ja schon darauf ausgerichtet waren, auch in der NVA demokratische Verhältnisse durchzusetzen, ein anderes Bild aufzubauen. Eine strukturelle Umorganisation vorzunehmen. Dann werden Sie finden, daß die NVA eine politisch-ideologisch unabhängige Armee werden sollte. Nicht mehr parteiengebunden ist, wie das in der Vergangenheit gewesen ist".
Schulte: "Gefaßt erst nach Oktober 1989. Daß muß man erkennen. Gibt es in den Jahren davor Weichenstellungen[...] oder aber innere Absetzbewegungen von den Realitäten der Parteiarmee?"
Diederich: "Ich habe die Geschichte miterlebt. Ich trage seit 1948 die Uniform. Natürlich noch unter anderen Bedingungen und anderem Verständnis als heute. Ich glaube, es ist schwer festzustellen, ob es solche Einschnitte gegeben hat. Wüßte ich keine Anzeichen oder Signale zu deuten, da gab es irgendwelche Absetzbewegungen oder irgendwelche Einschnitte im Verhältnis zur Partei. Natürlich war der Entwicklungsprozeß bis zum Jahr 1956, wo doch die Kasernierte Volkspolizei etwas mehr auf polizeilicher Basis aufgebaut war, aber schon vorbereitet wurde, Basis für die Nationale Volksarmee zu werden, die Bedingungen etwas anders als danach. Mit der Bildung der NVA wurde natürlich das gesamte System der Politorganisation, das System der Parteiorgane in der NVA, ihre Stellung, ihre Rolle - ja selbst gegenüber den Einzelleitern. Ich muß das mal sagen: wir haben das Prinzip der Einzelleitung seit 1956. Der Kommandeur ist für seinen Bereich - für den Bezirk Leipzig - für den er zu befinden und zu entscheiden hat, selbst verantwortlich in allen Fragen, die es auch früher in den politischen Handlungen gab. Aber es gab die Politorgane als das höchste Parteiorgan und sie waren diejenigen, die der Kommandeur, den Chef, usw. in seiner Entscheidung beeinflußten".
Schulte: "Ein zweiter Befehlsstrang".
Diederich: "Befehlsstrang würde ich nicht sagen. Aber es war neben dem[...] man könnte bald sagen ´Schattenkabinett´. Aber es gab neben dem Kommandeur eben noch die Linie der sogenannten ´Parteiorgane´".
Schulte: "´Schießbefehl, hat es einen gegeben? Gab es eine Spiegelwirkung der Dresdener Ereignisse auf Leipzig?"
Diedrich: "Die Entwicklung in Leipzig, die ja nicht erst im Monat Oktober begann - Jahrestag der DDR - hat von Woche zu Woche zugenommen. Und ich konnte das verfolgen , nach dem Friedengottesdienst in der Nikolaikirche stattgefundenen kleinen Kundgebung, ist dann letztenendes daraus eine Demonstration geworden, die dann am 9.10. immerhin eine Größenordnung von 80.000 Teilnehmern hatte. Welche Verhältnisse dazu geführt haben brauche ich nicht zu erläutern. Aber Tatsache ist, daß in dem gesamten Prozeß, Monat September und Oktober, sicherlich mit unterschiedlichen Wirkungen, die deutsche Volkspolizei, ich sage es am heutigen Tage, mit der Deutlichkeit sicherlich der wirksamen Einflußnahme der Stasi und mit der Stasi diesen Prozeß überwacht hat. Bis hin zum Einsatz von Spezialkräften der deutschen Volkspolizei".
Schulte: "Spezialkräfte?"
Diederich: "Das waren Polizeikräfte, die vorbereitet waren mit Schlagstöcken, mit Schild, wie das bei Ihnen ja auch ist. Mit anderen Mitteln gegen anders Handelnde und Denkende vorzugehen. Ja und man darf jetzt nicht außer Acht lassen: bis zu diesem Zeitpunkt, und danach, weil das maßgeblich die Handlungen dieser Sicherheitskräfte beeinflußt hat, wurden Aktivitäten grundsätzlich als konterrevolutionäre Handlungen gegen den Staat gewertet. Und demzufolge wurden auch die entsprechenden Handlungen der Volkspolizei eingeleitet".
Schulte: "Konterrevolution?"
Diederich: "Nein, die war nicht zu machen. Auch der Bürger in Uniform, auch der General und der Offizier hat im Verlauf, zumindest der letzten Hälfte des Jahres 1989, mitbekommen, daß die Fehlentscheidungen, die Fehlentwicklungen in unserem Lande einfach eine Korrektur erforderlich machten. Objektiv ein Zeitpunkt war, wo eine Veränderung erforderlich ist. Daß der Umbruch von Leipzig ausgeht, das erfüllt einen mit Stolz, und auch in gewissem Maße mit Erleichterung. Natürlich macht das Niemandem von uns frei von inneren Konflikten. Sicherlich, wenn sich einer heute hinstellt, er hätte das alles in 24 Stunden abgetan, glaube ich, dann ist er nicht ehrlich zu sich selbst. Das muß ich Ihnen ganz offen und ehrlich sagen".
Schulte: "Die Tage im September. 1.10.: Warschau, Prag. 2.10.: 10.000 Demonstranten in Leipzig. 6.10.: Proteste in Dresden. War die Armee mit Schlagstöcken da?"
Diederich: "...Ich weiß aus dem Abschlußbericht, daß Kräfte eingesetzt waren zur Unterstützung der Volkspolizei. Austausch gabs nicht. Wir wurden nur informiert über die Stasi, daß solche Ausschreitungen gewesen sind. Ausschreitungen gerichtet waren gegen den Dresdener Hauptbahnhof, weil diese Erkenntnis eine Rolle spielt bei den Aussagen, die ich treffen werde zu den Maßnahmen hier in Leipzig. Aber ich muß noch mal sagen: bis zum 8.10. ist eine einheitliche Auswertung, Analyse durch die Führungsebene des Bezirks Leipzig nicht erfolgt".
Schulte: "7.10.: Demonstration in Leipzig, Berlin Alexanderplatz, 40 Jahr-Feier. Was haben Sie empfunden?"
Diederich: "Sie paradierten immer. Das muß ich dazu sagen. Hoffen wir, daß das in Zukunft nicht mehr geschieht! Aber um zurückzukommen auf Ihre Frage. Ich glaube: schon vor dem 40.Jahrestag waren wir uns eigentlich alle einig, daß eine Veränderung des Zustandes der Spannungen, die von Woche zu Woche zunahmen, mit Mitteln der Gewalt, wie sie durch die Volkspolizei praktiziert wurden - auch in Leipzig praktiziert wurden - und praktiziert werden mußten, wer auch immer dahinter steckte, wer auch immer die Befehle gegeben hat, nicht lösbar sind. Wir waren uns darüber im Klaren: es kann nur eine politische Lösung geben".
Schulte: "Wer war ´wir´?"
Diederich: "Da kann ich jetzt kein Beispiel sagen. Eine solche organisierte Gruppe kann ich jetzt beim besten Willen nicht anführen. Aber ich erinnere mich an ein sehr ausführliches gemeinsames Gespräch mit meinem Chef, anläßlich seines Geburtstages im vergangenen Jahr, im Monat Juli. Und wir waren uns beide als Generale genauso einig, daß es ohne eine Veränderung der gegenwärtigen Vorgänge an der damaligen Spitze in der DDR nicht dazu kommen kann, die Spannungen abzubauen. Und wir waren uns darüber einig, daß dieser Weg, der Weg der Ignoranz durch unsere Führung bedingt war; durch die Fehleinschätzungen, ich würde sogar soweit gehen, die Überheblichkeit

- ich schließe dabei die militärische Führung, zumindest unseren damaligen Minister - nicht aus[...]. Es hat uns nicht nur Sorgen bereitet. Ich muß Ihnen auch sagen: ich hab´in meiner fast 42 jährigen Tätigkeit noch niemals eine Zeit erlebt, wo ich so wenig den Einfluß der vorgesetzten Führungsebenen gespürt habe wie in dieser Phase".
Schulte: "Man ließ es laufen?"
Diederich: "Ja, natürlich. Im wahrsten Sinne des Wortes. Dieser Prozeß zog sich bis zum 9./10.10.1989".
Schulte: "Befand sich die NVA etwa in einem ähnlichen Zustand wie die Armee vor 1914?"
Diederich: "Ich glaube einen Unterschied gab es dennoch. Sie wissen selbst, Streitkräfte sind erzogen zur Disziplin, Ausführung und zu der notwendigen konkreten Realisierung des Verfassungsauftrages. Da dieser Auftrag nach außen gerichtet war, und die Lage nach außen anders beurteilt wurde als nach innen, berührte das natürlich nicht jeden Armeeangehörigen so wie draußen. Ich muß aber dennoch sagen. Die gesamte Flüchtlingsbewegung - nicht nur über Prag - hat natürlich auch die Armee, bis hin zum Soldaten, und als einberufen wurde, vielleicht noch mehr - beeindruckt".
