Warning: file_get_contents(index.htm): failed to open stream: No such file or directory in /var/www/web15/html/forumfilm_de/link.php on line 21

Bernd F. Schulte

Wilhelm II.: Epochenfigur und Versager.

Deutschland in den Krieg stürzen?*


Wilhelm II., während des Ersten Weltkrieges als kinderfressende Bestie dargestellt, war vor 1914 eine der schillernden Gestalten auf der Bühne der Geschichte. Von 1918 bis 1941 lebte er zurückgezogen und isoliert in seiner Traumwelt auf Schloß Doorn, seinem holländischen Exil. Im Jahre 1988 jährt sich der Regierungsantritt des letzten deutschen Kaisers zum 100. Mal. Anlaß genug für eine Ende des Jahres 1987 vorgestellte Aufsatzsammlung zu Geschichte und Bedeutung dieser umstrittenen Epochenfigur.

Der Autor dieses Bandes, der englische Historiker John C.G.Röhl, ist aus seinen Beiträgen zum ersten deutschen Historikerstreit der 6Oiger Jahre bekannt. Damals ging es im Anschluß an die Arbeiten des Hamburger Historikers Fritz Fischer um die deutsche Politik vor und im Ersten Weltkrieg: deren Anteil am Ausbruch dieses Konfliktes und die Kriegsziele des Kaiserreiches zwischen 1914 und 1918. Röhl hat sich insbesondere der Innenansicht des Kaiserlichen Deutschland gewidmet, und hier vor allem dessen Regierungssystem im Verlauf der Staats- und Verfassungskrise der Nach-Bismarck-Ära. Widerspruch erntete Röhl damals hauptsächlich von Seiten der nationalkonservativen deutschen Historikerzunft. Seine enge These vom Kriegsentschluß des Führungszirkels um Wilhelm II., anderthalb Jahre vor dem tatsächlichen Kriegsbeginn im Dezember 1912, ist bis heute umstritten.

Unter dem Eindruck dieses Widerstandes verlagerte Röhl den Schwerpunkt seiner Forschungen auf die Rolle und den Einfluß des Kaiser-Intimus, Botschafter und ausgewiesenen Diplomaten Philipp Eulenburg, welcher während der 1890er Jahre einer der Weichensteller wilhelminischer Personalpolitik war. Im Zuge neuer Einsichten in den informellen Führungsstil Wilhelms II., dessen potentielle Homosexualität, Skandale und Eigentümlichkeiten, drängt sich dem englischen Forscher zunehmend die Frage nach der tatsächlichen Bedeutung dieses Kaisers für die deutsche Geschichte des späten 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts auf.

Hier bleibt zu betonen, wie - unterschiedlich zur westdeutschen Geschichtsschreibung - im angelsächsischen und allgemein westlichen Ausland die Zäsur des Ersten Weltkrieges für die jüngere europäische und Weltgeschichte gesehen wird. 1914 ist hier der tiefste Einschnitt der modernen Geschichte.

Im Verlauf seiner Arbeiten, die vorerst in der umfassenden Edition des Eulenburg-Nachlasses gipfelten, schälte sich für Röhl heraus: Wilhelm II., dieses "verwöhnteste Kind Europas", wie ihn Churchill nannte, sei der Dreh- und Angelpunkt deutscher Politik von den 1890er bis zu den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts gewesen. In gewissem Umfang relativiert Röhl selbst diese These mit dem Hinweis, seit den frühen Regierungsjahren habe dieser Kaiser unter dem zunehmenden Einfluß seiner militärischen Umgebung gestanden. Eine Behauptung, die Röhl mit vielfältigen Hinweisen auf die Flügeladjutantenphalanx und Politik um den Kaiser, dessen militaristische Neigungen bis hin zur Vorliebe für großgewachsene, gutaussehende junge Offiziere zu stützen sucht.

Gewiß, der Hohenzollern-Regent besaß schon eo ipso, als Zentrum der höfischen Gesellschaft Preußen-Deutschlands, einige Gravitationskraft. Dennoch, und das bleibt das Hauptproblem des Röhl'schen Ansatzes, ist zu verifizieren, wie maßgebend der Berliner Hof für diesen großpreußischen Staat am Beginn des sich herausbildenden industriellen Zeitalters war, einschließlich der industriell-bürgerlichen Eliten. Neuen Aufschluß vermittelt Röhl, indem er akribisch den byzantinistischen Regierungsstil des Kaisers nachzeichnet. Dabei erscheint wichtiger, als das zeitgenössische Gerücht, Kaiser Wilhelm wolle auf jeder Jagd der Hirsch, die Braut auf jeder Hochzeit und die Leiche bei jeder Beerdigung sein, die Tatsache, daß der Hohenzoller zu den reichsten Männern Deutschlands zählte. Neben einem ungeheueren Privatvermögen verfügte er z.B. insgesamt über mehr als 40 Schlösser, Während schon vor 1910 der Berliner Hof täglich über 43,000.- Mark verschlang, kam damals ein Arbeiter kaum auf 1.000.-- Mark Jahreslohn. Ein Dokument besonderer Art ist das im Grunde militärische Rang-Reglement des Berliner Hofes mit seinen 62 Stufen, das selbst das Zeremoniell der österreichischen und der sächsischen Residenz in den Schatten stellte und vor allem die Prävalenz des Militärs vor Würdenträgern aus Klerus, Adel und Bürokratie heraushebt. Insgesamt ein wesentlicherer Einblick in die preußisch-deutschen Verhältnisse, als die Momentaufnahme von Generälen, während einer der Nordlandreisen, und des Hosenträger durchschneidenden Kaisers.