Schulte: "Demonstration in Leipzig am 7./ 8.10.: Ausweitung auf Potsdam - die Volkspolizei knüppelt. Die Evangelische Kirche sammelt Übergriffe. Die Hamburger "WELT" spricht davon, daß die DDR ´in die Luft fliegen´werde. 8.10.: Berlin. Wenn wir mit 1953 vergleichen: Welche Rolle hat da die NVA gespielt?"
Diederich: "Jetzt ist das natürlich aus meiner Sicht kompliziert zu beantworten. Ich war damals oben in Eggesien. Das ist ein ganz kleines Nest in der nordöstlichen Ecke unserer Republik. Wir haben damals immer gesagt, ´das ist die Sandwüste und Eggesien´. Aber dort habe ich das miterlebt. Da haben sich die Ereignisse anders gezeigt als in Berlin. Ich weiß, ich kann jetzt gar nicht sagen, ob die von Rügen oder von Prenzlau zuerst zum Einsatz gekommen sind. Da die Kasernierte Volkspolizei Aufgaben zur Unterstützung der Volkspolizei zu erfüllen hatte. Aber doch in einer anderen Weise. Als Knüppelbrigaden und nicht als solche die dazu bestimmt waren[...]. Nun will ich die Komandoführung der NVA damals nicht vergleichen mit der Kommandoführung im Jahre 1989".
Schulte: "Kann die 1953er Episode hinsichtlich der Perceptionen der politischen Führung mit 1989 verglichen werden?"
Diederich: "Einen Zusammenhang muß man, so glaube ich, da schon in Erwägung ziehen. Allein schon die Tatsache, daß 1953 als Konterrevolution gestempelt wurde und heute, zumindest in der Vergangenheit, alle Ereignisse um den 9. und auch in den Folgezeiten; das darf man nicht übersehen. Der 9. ist nicht der alleinige, krisenreiche Tag in Leipzig, [dieser wurde] als Konterrevolution abgetan. Zumindest nicht von einem Teil derjenigen, die die Dinge zu beurteilen hatten. Also ich kenne eine andere Einschätzung der Staatssicherheit überhaupt nicht. Als eine konterrevolutionäre Handlung ist das was sich vollzogen hat hier in Leipzig nicht zu bezeichnen".
Schulte: "Handelte es sich bei der Stasi um Betriebsblindheit oder ideologische Einäugigkeit?"
Diederich: "Betriebsblindheit würde ich nicht bezeihen auf Leipzig, sondern mehr oder weniger sagen: das wurde inhaltlich bestimmt.- Mehr oder weniger durch das Ministerium für Staatssicherheit. Und ich glaube die häßlichste Rolle in all´diesem hat der Minister für Staatssicherheit selbst gespielt! Sicherlich nicht nur alleine mit seinem ´Staat im Staate´-Gefühl. Der hat über Jahre, über Jahrzehnte gewirkt und hat in unserem Lande erheblichen Schaden angerichtet! Wenn Sie sich zu Gemüte führen wollen, welche Waffen die NVA übernehmen mußte von der Staatssicherheit. Wir haben uns als Armeeangehörige die Frage gestellt: wozu braucht die Stasi Panzerbüchsen? Braucht sie die Panzerbüchsen um die NVA in Schach zu halten? Also, ich sage das hier nur so mal...".
Schulte: "Wäre eine Konfrontation zwischen Armee und Staatsicherheit à la Rumänien denkbar gewesen?"
Diederich: "Wir wollen das nicht unterschätzen. Wenn es zu solch einem Konflikt gekommen wäre - und ganz auszuschließen war das nicht - so wäre das für uns sicherlich eine harte Auseinandersetzung geworden. Mit diesem aufgebauten System der Stasi und ihrer Ausrüstung".
Schulte: "Hier in Leipzig haben sich die Dinge überschlagen. Polizei in Bereitschaft, große Angst unter den Demonstranten, Gerüchte. Was war wirklich?"
Diederich: "Ich kann Ihnen genau im Detail sagen, wie sich die Verhältnisse entwickelt haben. Ich habe schon gesagt: in der Nacht vom 4. zum 5.10. wurde für den Militärbezirk Leipzig, das ist der Südteil unseres Landes, die erhöhte Gefechtsbereitschaft ausgelöst. Ich brauche nicht zu erläutern, was erhöhte Gefechtsbereitschaft ist. Das ist im Grunde in Ihrer Armee nicht anders als bei uns. Wir haben, da wir keine anderen Truppen haben, die Führungsbereitschaft hier im Objekt hergestellt und waren bereit, Befehle entgegenzunehmen.
Am 5., am 6., am 7. und 8.10. haben wir keine Aufgabenstellung bekommen! Ich sage das ohne mich schämen zu müssen. Wenn eine Armee in eine höhere Phase der Gefechtsbereitschaft versetzt wird und keine Befehle erhält. Aber ich hatte das schon einmal gesagt, das kann verschiedene Ursachen gehabt haben. Ich würde sagen, eine bestimmte Ratlosigkeit war die eine Seite, aber das Nicht-Wollen war eine andere Sache, die ich auch nicht ganz ausschließen möchte. Denn wenn ich nichts tue, tue ich auch etwas.
Am Abend des 8.10., und am 9.10., in den frühen Morgenstunden, wurde ich in Kenntnis gesetzt, daß der Minister für Verteidigung den Befehl erlassen hat. Das ist der Befehl ´105´. Aber dieser Befehl 105 ist ein komplexer Befehl. Er umfaßt noch mehr Aufgaben. Aber in diesem Befehl wird befohlen, daß in den Garnisonen der NVA, wo Truppen stationiert sind, Hundertschaften zu formieren und in Bereitschaft zu halten sind zur Unterstützung der Deutschen Volkspolizei, zur Sicherung lebensnotwendiger Objekte".
Schulte: "Hat es diesen Befehl schon vorher gegeben?"
Diederich: "Hat es nicht gegeben! Ich kannte den Befehl 105 überhaupt nicht. Bei uns ist der auch überhaupt nicht aufgetaucht, weil wir kleine solche Aufgabe hatten".
Schulte: "Also waren Hundertschaften völlig neu?"
Diederich: "War völlig neu. Natürlich! Hundertschaften sind keine Truppen. Sie gehören auch nicht in die Struktur der NVA. Es sind zeitweilig gebildete Formationen.
Ich wurde gleichermaßen in Kenntnis gesetzt, daß für die Stadt Leipzig in der Dienststelle Delitsch bis zu 8 Hundertschaften und in der Diensstelle Bad Düben, die untersteht den Luftstreitkräften, 4 Hundertschaften für die Stadt Leipzig bereitstehen sollten. Hierzu wurde folgendes befohlen:
1. die Hundertschaften zu bewaffnen. Sie haben keine Kampfmittel.
2. die Hundertschaften wurden auf Empfehlung - und das war eine Lehre aus Dresden - beispielsweise - aber die Befehle kamen von oben - mit Schlagstöcken ausgerüstet. Sie wurden auch mit Schlagstöcken ausgerüstet. - Zum Zwecke der Selbstverteidigung.
Ich wurde eingewiesen, daß die Hundertschaften ausschließlich eingesetzt werden auf Befehl des Chefs des Militärbezirks Leipzig, nach Zustimmung des Ministers für Nationale Verteidigung. Daß sie bestimmt sind zur Unterstützung der Volkspolizei bei der Wahrnehmung ihrer Sicherheitsaufgaben. Ich habe daraufhin gemeinsam mit dem Chef der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei die Absprachen geführt. Ich habe von vornherein - auch in Abstimmung mit dem Chef des Militärbezirks Leipzig - einen sehr strengen Maßstab angelegt und von vornherein darauf bestanden, wenn ein Einsatz der NVA notwendig sein sollte, dann ausschließlich zur Unterstützung ihrer Kräfte bei der Sicherung drei wichtiger Objekte:
1. des Leipziger Hauptbahnhofs. Er ist ein internationaler Knotenpunkt und bei all´ diesen Ereignissen können wir uns nicht erlauben, die internationalen Verbindungen lahmlegen zu lassen, weil es solche Erscheinungen schon einmal gegeben hat.
2. das Leipziger Hauptpostamt: internationaler Knotenpunkt für die Verbindungen.
3. den Sender Leipzig.
Diese drei Objekte wurden zwischen uns vereinbart. Es wurde gleichzeitig festgelegt: ein Einsatz erfolgt nur bei ´Gefahr im Verzuge´; dann wenn die deutsche Volkspolizei nicht mehr in der Lage ist, diese Aufgabe zu erfüllen.-
Ich muß heute sagen: diese Forderungen wurden konsequent eingehalten und so kam es auch dazu, daß überhaupt kein Soldat eingesetzt wurde. Aber diese Kräfte standen dazu bereit! Ich muß hier auch noch ergänzend sagen: wir waren uns alle darüber einig, das ist keine armeetypische Aufgabe!
1. gibt es solche Struktureinheiten nicht,
2. ist die Armee nicht dafür da, um Sicherungsaufgaben gemeinsam mit der Volkspolizei zu übernehmen.
Wir haben uns davon leiten lassen, daß die Sicherheit eben dieser drei bedeutsamen Objekte hier in Leipzig, denn es war ja nicht auszuschließen, daß bestimmte Gewalterscheinungen im Rahmen einer solchen Demonstration auftreten können, durchaus im Interesse unseres Landes und auch unseres Volkes sein würde, wenn die Armee sich hier einschalten würde. So wurden die stabsmäßigen Vorbereitungen getroffen[...]".
Schulte: "Es ist also an sich die Routineaktion einer Armee[...]? 9.10.: War die Gefahr virulent, daß Soldaten involviert wurden? Oder haben sie nur in Bereitschaft gestanden? Gab es weitere Verbände, die in Marsch gesetzt waren?"
Diederich: Mir ist nur bekannt, daß alleine im Bereich des Militär-Bezirks Leipzig über 21 bis 22 solcher Hundertschaften formiert wurden. Mir ist nicht bekannt, daß noch woanders Einheiten bereitgestanden haben. Was den Bezirk Leipzig betrifft, so kann ich, muß ich, die Frage eindeutig verneinen. Alle Dienststellen im Bezirk Leipzig hatten Hundertschaften formiert. Auch die kleinen Einheiten, die dann unter der Reserve des Chefs des Militär- Bezirks Leipzig lagen - nicht in meiner Verfügung lagen; aber ich könnte mir das eigentlich nicht vorstellen".
Schulte: "Wieviele Hundertschaften gab es im Bezirk Leipzig insgesamt?"
Diederich: "Da waren die Hundertschaften ausschließlich für Leipzig bestimmt, und diese 12 Hundertschaften, es waren 8 in Delitz und 4 in Bad Düben - das waren ca. 1200 Mann. Im Militär-Bezirk Leipzig haben wir aber auch nicht mehr. Wir haben im Bezirk Leipzig hier noch drei Truppenteile kleineren Umfanges, und die hatten jeweils 1 oder 2 Hundert- schaften für die Reserve, für den Chef des Militär-Bezirks,formiert, und damit war[...] so gut wie erschöpft".
Schulte: "Zum politischen Element".
Diederich: "Ich muß erst einmal sagen: dieser Aufruf, der gerichtet war an die Bürger der Stadt Leipzig, der Montagsdemonstration, des Friedensgebetes, hat meiner Ansicht nach auch auf die Teilnehmer der Demonstration [eingewirkt]. Denn es ging ganz einfach darum: es darf am 9. zu keiner Gewalt kommen. Ich muß aber auch beim gleichen Atemzuge sagen, daß diese Sicherheitskräfte an diesem Tage konsequent Zurückhaltung geübt haben, sodaß jede Art von Konfrontation von Anbeginn ausgeschlossen war, ausgeschlossen wurde. Es hat sich eben gezeigt, daß am 9.10. alle Befürchtungen - auch bei der Einschätzung, die angenommen wurde durch andere - daß mit Ausschreitungen zu rechnen ist, daß diese Demonstration durch solche Erscheinungen charakterisiert werden wird. Daß es nicht so ist, bestätigte sich im wahrsten Sinne des Wortes, daß es nicht nur gewaltlos, sondern daß es eine friedliche Demonstration der Bürger, die hier in diesen Tagen[...]".
Schulte: "Hat man da die Stasi engagiert?"
Diederich: "Nein. Ich muß Ihnen sagen: ich bin jetzt weder in der Lage, noch würde ich hier den Zeitpunkt für geeignet halten, hier ein Urteil zu treffen: wie hat an diesem Tage die Stasi so gehandelt oder so gehandelt? Ich meine, sie dürfen davon überzeugt sein. Sie werden nicht irgendwo gesessen haben und gewartet haben, daß der liebe Gott ein Lied singt. Sie werden ihre Aufgaben wahrgenommen haben. Aber eben verdeckter und zumeist nicht mit Gewalt. Das war für uns, ja auch für die Armee, außerordentlich bedeutsam".
Schulte: "Das war der 9.Oktober. Jetzt lassen Sie uns noch einen Sprung machen zum folgenden Wochenende".
Diederich: "Weil der 9.10. für alle die Erkenntnis bestätigt hatte, daß es ohne Einsatz von Gewalt möglich wäre, auch in Leipzig in den Folgezeiten Demonstrationen durchführen zu lassen. Das war im wahrsten Sinne des Wortes auch meine Sicht als Verantwortlicher für bestimmte Fragen. Der Auftakt, daß es bei einem richtigen Verhalten beider Seiten möglich ist, auch friedliche Demonstrationen durchzuführen[...]".
Schulte: "Dann war das Problem gelöst?"
Diederich: "Natürlich war das Problem gelöst! Jetzt muß ich Ihnen aber trotzdem sagen: diese Erkenntnis hat sich aber nicht überall gleichmäßig durchgesetzt. Und offensichtlich, und das mußten wir am 13.10. zur Kenntnis nehmen...diese Erkenntnis nicht".
Schulte: "Kann von einer Zäsur zwischen dem 10. und 16.10. gesprochen werden? Ist da etwas passiert?"
Diederich: "Weil sich alle im klaren waren, daß die Armee nicht einschreitet".
Schulte: "Nach dem "Spiegel" soll Honecker den Armeegeneral Hoffmann[?] gefragt haben: "Ist die Armee bereit zum Einsatz nach innen?"
Diederich: "Nun, es ist möglich[...]. Aber ich muß hier bestätigen: die Armee war weder vorbereitet, noch war sie bereit das zu übernehmen. Wir waren noch gar nicht - weder stabsmäßig noch anders - in eine [derartige] Situation versetzt worden, mit Ausnahme der Hundertschaften".
Schulte: "Einen Tag vor dem 9. fand eine Konferenz zwischen Stasi, Volkspolizei und der politischen Ebene statt. Der Kampf um den Anteil am Gelingen einer friedlichen Revolution? Was ist da eigentlich vom 9. auf den 10.Oktober abgelaufen?"
Diederich: "Mir ist nur bekannt, daß Krenz hier war, in Begleitung. Mit Strehletz, dem damaligen Sekretär des Hauptstabes [der NVA], dem Stellvertreter des Ministers für Staatssicherheit, Generaloberst Wittich, dem Stellvertreter des Ministers des Innern, Generaloberst Wagner, und dem Leiter der Abteilung Sicherheit beim Zentralkommitte der SED, Wolfgang Herger. Die waren am 13.10. um 14 Uhr hier in Leipzig und die Bezirkseinsatzleitung wurde dort zu einer Sitzung aufgefordert und mußte bereit sein, vor Krenz, und diesen dort erschienenen Herren, zu berichten wie sie glaubte die möglichen Ereignisse des 9./10.10. zu beherrschen.
Der Chef der Volkspolizei hat den Einsatz der Kräfte der Volkspolizei gemeldet. Aber mit dem Vermerke, daß der Einsatz nur erfolgt, wenn eine Gewaltanwendung seitens der Demonstranten gegenüber den Sicherheitskräften vorkommen wird.
Der Leiter der Bezirksverwaltung für Staatsicherheit, wie üblich im Allgemeinsten ohne die Karten auf den Tisch zu legen, und das war auch gegenüber Krenz nicht üblich. Also demzufolge außer dem Hinweis, "die Organe handeln gemäß den Anweisungen des Ministers für Staatssicherheit", war die Sache erledigt. Und ich mußte dort die Information über die Hundertschaften [vortragen]. Aber nur insofern, als sie im Notfalle einer Unterstützung der Sicherheit der drei Objekte erfolgt. Ansonsten alle anderen Maßnahmen durch die Armee nicht vorgenommen werden. Weder ein Einsatz von bewaffneten Einheiten, von Kampftechnik usw.".
Schulte: "Aber es waren doch Panzer-Divisionen im Gespräch".
Diederich: "Nein. Erstens haben wir keine Panzer-Division und die hier hat gar nichts. Außer, daß ein paar Ausbildungspanzer hier sind im Ausbildungszentrum. Die Frage stand auch gar nicht. Ich muß hier sagen: Krenz hat damals die Einschätzung der Bezirkseinsatz- Leitung bestätigt. Die bestand darin: keine Konfrontation und keine Gewaltanwendung. Insofern, und hierauf wird er sich sicherlich berufen. Ich wüßte nicht, daß er noch zu einem anderen Zeitpunkt hier gewesen sei. Hiernach könnte jetzt das Maß seines Anteils abgewogen werden. Und das ist eine Sache der...".