Röhl beweist insgesamt die Reichweite seines konventionellen, biographisch orientierten Ansatzes. In der Überfülle neu erschlossener Details, Akten und Dokumente, sieht er mit Recht die Bedeutung seines Werkes, das einer lange Jahre vernachlässigten und pauschal verurteilten und verdrängten Persönlichkeit unserer Geschichte gilt. Doch gerade dieses Objekt der Röhl'schen Forschungen Bereitet Schwierigkeiten. War Wilhelm II., dieser an sich unernste Mensch, als Monarch nicht eher "Guillaume le timide" ("Wilhelm der Schreckhafte")? Ein Vakuum auf der politischen Bühne oder - wie Röhl es versteh - der wahre Initiator im politischen Kräftespiel?

Ein Beispiel: Wilhelm II. der Reisekaiser. Er floh vor seinen Aufgaben und Verpflichtungen von Berlin nach Korfu, ins Elsaß und nach Wiesbaden, Cowes, Wilhelmshöhe, Prökelwitz, Kiel, Springe am Deister, Rominten, Letzlingen, Liebenberg, Schlesien und Donaueschingen. Er fand es wichtiger, auf Hirsche anzusitzen, als seine Reichskanzler und Kommandierenden Generale zum Vortrag zu empfangen. Zusätzlich verließ ihn gerade dann stets der Mut, wenn es galt, internationale Krisenlagen nervlich durchzustehen. So fürchteten die deutschen leitenden Politiker des neuen Jahrhunderts - Bülow und Bethmann Hollweg - nichts so sehr, wie das Auftreten des Kaisers in solchen Lagen. Sei es nun während der Marokkokrisen 1905 und 1911, der Bosnienkrise 1908/09 oder bei Kriegsausbruch 1914. Den wirklichen Kaiser zeigt wohl die Szene auf der Höhe des Taunus nach der Beilegung der Marokkokrise 1911, als Wilhelm II., mit weitausholender Geste, in die Ferne wies und Bethmann Hollweg fragte:

"Und dieses Land soll ich wegen Marokko in den Krieg stürzen?"

Wie gering die Bedeutung des Kaisers tatsächlich war. zeigt sein völliges Zurücktreten mit Beginn des Krieges und nach dem Scheitern der Marneschlacht 1914.

Diese Hinweise schmälern aber keineswegs Röhls Verdienst, mutig eine derartig umstrittene Gestalt wie Wilhelm II. erneut in das Licht der Forschung gerückt zu haben. Dennoch scheint es riskant, sich dem Kaiser überwiegend psychologisierend zu nähern. Das Bild der Akten zeigt ihn, wenngleich im Zentrum der Verbindungen befindlich, so doch eher als Funktion seiner Umgebung. Den Reichskanzler Bethmann Hollweg in der Vorbereitung auf einen großen kriegerischen Konflikt als machtlos zu verstehen, bleibt angesichts Dessen, von Röhl zitierten Gespräches mit dem Feldmarschall v.d. Goltz-Pascha im Dezember 1912, das ich 1977 mitteilte, unverständlich. Erst recht aber sollte ein weiterer Gegenstand Röhlscher Interpretation, der sogenannte "Kriegsrat" vom Dezember 1912, und der nach Röhl damit verbundene Entschluß des Kaiserreiches zum Krieg, nicht lediglich als Einzelereignis von stilbildender Bedeutung gesehen werden. Vielmehr würde dieser wertvolle Ansatz, übergreifend eingesetzt, indem das gesamte Spektrum der deutschen Kriegsvorbereitungen einbezogen würde, dessen volle Erklärungskraft entwickeln. Röhl sieht hier jedoch eine Schwäche seiner Argumentation, denn jener Teil der deutschen Führung, um den es hier entscheidend geht, die Militärs, ist bisher kaum angemessen dargestellt.

Röhl arbeitet seit diesem hier besprochenen Band an einer dreibändigen Biographie des deutschen Kaisers. Die These von dem entscheidenden Einfluß der Militärs auf Wilhelm II., und damit auf die deutsche Politik um die Jahrhundertwende, wird der englische Historiker darin wahrscheinlich neu belegen. Dieser Gedanke ist aller Voraussicht nach wesentlich tragfähiger, als das so oder so geartete Liebesleben des Kronprinzen Wilhelm und späteren deutschen Kaisers. Momentan wird Röhl von ungewohnter konservativer Seite akklamiert. Die internationale Forschung hat die Biographie und auch Wilhelm II. neu entdeckt. Vor diesem Hintergrund können Röhls weitere Beiträge mit Recht und Spannung erwartet werden.

" J.C.G.Röhl: Kaiser, Hof und Staat. Wilhelm II. und die deutsche Politik, München (Beck) 1986 (Kartoniert: Beck'sche Reihe Bd. 1501/9. 2002). Diese Version der Besprechung des Röhl-Bandes wurde im August 1988 vom NDR/Rundfunk gesendet. Rolf-Martin Corda bemerkte damals etwas säuerlich-arrogant, diese Rezension sei "sendbar" gewesen (Text und Titel hier geringfügig überarbeitet).

Diesen Artikel bookmarken
Diesen Artikel bei Mister Wang bookmarkenDiesen Artikel bei Folkd bookmarkenDiesen Artikel bei Google bookmarkenDiesen Artikel bei Webnews bookmarkenDiesen Artikel bei Yigg bookmarkenDiesen Artikel bei Linkarena bookmarkenDiesen Artikel bei Reddit bookmarkenDiesen Artikel bei Delicious bookmarken