Schulte: "13.10.1989, 14 Uhr. 14.10: ´Befehl [105] V´. Gibt es da einen Zusammenhang?"
Diederich: "Ja, gibt es. Nachdem hier alles zur Kenntnis genommen wurde, sind diese Herren mit dem Flugzeug wieder nach Berlin geflogen. Ich kriegte noch am Freitag Abend den Befehl übermittelt. Sonnabend früh um 9 Uhr beim Generaloberst Strehletz, dem damaligen Stellvertreter des Ministers im Hauptstab, zu erscheinen und einen Befehl des Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrates, Erich Honecker, zu übernehmen. Natürlich habe ich den Befehl in der Hand gehabt und ihn auch erhalten.
Dieser Befehl war unterschrieben am 13.10.1989[...]. Wir kriegten dazu auch die näheren Erläuterungen und auch die dort geäußerten Vorstellungen.-
Ich muß jetzt mal einen persönlichen Eindruck sagen. Wir hatten in der Vorstellung gelebt, daß die Ereignisse des 10.10. uns eine eindeutige Lehre gegeben haben, und daß die Spannungen und die entstehenden Verhältnisse in unserem Lande, der bevorstehende Umbruch, nur lösbar sein wird mit politischen Mitteln. Wir waren fest davon überzeugt, daß es einen anderen Weg nicht geben kann! Ich hatte bei dieser Einweisung in diesen Befehl [105] V den Eindruck, daß es doch einige gibt, die das bearbeitet und dies dann vorgelegt hatten und der, der dies unterschrieben hat, daß die sich noch nicht ganz auf diese Linie bekehrten.
Das bestätige ich durch folgende Aussage: ´In diesem Befehl...war in Punkt 1 festgelegt, daß es in Leipzig unter allen Bedingungen ein Ausweiten von Demonstrationen zu verhindern sei´. Ich muß aber sagen, daß dieser Punkt sich bezog auf die politische Arbeit. Aber sei es wie es sei: daraus resultiert dann auch das Aktivieren der Handlungen der politischen Kräfte bis zum Einflußnehmen und was alles dann vollzogen wurde, um die Menschen zu bewegen, diese Demonstration zu unterlassen.- Aus unserer Sicht eine platte Fehleinschätzung, weil die Entwicklung in unserem Lande so weit war, viel weiter war als das der Ursprung des Befehls war. Ich muß aber weiter sagen: dieser Befehl legte in einem folgenden Punkt fest den Einsatz der Sicherheitskräfte. Hier wurde formuliert, daß der Einsatz von Kampftechnik und Waffen verboten wird. Ich sage das deshalb, weil mir immer die Frage gestellt wird: wo ist der Schießbefehl?
Im Befehl V, der für Leipzig für den 16.10. die Aufgabe regelte, war dieses Verbot festgeschrieben".
* Interview mit Generalmajor Diederich, Leipzig, 8.6.1990, 15 Uhr.
Interview mit Oberst Bednara*.

Oberst Bednara, der Kommandeur der 7. Panzer-Division/Dresden, nimmt Stellung zum Einsatz von NVA-Kräften in Dresden. Zur Frage nach einem Bürgrekriegsplan stellt er fest, es habe "weder in den Programmen der Gefechtsplanung" noch ansonsten derartige Vorbereitungen gegeben. In Dresden seien NVA-Soldaten nur mit Schlagstöcken zum Einsatz gekommen. Oberst Bednara betont, der "Einsatz sei falsch gewesen. Heute", 1990, sagt er, sei "führungsmäßig" nicht die "Exekution bewirkt" worden. Ein "erstes Nachdenken über den Einsatz im Oktober" habe im Offizierkorps eingesetzt und im Ergebnis sei festgestellt worden, "wir...als Offiziere [könnten] das nicht mittragen. Das, so Bednara 1990, "sollte auch den Offizieren der NVA zugute [ge]halten" werden".
Im Einzelnen führt der Divisions-Kommandeur aus, er habe erst "nachträglich vom ´Schießbefehl´ gehört. Die Handlungen der 7. Panzer-Division" seien "mit einem Schußwaffenverbot verbunden" gewesen. In der zweiten Nacht in Dresden sei allerdings "auch Gewalt" vorgekommen. Doch habe sich der "Charakter der nächsten Nächte verändert". Es habe "Gespräche mit den Soldaten" gegeben.
Bednara: "Fragen wurden gestellt. Gewisse Ängste der Soldaten wurden sichtbar. Die Frage war: Wie werden die Arbeitskollegen reagieren? Diese Gespräche haben ein erstes Nachdenken im Offizierkorps verursacht. So wurde der militärischen Führung die Forderung gestellt, daß der Einsatz mit Waffen nicht zu bestätigen ist. Dieser Einsatz hat mit der Funktion der Armee nichts zu tun. Er war etwas Neues. Schon in den N ächten wurde gespürt, daß sich etwas verändert".
Oberst Bednara kommt zu der Schlußfolgerung, daß es "so wie es gelaufen" sei, "gut abgegangen" sei".
* Interview mit Oberst Bednara, Dresden, 8.6.1990, 10 Uhr (Oberst Jürgen Schlaase stand nicht mehr zur Verfügung).
Interview mit Dr. Zimmermann*.

Dr. Zimmermann, ein Vertreter der Bürgerrechtsbewegung in Leipzig, unterstreicht vor der laufenden Kamera, "Anfang Oktober" habe der "Eindruck unterschiedlicher Meinungen in der Armee" bestanden. Es habe zu diesem Zeitpunkt Ausgangsverbote etc. im Raum Leipzig gegeben. Verbreitet war die Ansicht,
"die Armee wird nicht sehr schnell losschießen".
In der ersten Oktoberwoche, um den 2., seien spezielle Einsatzgruppen der Polizei herangezogen worden. Dadurch bedingt, habe sich die Ablehnung der Bevölkerung vor allem auf Polizei und Stasi konzentriert.
Zimmermann: "Armee wurde freundlicher angeschaut".
In der ersten Phase um den 2. habe der Einsatz spezieller Polizeikräfte ein "großes Erschrecken" bei den Demonstranten hervorgerufen. Die Leipziger hätten skandiert: "Schämt Euch!" Sie seien überzeugt gewesen:
"und am nächsten Montag kommen die Wasserwerfer".
Die Eskalation habe die Schlacht um den Hauptbahnhof in Dresden gebracht. Beteiligte hätten sich als "in Lebensgefahr befindlich" betrachtet. Der Kapellmeister Masur habe dann "für den 9.10. das Angebot formuliert". Dabei sei "auf Vernunft [bei der Staatsmacht] gesetzt" worden. "Und bei Polizei bis Armee [habe] es [schließlich] genug Vernunft" gegeben. In Leipzig seien am "9.10. alle auseinander gehalten" worden. Am Dienstag habe aber erneut Sorge, nun vor dem 16.10., geherrscht. Die Frage sei gewesen: "was ist dann zu erwarten?" Zimmermann betont vor der Kamera:
"Alle haben sich totgestellt".
Dann sei von den Demonstranten versucht worden, "über [die] SED-Führung Zuhörbereitschaft zu finden". Eine Antwort sei am 13.10. gekommen. Sie brachte: Krenz habe gesagt:
"Der nächste Montag muß verlaufen wie der 9.10.!"
Schulte: "Aber wie verhielt sich die Armee? Gab es Vertrauen in die NVA?"
Zimmermann betont, die "Armee" sei "eine geschlossene Gesellschaft" gewesen. Nichts sei über "Differenzierungen" innerhalb der NVA bekannt geworden. "In den 80iger Jahren" sei die Armee unausrechenbar" gewesen.
Schulte: "Konnte man darauf rechnen, daß die Armee über sich hinauswächst?"
Zimmermann: "Gespräche mit Armeeangehörigen waren in den 70iger Jahren möglich. Ab Anfang der 80iger Jahre nicht mehr".
Er habe "erlebt, daß die Armee sich zurückzog. Alltagssorgen konnten in der Armee nicht mehr wahrgenommen werden". Es gab zum Beispiel eine militärische HO-Laden-Organisation. "Signale, daß innerhalb der Armee verschiedene Positionen" bestanden, gab es. Ein Eingehen auf weltpolitische Bewegungen war zu verzeichnen. Der Armeegeneral Hoffmann sei "stärker auf Gorbatschow bezogen" gewesen. So habe der kritische Teil der Bevölkerung vermutet: "Vielleicht kommt da was?" Ein Friedensforscher an der Dresdener Militärhochschule habe ihm gesagt: "Es wird die Armee als politische Größe dann doch noch mitbekommen was sich tut". Aber "das sei nicht der Fall" gewesen. Die Frage war: was wird die NVA tun? Die Schlacht von Dresden habe das Zutrauen der Bevölkerung in die Armee erschüttert.
Schulte: "Trifft es zu, daß der Verteidigungsminister Kessler gesagt hat, wenn die NVA eingesetzt würde, werde er demissionieren?" Die Demonstrationsbewegung habe, so Zimmermann, "von daher keine Bedrohung" erwartet. Die Überzeugung sei gewesen:
"Wir werden von daher [von Seiten der NVA] keine Bedrohung bekommen!"
Schulte: "Gab es einen Schießbefehl?"
Zimmermann: "Es kam darauf an, wie sich die Offiziere in den Städten benahmen. Aber ich glaube, es hat ein Zutrauen gegeben auf eine Änderung der Armee. Es gab ein Zutrauen, diese Volksarme könne eine demokratische Armee werden".
Ab Herbst 1988 hätten sich Offiziere auf ein defensives Militärkonzept eingelassen.
* Interview mit Dr. Zimmermann, Leipzig, 19.9.1990.
Interview mit Professor Unger*.

Professor Unger, der Leiter des Staatsarchivs Leipzig, äußert sich aus seinem eigenen Erleben zu den Vorgängen in Leizig.
Schulte: "Für den Historiker stellen sich aus dem Abstand von einem Jahr einige Fragen. Leipzig war, nächst Dresden, das Zentrum der Demonstrationsbewegung. Wann hat das hier in Leipzig angefangen?"
Professor Unger weist zunächst auf die verschiedenen Ursachen für "das Zusammenklappen der DDR" hin.
"1945 waren hier 50% der industriellen Bruttoproduktion zentriert".
Leipzig habe "immer einen großen Rang für das Ganze" gehabt. Das Gebiet des Südens [der DDR]" , "der Leipziger Raum", sei "von Demontage besonders betroffen" gewesen.
Professor Unger: "Leipzig war immer eine der großen Städte Deutschlands".
Nach dem Krieg habe sie einen "Bevölkerungsverlust von 100 000" Menschen gehabt. "Trotz aller demographischen Verschiebungen" seien dann "nochmals 100 000 verlorengegangen. Und bis jetzt fällt die Kurve. Ja, jetzt geht es anders. Das ordnet sich also ein, was vor einem Jahr geschehen ist - in sehr tiefgreifende Prozesse!"
Im Herbst 1988 habe" er "erstmals an der Nikolaikirche etwas gesehen. Eine Konzentration von Sicherheitskräften an der alten Bürgerkirche der Stadtgründungszeit. Die Menschen wurden mehr und mehr". Er habe sich gefragt, "was geht hier vor sich? Kann man mit den Menschen reden? Sie wollten weg - raus! ´Nein, mit denen kann man nicht reden´, sei ihm gesagt worden. "Es ging ein tiefer Riß durch die Gesellschaft", betont Professor Unger vor der Kamera und akzentuiert: "das war eine schlimme Antwort". Das habe auch "die Agonie der Macht" gezeigt. "Sie war schon 1988 erkennbar".
Professor Unger zitiert den Ruf der Menschen in Leipzig: "Wir bleiben hier", und bezeichnet diesen als den "entscheidenden Ruf". Der 2. Oktober habe dann die Zuspitzung gebracht. Am Montag Abend in Leipzig habe er zugeschaut. Der "Ablauf von Demonstrationen" sei für den Historiker" von besonderer Bedeutung. Um 17 Uhr habe "eine Spannung" über der Stadt gelegen "und lautlos" habe sich der Zug der Menschen "in Bewegung gesetzt.-
Die Stufe vor der Demonstration": Am 2.10. abends sei er auf der Reise nach Wien gewesen und habe in "Dresden die Situation auf dem Bahnhof gesehen. "Die große Menschenmenge, das waren durchweg junge Leute". In Prag hätten seine Mitreisenden den Zug verlassen. Die weiteren Ereignisse habe er in Wien am Fernseher erlebt!
Während der "Ereignisse in Leipzig nach dem 9.10.1989" habe "große Gefahr der Gewaltanwendung" bestanden. Das habe er, Unger, schon am 2.10. abends gesehen. Diese Drohung habe auch nach dem 9.10. fortbestanden. Der 9.10. sei "aber der Wendepunkt" eingetreten.
"Die Zahl der Demonstranten wuchs jedoch weiter. Ende Oktober waren 200000 überschritten".
Der "Ring" von Leipzig sei "total gefüllt" gewesen.
Schulte: "Sehen Sie eine Kontinuität zwischen den Regierungen Honecker und Krenz? Wurde bereitwillig Waffengewalt ins Auge gefaßt?
Professor Unger: "Das ist nach dem 9.10.1989 ausgeschlossen. Eigentlich war der Würfel am 9.10. gefallen". Für den "16.10.1989" habe "Sorge vor erneuter Gefahr" bestanden.
"An den folgenden Montagen nicht mehr. Die Krise des ancien régime war perfekt".
Zum Anteil der Armee an der friedlichen Lösung führt Professor Unger aus:
"An einen unmittelbaren Einsatz war offenbar nicht gedacht".
Die Ereignisse in der gesamten Republik seien ein
"großer Einschnitt in der deutschen Geschichte. Der Demonstrationszug auf dem Ring ist für alle ein Erwachen gewesen. So etwas wie ein Austritt aus selbstverschuldeter Unmündigkeit. Und das hat Jeder diesen mutigen Bürgern zu danken".
* Interview mit Professor Dr. Unger, Leipzig, 19.9.1990.
Interview mit Polizeidirektor Fritsche*.

Polizeidirektor Fritsche referiert: "Leipzig wurde nicht über andere Teile informiert. Kenntnisse bestanden über die Vorkommnisse am 4.10. in Dresden". "Erheblich für Leipzig" sei ein Besuch dort gewesen". Dieser habe sich "nicht unwesentlich auf die folgenden Tage ausgewirkt". Der "Besuch in Dresden" habe in einem "Gespräch von einer Stunde" bestanden. "Andere Gespräche" seien "nicht möglich" gewesen.
Die "Vorbereitung auf den 9.10." sei "unter der Befehlsgebung" gelaufen, "daß zentral befohlen war, Demonstrationen aufzulösen" seien. Die Lagebeurteilung war: "Es kommt zu großen Demonstrationen". Am "9.10.1989, ab Mittag" sei die "ständige Beurteilung der Lage" gelaufen. Als "Information nach oben" sei gemeldet worden:
"auch mit großer Kräfteansammlung ist ein Blutvergießen bei Auflösung der Demonstration nicht zu vermeiden".
Es habe "bis kurz vor 18.30 Uhr am Platz vor der Oper Konzentrationen von Demonstranten" gegeben. Der Chefinspektor wurde informiert. "Um 18.25 Uhr kam der Entschluß, nicht vorzugehen. Sperr- und Räumkräfte wurden in die Tiefe zurückgezogen".
Zur Aktion ausgehend von dem Leiter des Gewandhaus-Orchesters, Kurt Masur, äußert Fritsche "hohe Achtung". Allerdings habe die "Polizei [das] erst nach der Befehlsausgabe mitgekriegt". "Wir haben erst nach der Entscheidung davon erfahren!" Doch habe "der Aufruf Masurs sehr positiv auf die Demonstranten gewirkt". Das sei auch durch die Kirche geschehen. Der Aufruf lautete: "Ohne Gewalt!"
Schulte: "Was waren die Erfolge des 9.10.? War das Thema der Auflösung von Demonstrationen vom Tisch?"
Fritsche: "Auch in uns war gereift: Gegen diese Demonstrationen geht es nicht, polizeiliche Mittel einzusetzen. Schon weit im Vorfeld haben wir darauf aufmerksam gemacht".
Es sei um eine moralische Entscheidung gegangen. Für Polizisten und Kampfgruppen habe Verantwortung bestanden. "Denn ein Schrecken ohne Ende" sei sonst "nicht zu verhindern" gewesen.
"Nach dieser Entscheidung waren andere zentrale Stellen sprachlos. Es war just so, denn so konnten wir unser Konzept fortführen".
* Interview mit Polizeidirektor Fritsche, 19.9.1990.
Interview mit Professor Manfred von Ardenne*.

Professor Manfred von Ardenne führt aus, "bis zum Tode Ulbrichts." und bevor Mittag das Vertrauen geschenkt wurde, "bis zu diesem Augenblick" sei die Bilanz für das System positiv gewesen. Das heißt: bis zum Jahr 1972. Dann sei "unter Mittag eine neunzig prozentige Gewinnbesteuerung" eingeführt worden. Das habe "die komplette Verhinderung der Industrie" bedeutet. Weiter habe "Mittag auch die mittelständische Industrie in volkseigenen Besitz überführt". Von Ardenne spricht von der "katastrophalen Wirkung der Planwirtschaft, einer ´Plan-Marktwirtschaft´. Er habe "zwischen 1955 und 1972 als Privatinstitut [in Dresden] Methoden der Marktwirtschaft praktiziert". Doch die Rahmenbedingungen hätten "nur den Abstieg der Effizienz unserer [DDR-]Volkswirtschaft herbeiführen" können. "Sechzig Industriepartner" seien verloren gegangen. Die "Auswirkungen" hätten sich in einem Verlust "in Höhe von 1,3 Millarden Mark" niederge- schlagen. Dieser "Abstieg in der Wirtschaft bedingte [1985] einen Brief [Ardennes] an Egon Krenz. Die Reaktion von Krenz: ein freundlicher Brief als Antwort. Nach diesem Geschehnis: keine Taten! Krenz konnte es nicht wagen, Honecker und Mittag gegenüber in Richtung Reformen aktiv zu werden".
1987 erschien der Minister für Staatssicherheit der UDSSR und fragte nach dem Brief an Krenz und nach dem Ergebnis. Moskau wollte erfahren: Wer ist Reformer [in der DDR]?" Drei Wochen später habe von Ardenne, bei Gelegenheit eines Empfanges, über den Besuch aus Moskau Krenz gegenüber gesprochen. Dieser sei erbleicht und habe geantwortet: "Bitte schweigen Sie!"-
Von Ardenne unterstreicht vor laufender Kamera, in den folgenden Jahren sei die Wirtschaft "in Richtung Chaos" abgeglitten. Die "Fluchtbewegung am 12./13.10.1989 habe ihn, anläßlich einer "Urania-Veranstaltung", zu einer "sehr ernsten Rede" inspiriert. Die Entspannung in Dresden habe er mit Freude registriert, "da [er dort] Blutflecken auf der ´Straße der Einheit´ gesehen" habe. Vor 2500 Zuhörern hielt von Ardenne "eine Rede mit Forderungen nach Reformen". Der Inhalt war der ´Krenz-Brief´. Er erntete große Zustimmung bereits "zur Zeit Honeckers. Die gesamte Dresdener Presse brachte den Wortlaut der Rede. Zwei Tage später: der Sturz Honeckers".
Das sei der "Schicksalstag" gewesen, so von Ardenne.
Ardenne: "Die Weiche zur Gewaltlosigkeit wurde in Dresden gestellt. Nach Erzählungen von Oberbürgermeister Berghofer und Modrow: In diesem Augenblick, als es gelang, Krenz in Berlin dazu zu bestimmen, daß Krenz den vorbereiteten [Schieß-] Befehl zerriß. In Krankenhäusern waren bereits Etagen freigemacht für Verwundete bei Einsätzen à la China! Die Ärzte waren bereitgestellt".
Schulte: "Stand in diesem Befehl Konkretes?"
Von Ardenne: "Wir hörten von diesen Details von denen, die in diesen geschichtlichen Augenblick eingebunden waren...".
Schulte: "Hieß das auch ´Schießbefehl´?"
Von Ardenne: "Es war die Anweisung, auch mit Gewalt auf das Vordringen des Volkes zu antworten!"
Interview mit Oberst Hempel*.
Oberst Hempel, im September 1990 Leiter der Presseabteilung des Verteidigungsministeriums der DDR, äußert sich am 3.Oktober 1990 zu Hintergründen der Unruhe kurz vor Ende der DDR-Staatlichkeit am. Im Verlauf seiner Ausführungen kommt er auch auf die Situation des Oktober/November 1980 zu sprechen.
Schulte: "Gibt es latente innere Unruhe in der NVA?"
Hempel: "In gewissem Sinne, ja. Die Unruhe in der Armee ist älter als das Datum November 89. Sie ist nicht so offenkundig gewesen. Es hat auch vor November 89 viele Leute gegeben, die sagten, es muß sich was ändern. Aber Unruhe in dem Sinne, so kann das nicht weitergehen, die war da. Da ist schon drüber gesprochen worden. Die Soldaten waren ja nicht im Exil, sondern waren in dem Volk, in der Gesellschaft. Die Soldaten haben gespürt, daß das mit der Wirtschaft nicht mehr ging. Es blieb die Erklärung: das Geld reicht nicht.
Wie kann das funktionieren?- Wenn Plan erfüllt, dennoch kein Geld? Muß die Armee so groß sein? Brauchen wir eine so hohe Bereitschaft? - Die Unruhe ist nicht zum Ausdruck gekommen. Im November/Dezember 1989: Mit wieviel Sympathie das aufgenommen wurde was in Leipzig/Dresden war. So der Mut: "Wir bleiben hier, wir wollen das Land verbessern. Das hat viele Offiziere zur Teilnahme gebracht. Ausdruck für die Unruhe in der Armee".
* Interview mit Oberst Hempel, Strausberg, September 1990.
Interview mit Admiral Hoffmann, Verteidigungsminister der DDR*.
[...] Schulte: "Unter Keßler gab es schon im Oktober/November 1989 Reformen der (strategischen) Militärdoktrin und Truppenreduktionsmaßnahmen?"
Hoffmann: "Die NVA war für Reformen überreif. Ich würde denen zustimmen, die sagen, daß beginnend im Jahre 1987 Veränderungen durchgeführt wurden. Doch von einer umfassenden Reform war man weit entfernt. Auf diesem Gebiet ist in allen Teilstreitkräften viel gemacht worden.
Am 14.11.1989, im Kollegium, hat Generaloberst Strehletz eine Menge von Maßnahmen bekannt gemacht. Aber das Hauptproblem, aus einer Parteiarmee eine Volksarmee zu machen, wäre nicht in Angriff genommen worden. Was durchgeführt worden ist, waren Einzelmaßnahmen".
Schulte: "´Kostenreduktionsmaßnahmen´ angesichts des sich abzeichnenden Staatsbankrotts?"
Hoffmann: "Es ging um Kostenreduzierung. Dazu gab es ein ganzes Programm. Es ging auch um eine Reduzierung der ganzen Technik. Es gab schon Vorstellungen, aber es war nicht die Reform, die notwendig gewesen wäre. Alle wußten, eine grundlegende Reform ist notwendig. Als ich am 15. ins Ministerium gerufen wurde, war mir klar, daß die Hauptaufgabe war die Militärreform, um die NVA zu erhalten. Dieser Aufgabe wollte ich mich stellen. Am 17.11.1989 habe ich die Stellvertreter des Ministers zusammengerufen und den Hauptinhalt durchgesprochen und für den 20.11.1989 eine Kommandeur-Tagung verabredet. Das war unser Wille".
Schulte: "Die Situation im Oktober/November 1989: die Armee war gegen das eigene Volk eingesetzt. Wie ging es weiter? Wie war die innere Situation der NVA?"
Hoffmann: "In den Sommermonaten war die Stimmung in der NVA nicht anders als in der Bevölkerung insgesamt. Es bestand eine hohe Belastung der Berufssoldaten und aller Soldaten. Wesentliche Kürzungen im Etat der Armee traten ein. Ich muß schon sagen, daß sich die Unterkünfte in einem sehr schlechten Zustand befanden. Privilegien blieben nicht ohne Auswirkung. Die NVA war nicht gegen das eigene Volk einsetzbar und das wußte auch die Armeeführung.
Natürlich gab es noch bis zum November Festlegungen, die den Einsatz in der zweiten Reihe vorsahen. Konkret war im MB III die erhöhte Gefechtsbereitschaft ausgelöst[...]. Es war zum Einsatz der NVA gekommen. Sie blieb in der zweiten Reihe. Das alles hat natürlich beunruhigt. Es war in der NVA überall die Forderung zu hören: ´Wir wollen eine wirkliche Volksarmee werden´. Damit war verbunden, sich von der alten Armee zu trennen und dieser Forderung sind wir nachgekommen [...].
* Interview mit Admiral Hoffmann, Strausberg, 19.9.1990.
Interview mit Oberstleutnant Professor Dr. Meisner, Militärgeschichtliches Institut der Nationalen Volksarmee, Potsdam*.
Schulte: "Gibt es unter Umständen ein Koinzidenz der Ereignisse zwischen den Zuständen im Deutschen Kaiserreich von 1871-1914/18 und den unter Umständen vorhandenen Problemen, Lösungen, Aktionen der NVA um den 1. bis 10.10. [1989] herum?"
Meisner: "Sie wissen, daß im Kaiserreich keine spezielle Ausbildung für den Einsatz des Heeres im Innern erfolgte. Sie wissen aber auch, daß die Versuchung immer wieder groß war, das Heer einzusetzen. Insofern gibt es eine Parallelität. Die NVA hat, soweit mir das bekannt ist, niemals in ihrer Geschichte eine spezielle Ausbildung erfahren für den inneren Einsatz. Dafür sind andere bewaffnete Organe in der DDR vorgesehen gewesen. Sie wissen, daß wir eine Bereitschaftspolizei haben, daß es die Kampfgruppen gegeben hat.
Die NVA war, auch in ihrem ganzen Selbstverständnis, auf einen äußeren Einsatz , auf die Abwehr einer Aggression von außen vorbereitet. Das zeigte unter anderem, daß es solche Überlegungen gegeben hat an bestimmter Stelle, d.h. in der Parteiführung, die NVA eventuell zum Einsatz zu bringen, daß man dann spezielle Strukturen schaffen mußte, die Armee atypische waren. Es wurden Hundertschaften gebildet, eine Einrichtung, die es niemals vorher gegeben hatte in der NVA. Und es stieß auch bei großen Teilen des Offizierkorps, des Unteroffizierkorps, und natürlich bei den Wehrpflichtigen, auf Ablehnung. Für einen inneren Einsatz wollte man sich nicht mißbrauchen lassen!"
Schulte: "Man hat von außen her den Eindruck, daß es in diesen Tagen in Dresden, in Leipzig einen Einsatz
a) gegeben hat, auf der einen Seite,
b) ein solcher Einsatz unmittelbar bevorstand und
c) es sogar ein Befehlswerk dazu gab.
Also mehrere Befehle, die einen Einsatz der Armee als unmittelbar bevorstehend charakterisieren".
Meisner: "Was das Befehlswerk angeht, da wäre es richtig, die Leute zu befragen, die damit befaßt waren".
Schulte: "Es ist also nirgends festzustellen, wo die Befehle sind?"
Meisner: "Ja, die sind mir, als einem Militärhistoriker, natürlich auch nicht bekannt, was den erwarteten Einsatz im Herbst anging. So weiß ich, das geht aus dem Untersuchungsbericht der unabhängigen Kommission hervor, die sich mit dem Verhalten der NVA im Herbst 1989 befaßt hat, daß tatsächlich in Dresden und in Leipzig Einheiten vorbereitet waren, die kurze Zeit auch mit Schußwaffen ausgerüstet waren, die man dann wieder ablegte und dafür - auch eine atypische Maßnahme für eine Arme - Schlagstöcke ausgab. Lassen Sie sich aber etwas anderes dazu sagen:
Ich glaube, daß der Historiker - und zumal der Zeitgeschichtler, eines Tages die Aufgabe haben wird, diese Ereignisse sehr gründlich zu untersuchen. Daß es dort auch Ergebnisse geben wird, auch hinsichtlich des persönlichen Verhaltens einiger hoher Offiziere, und es ist nicht ausgeschlossen, daß wir dem einen oder anderen dankbar sein müssen, daß er mit großer Konsequenz es abgelehnt hat, sich für eine ´chinesische Lösung´mißbrauchen zu lassen!"
Schulte: "Das könnte heißen, daß man in bestimmten Etagen der staatlichen wie der politischen Führung allgemein sich mit diesem Einsatz à la China beschäftigt hat?"
Meisner: "Ich halte dies für möglich, da die gesamte Politik einen Grad an Irrationalität im Herbst 1989 erreicht hatte, der für meine Begriffe im Denken einiger damals Verantwortlicher durchaus den Punkt erreicht hatte: jetzt Alles oder Nichts! Dieses Alles oder Nichts hätte bedeutet, es auf einen bürgerkriegsähnlichen Zustand ankommen zu lassen".
Schulte: "Wollte die Gruppe um Krenz die ´chinesische Lösung´? Und Krenz´Anteil an der Verhinderung des militärischen Einsatzes war gering?"
Meisner: "Die Meinungen dazu sind sehr widersprüchlich. Die Aussagen von Krenz selbst sind sehr widersprüchlich. In der ersten Zeit, als die Chance bestanden hätte, seine Rolle darzulegen, hat er darauf verzichtet. Anderes ist bekannt geworden durch Interviews und sein Buch, das er gemacht hat. Ich kann es nicht beurteilen. Ich kann nicht beurteilen, wer welche Entscheidungsgewalt in dieser Phase im Herbst [besessen hat].
Ich kann Ihnen nur soviel sagen, daß die Zuspitzung der Lage im Herbst für jeden spürbar war und daß eine Entscheidung heranreifte, die viele fürchteten. Und aus dieser Furcht heraus begründet sich für mich die Überlegung, daß viele in diesem Land damit rechneten, daß es Verantwortliche geben könnte, die durchaus bis zum Letzten gehen würden".
Schulte: "Die Lage in Prag, Warschau, Dresden. Die Züge. Dann bei Durchschleusung durch Dresden die Demonstrationen und Gewalttätigkeiten dort. Dann die flächenbrandartige Ausbreitung der Unruhen: wie haben Sie das persönlich erlebt?"
Meisner: "Das sind Wochen und Monate gewesen, die man in seinem Leben nicht wieder begißt. Aber um die ganze psychologische Situation in der DDR zu verstehen, muß man tiefer loten; man muß bis in das Frühjahr zurückgehen. Es deutete sich an, daß die Krisenerscheinungen, die die Ökonomie betrafen, die Politik betrafen, die ganze Medienlandschaft betrafen, daß diese Krisenerscheinungen auf eine Lösung drängten, die von allen erwartet wurde. Und dann wurde vielen Menschen deutlich, daß das, was mit dem XII.Parteitag bevorstand zu einer übertriebenen Kontinuitätslinie führen würde. Es würde sich nichts verändern in diesem Lande. Die Sorge, daß es zu einem wirtschaftlichen Zusammenbruch, zu einem Chaos, zu einem Zusammenbruch kommt, verstärkte sich bei vielen Verantwortungsträgern. Die Menschen spürten das natürlich in ihrer ganzen Konsumlage. Es entstand eine nahezu ausweglose Situation. Nur das muß man zugrunde legen, wenn man verstehen will. Warum hat 40 Jahre lang schlecht und recht alles funktioniert und wieso kommt es gerade 1989 zu einer solchen Zuspitzung? Viele Menschen begriffen die, damit sind die politischen Verantwortungsträger gemeint, die machen so weiter. Hier wird sich nichts verändern in diesem Lande. Ich brauche eine individuelle Lösung und das führte zu dieser Massenflucht.
Ich selbst habe das natürlich, wie alle Kollegen bei uns in diesem Haus mit großer Sorge verfolgt, weil uns spätestens seit dem Sommer deutlich war, daß niemand mehr weiß wie man noch Politik machen soll in diesem Lande. Der Irrationalismus nahm zu. Die Entscheidungen wurden immer konfuser und seinen Höhepunkt erreichte das in dem Augenblick, als die Botschaften geräumt wurden über das Territorium der DDR. Damit war endgültig klar, daß diese politische Mannschaft endgültig versagt hatte, daß sie damit auch in Gefahr gebracht hatte, was politisch durchaus erhaltenswert gewesen wäre. Das alles hat bei uns in der persönlichen Sphäre zu schweren Belastungen geführt. Und ich habe das auch in einer ganz individuellen Sorge um meine Familie, um meine Arbeitskollegen, auch um jene, die den gleichen Rock tragen wie ich, verfolgt".
Schulte: "Die Haltung der Führung gegenüber dem Volk der DDR, die Gleichsetzung von Volk und Konterrevolutionären: Hätte sich daraus in der Sicht der damaligen Führung ein solcher militärischer Schußwaffeneinsatz, und, unter Umständen, sogar der Einsatz von ganzen Divisionen entwickeln können?"
Meisner: "Ja, da haben Sie absolut recht. Das hängt mit dem Selbstverständnis von Revolution und Konterrevolution zusammen. Alles was im Sinne von selbstverstandenem gesellschaftlichen Fortschritt und war revolutionär. Alles was dem entgegenstand war konterrevolutionär. Die Konterrevolution mußte, auch das was selbstverständlich für die politische Führung, mit aller Kraft bekämpft werden. Nur so kann man erklären den absonderlichen, schäbigen Beifall gegenüber der chinesischen Lösung in Peking. Dieser Beifall hat ja bei uns besondere Sorgen ausgelöst.-
Wir wußten in dem Augenblick auch, daß das als Drohung gegen die eigene Bevölkerung gedacht war".
Schulte: "Gab es einen Bürgerkriegsplan, oder eine`´Vorschrift für den Kampf in insurgierten Städten´?"
Meisner: "Also hier muß ich mit einer Vermutung antworten, da ich nicht am Tisch von Keßler gesessen habe. Diese Vermutung stützt sich aber auf meine ganze Erfahrung, auch aus der historischen, an der Arbeit über die NVA. Ich meine nicht, daß es so etwas gegeben hat. Wie entwickelt sich die Stimmung? Die Analysen galten in erster Linie der NVA selbst. Das machte der Politapparat. Aber der Politapparat hatte mit militärischem Einsatz nichts zu tun gehabt. Und wo ich ganz sicher bin, daß ab der Ebene des Militärbezirks, der Kommandos, der Wehrbezirke und der Division solcherlei Vorstellungen überhaupt nicht bestanden. Das zeigt sich auch im Verhalten der Kommandeure, der Divisionskommandeure dann tatsächlich im Oktober/November 1989, die eine hohe Bereitschaft erkennen ließ. Jawohl, das sind vom Volk artikulierte Forderungen, die wir unterstützten. Gegen die zumindest wir nicht vorgehen und schon gar nicht mit Waffengewalt. Diese Bereitschaft war groß und aus vielen Gesprächen in der damaligen Zeit weiß ich, daß das auf die Offiziere, auf das Offizierkorps, sehr beruhigend gewirkt hat, daß man auch bei den Vorgesetzten dafür Verständnis fand".
Schulte: "Kann man sagen, daß es innerhalb der Nationalen Volksarmee Gruppierungen, Gruppen, eine Tendenz gegeben hat, die eine sehr selbständige Orientierung des Offizierkorps, der Generalität bedingte, die dahin zielte, daß die Armee im letzten nicht völlig unterworfen war der herrschenden Führungslinie der SED. Sondern, daß sie eine gewisse Distanz hatte, die sich im Laufe der Jahre erst entwickelte, und daß schließlich und endlich eine Art ´Widerstand´in der NVA existiert hat"?
Meisner: "Aber ich möchte etwas anderes sagen. Im Westen gab es und gibt es das Kürzel ´Parteiarmee´. So ist die NVA im Prinzip abgestempelt seit den 50iger Jahren. Und da ist natürlich was dran.- Die Partei hat sehr frühzeitig, und unmittelbar nach Gründung der NVA, Bestrebungen gezeigt, die Armee von Außen und von innen her zu kontrollieren.
Es gab entscheidende Jahre, 1957/58. Da hat sich das Politbüro der SED in wenigen Monaten konsequent mit den Verhältnissen in der NVA befaßt. 1958 wurde das Verhältnis zwischen den Kommandeuren und Politstellvertretern geregelt - per Befehl. Tatsächlich, es gibt viele Tendenzen, die kann man durch die ganze Geschichte der NVA verfolgen, Streitkräfte zu einer Parteiarmee zu machen. Wie jedes Kürzel, stimmt eben auch dieses nur bedingt. Im entscheidenden Punkt ihrer Geschichte hat diese Armee eben nicht als Partei-Armee reagiert, sondern als Volks-Armee.
Herr Eppelmann hat im Mai dieses Jahres seinen Dank ausgesprochen. Und ich glaube schon, er weiß wovon er spricht. Wenn er meint, daß der Charakter als Volksarmee, mag das auch ein an verschiedenen Stellen der Geschichte der NVA ein demagogischer Ansatz gewesen sein, der Begriff ´Volksarmee´, im Selbstverständnis immer eine Armee des Volkes [bedeutete]. Und gegen das Volk vorzugehen, das entsprach nicht diesem Selbstverständnis. Ich meine also, daß man nicht von Widerstand sprechen kann, aber daß es kein bedingungsloses Unterwerfen unter eine irrationalistische Entscheidung der Partei gegeben hätte, wie dieser Herbst gezeigt hat. Wobei bestimmte Punkte der Geschichte der NVA natürlich auch kritisch aufgearbeitet werden müssen, wo man so gehandelt hat ,wie die Partei es befahl. Ich erinnere an die schlimmen Tage im Sommer 1961, den Einmarsch in die CSSR. Obgleich Truppen der NVA tschechischen Boden nicht betreten haben, sind sie doch in Vorbereitungsräumen gewesen und es hat ein hohes Maß an Bereitschaft gegeben, den Befehlen der Partei zu folgen".
Schulte: "Die NVA war also nicht zum inneren Einsatz bereit? Wann sich diese innere Distanz auf Seiten der NVA entwickelt hat, ist nicht mehr genau feststellbar?"
Meisner: "Sie hat sich in demselben Maß entwickelt wie die Distanz des Volkes zur politischen Führung überhaupt".
Schulte: "Vielleicht im Verlauf der 70iger Jahre?"
Meisner: "Wobei für mich zweifelhaft scheint, ob die Armee 1965 oder 1968 einsetzbar gewesen wäre. Auch das glaube ich nicht. Die Distanz zu der Gruppe um Honecker, welche die entscheidenen 80iger Jahre prägte, als viele Hoffnungen aufkeimten, siehe Gorbatschow, siehe Glasnost und Perestroika. Diese Distanz ist tatsächlich spürbar stärker geworden in den 80iger Jahren, ohne daß sie zur Formierung einer Widerstandsgruppe geführt hätte. Sie hat dazu geführt, daß in einem entscheidenden Augenblick die Überlegung bestand: hier hat eine Politik versagt, hier hat wahrscheinlich sogar ein ganzes gesellschaftliches System versagt. Das war ein großer Lernprozeß im Herbst des vergangenen Jahres, begreifen zu müssen, daß ein ganzes Volk sich gegen die Regierung stellt und dort seinen eigenen Standpunkt festlegen zu müssen. Der war, so können wir heute mit Genugtuung feststellen, in der Mehrzahl der Fälle, bedingt durch führende Kräfte, in der Armee klar und eindeutig auf der Seite des Volkes".
Schulte: "Der November in Berlin: Kennen Sie Eppelmanns Bemerkung zu Goldbachs Rolle beim Verhindern des Einsatzes einer Mot-Schützen- Division".
Meisner: "Ich weiß nicht sehr viel mehr, als Sie mir jetzt gesagt haben. Auch das wird eines Tages sicherlich öffentlich gemacht werden. Wir hörten das hier im Hause gerüchtehalber und haben damals gesagt:
´Derjenige, der diese Entscheidung getroffen hat, die Division nicht aus den Objekten herauszuziehen, dem wird man dereinst ein Denkmal bauen!´
Ich glaube, er hat es verdient; im übertragenen Sinne selbstverständlich. Dann der Irrationalismus, von dem ich eben sprach, als die Grenze geöffnet wurde. Wer dort noch einmal versucht hätte, auch nur im leisesten militärische Macht auch nur zu demonstrieren, der hätte in Kauf genommen, daß es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen in diesem Lande gekommen wäre. Was das im Herzen Europas bedeutet, das wissen wir als Historiker ganz genau. Ich kenne keine Einzelheiten und keine Fakten. Aber ich sage Ihnen, ich bin genauso neugierig das zu erfahren wie Sie. Denn das dürfte, wenn man die Gesamtsituation im Herbst 1989 noch einmal beleuchtet, einer der Schwierigsten gewesen sein und wird sicherlich nachhaltig wirken, wenn wir darüber nachdenken, was ich in der Zusammenarbeit der beiden deutschen Staaten in ihrer Vereinigung künftig zu gestalten sein wird".
Schulte: "Die 40-Jahr-Feier und Demonstrationen im ganzen Land! Demonstrierende Bevölkerung im Land und paradierende Volksarmee vor Honecker. Ist das nicht genau das, was die Belastung der NVA in unserem Geschichtsbild heute ausmacht?"
Meisner: "Hier müssen wir wieder den Blick auf die ganze Gesellschaft richten. Die Schizophrenie - nach außen etwas anderes darstellen zu wollen, als der innere Zustand des Landes schon war - diese Schizzophrenie ist es. Diese Schizzophrenie finden Sie in der DDR-Geschichte immer wieder. Es hat immer wieder den Fall gegeben, Einheit zu demonstrieren zwischen den Volksmassen oder ihren Teilen, siehe Kampfgruppen-Aufmärsche, siehe Volksaufmärsche und Pioniere. Es bestand eine Sucht bei der politischen Führung, sich bei diesen Aufmärschen zu zeigen, ohne aber die Öffentlichkeit zu suchen. Öffentlichkeit suchen hieße ja, Kontakt zu den Menschen haben! Es ging nicht um den Kontakt zu den Menschen, sondern es ging immer um das Demonstrieren der bestehenden Einheit. Und dort ist die NVA stets miteinbezogen worden. Es gab seit langem Stimmen im militärischen Bereich, die da sagten:
wir können nicht auf der einen Seite sagen, der Krieg ist nicht mehr führbar und auf der anderen Seite Raketen über den Marx-Engels-Platz fahren. Da stimmte etwas nicht".
* Interview mit Oberst Prof.Dr.Meisner, 7.6.1990, 10 Uhr.

"Die Nationale Volksarmee in Krisensituationen des DDR-Staates, 1949-1989" *.
1. Dokument:



2. Dokument:




















